Autor: André Vollmer

  • Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #2

    Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #2

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Das Motiv ihres Gemäldes war unmittelbar dem Leben entnommen, ohne aber das Leben bloß nachzuahmen, es dadurch zu verdoppeln und womöglich durch einen ästhetisierten Zwilling zu ersetzen. Es war ein Moment intensiven Schreckens, den Janna mit Unmengen an Farbe in die Leinwand geradezu hineingeklatscht hatte, um dann die Konturen aus dem Meer von Indigo, Purpur und Sumpfgrün hervorzuarbeiten, einem Meer, das tief reichte. Diesen Motiv gewordenen Moment hatte die Malerin selbst erlebt – erleben müssen! Doch heute Abend war es ihr gelungen, seine erschütternde Kraft in die Mittel der Gestaltung zu übertragen und darin zu binden, wie um sich ein für alle Mal davon loszumachen.

    Dieses Jahr würde es klappen! Dieses Jahr würden die Juroren ihr Talent erkennen! Janna durfte nur nicht die Einreichfrist versäumen, so wie im vergangenen Jahr, als sie sich mutlos gefühlt hatte. Die Bewerbung musste diese Woche raus.

    Lächelnd trat Janna in die Pedale.

    Unter den Fahrradreifen knirschte der abschüssige Sandweg. Es ging in eine Senke, an deren tiefsten Stelle sich rechts des Weges der Schreventeich auftun würde, links hingegen eine ausgedehnte Wiese, die sommers zu dieser Zeit noch bevölkert gewesen wäre. Da die Nächte kalt, windig und verregnet geworden waren, so wie es der Herbst an der Ostsee mit sich brachte, lag die Wiese leer und verlassen da.

    Nur wenige Laternen spendeten längs der Sandwege Licht. Spätabends war der Schrevenpark größtenteils stockduster. Normalerweise mied Janna schlecht ausgeleuchtete Orte zu später Stunde. Sie waren ihr unheimlich. Die nächste Laterne leuchtete erst am Café Castillo, das am anderen Ende des Parks lag und längst geschlossen hatte. Janna sah dort eine der zwei Rückleuchten zum Lessingplatz hinausflitzen. In der Ferne glänzten im kalten Licht der Straßenlaternen bereits die feuchten Pflastersteine und grüßten die junge Frau, die sich, wenn sie ehrlich war, im Dunkeln fürchtete. Heute Nacht spürte sie es so deutlich, wie seit langem nicht mehr.

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  • Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #1

    Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #1

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Janna klapperte auf ihrem Drahtesel über das holprige Kopfsteinpflaster der Schillerstraße. Beschwingt von dem Abend beschloss die Kunststudentin, eine Abkürzung zu nehmen und zwei Radfahrern durch den Schrevenpark zu folgen. Die beiden waren gerade noch holterdiepolter aus der Freiligrathstraße gerattert und hatten, in einigem Abstand zueinander, Jannas Weg gekreuzt. Janna riss kurzerhand den Lenker herum und sauste nach rechts auf den Sandweg, der in das von Bäumen und Sträuchern abgeschirmte Dunkel führte. Ihrem Rad fehlte eine funktionierende Beleuchtung und so schluckte sie die Nacht, als wäre die Frau nie da gewesen.

    Janna passierte ein Verbotsschild, demzufolge das Radfahren im Schrevenpark nicht erlaubt war. Doch sie pfiff drauf.

    Hält sich sowieso niemand dran, dachte sie.

    Allein vor ihr strahlten bereits zwei Rückleuchten in der Dunkelheit. Es waren die beiden Radfahrer, denen sie gefolgt war. Und hinter ihr mochten noch weitere sein. Dabei hätte man den Park leicht umfahren können. Aber viele Radfahrer, die zwischen Universität und Wohnquartier pendelten, nahmen lieber eine Abkürzung und fuhren hindurch.

    So spät sind die meisten schon zuhause, dachte Janna. Bis auf ein paar Nachzügler.

    Heute Nacht gehörte die Kunststudentin auch zu diesen Nachzüglern. Es hatte sich für sie allerdings gelohnt, erst weit nach 23 Uhr aus dem Gemeinschaftsatelier der Kunsthochschule aufzubrechen. An diesem Abend war ihr etwas Herausragendes gelungen, wie sie meinte: ein Gemälde, das sie erstmals zufriedenstellte, ja den Frieden in ihr überhaupt erst herstellte. Deshalb fühlte sie sich beschwingt, fast beschwipst von der Leichtigkeit, die sie überkam. Es schien, als wäre die Welt zum ersten Mal in Ordnung.

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  • Kainplanwaslos89

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Bin ich also endlich durch, denkt kainplanwaslos89. Und fühlt sich euphorisiert. Etwas traurig auch. Dass er es geschafft hat, aber auch, dass es jetzt vorbei ist. Erleichtert, weil die Anstrengung überwunden ist. Und stolz, weil er sie gemeistert hat. Denn der Endboss. Echt hart gewesen. Aber würdig. Ein würdiges Ende für ein würdiges Videogame. So viele große Gefühle zuletzt. Nun heißt es Abschied nehmen, noch während der Abspann rollt. Abschied von Figuren, die über die vielen Stunden, die Kainplanwaslos89 gespielt hat, zu Freunden geworden sind. Aber auch Abschied von sich selbst. Von seinem Avatar. Das ist der Charakter, den er für das Game erstellt hat und den er, weil er’s lustig fand, nach seinem Gamer-Tag benannt hat. Kainplanwaslos89 im Fernseher ist also auf Abenteuerreise gegangen, hat die Welt gerettet, Frieden mit ihr geschlossen und unterwegs auch noch eine Menge neuer Freunde gewonnen. Hingegen Kainplanwaslos89 vor dem Fernseher, versunken in der Couch, nicht so sehr. Um ehrlich zu sein, hat er plötzlich das Gefühl, mehr verloren als gewonnen zu haben.

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  • Ein zweiter letzter Ritt

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Das elektrische Licht des Plexus fiel in Parallelen durch die Stahllamellen der Außenjalousie, als diese sich automatisch aufdrehten, und durchschnitt das Halbdunkel der Absteige. Nabils Augenwinkel zuckten. Über seine Lider flackerten die Schatten der vorbeisurrenden Antigrav-Gefährte. Momentlang glaubte er sich in den Schrottweiten der Subdecks, angelehnt an die Flanke seines Reittiers, aber dann begriff er, dass er bloß im Sitzen eingeschlafen war, dass Hermis sich im Zwinger befand und er sich in einem Bett mit Kaltschaummatratze, dass er also wieder zurück war, zurück im Intermedium, wo die Welten der Ober- und Unterdecks, wo Reich und Arm in einem Stadtgeflecht aufeinanderprallten, das sie hier Plexus nannten. Weiter hinauf hatte es Nabil in der Zitadelle bisher nicht geschafft. Nicht schlimm! Für einen wie ihn gab es, je höher er käme, nur desto weniger zu tun. Und von irgendwas musste jeder leben. Wovon Nabil die letzten Lokalzyklen gelebt hatte, nun, das hatte er für einen erfüllten Transportkontrakt von Vort Antauri erhalten. Aber es war alles schon wieder weg. Das Leben im Plexus war verdammt teuer geworden. Eigentlich hatte es sein letzter Ritt werden sollen. Das konnte er jetzt vergessen.

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  • Über all das, was wir uns gesagt haben, werden wir schweigen

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Hilje Frey stand mit den Händen in den Hosentaschen vor dem Schlafzimmerspiegel. Sie befand sich im Haus ihrer Eltern und hatte kein Interesse daran, ihr Spiegelbild zu betrachten, bevor es hinunter zum Abendessen ginge, anders als ihre Mutter, die sich herausgeputzt hatte und erst an sich, dann an ihr herumzupfte, ohne damit etwas nach Auffassung ihrer Tochter verändert zu haben.

    „Benimm dich diesmal, Hille.“

    „Klar, und wird sich Vater auch benehmen?“

    „Er hat es versprochen.“

    „Natürlich.“

    „Bitte, Hille, wir kommen so selten zusammen.“

    „Wundert dich das?“, hätte Hilje fast gesagt. Aber damit wäre sie wieder zu weit gegangen. Sie holte tief Luft.

    „Würdest du wohl aufhören, an mir herumzuzupfen?“

    „Ach, du bist doch mein Kind! Ich will nur, dass du–––“

    „Ich bin 40, Mam!“

    „43.“

    „Jetzt reite noch darauf herum!“

    Hilje wollte vorwurfsvoll klingen oder auch nicht. Überzeugend klang sie jedenfalls nicht. Sie musste selbst grinsen. Ihre Mutter schmunzelte auch. In diesem Moment schien alles ein wenig leichter zu sein, als es war.

    „Und bitte sag am Tisch nichts…“

    Hiljes Gesicht verfinsterte sich. „…nichts von Kimiko?“

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