Bin ich also endlich durch, denkt kainplanwaslos89. Und fühlt sich euphorisiert. Etwas traurig auch. Dass er es geschafft hat, aber auch, dass es jetzt vorbei ist. Erleichtert, weil die Anstrengung überwunden ist. Und stolz, weil er sie gemeistert hat. Denn der Endboss. Echt hart gewesen. Aber würdig. Ein würdiges Ende für ein würdiges Videogame. So viele große Gefühle zuletzt. Nun heißt es Abschied nehmen, noch während der Abspann rollt. Abschied von Figuren, die über die vielen Stunden, die Kainplanwaslos89 gespielt hat, zu Freunden geworden sind. Aber auch Abschied von sich selbst. Von seinem Avatar. Das ist der Charakter, den er für das Game erstellt hat und den er, weil er’s lustig fand, nach seinem Gamer-Tag benannt hat. Kainplanwaslos89 im Fernseher ist also auf Abenteuerreise gegangen, hat die Welt gerettet, Frieden mit ihr geschlossen und unterwegs auch noch eine Menge neuer Freunde gewonnen. Hingegen Kainplanwaslos89 vor dem Fernseher, versunken in der Couch, nicht so sehr. Um ehrlich zu sein, hat er plötzlich das Gefühl, mehr verloren als gewonnen zu haben.
Vorübergehend war er selbst zu einer Figur des Games geworden, er war Avatar gewesen, und jetzt, da das Game durch ist, hat er dieses Sein wieder eingebüßt. Verschwunden ist der Teil von ihm, den er erst durch das Spielen erschaffen hat. Oder sich wenigstens wie ein Teil von ihm angefühlt hat, aber eigentlich ein Proxy gewesen ist. Ein Stellvertreter. Etwas, das eine zwickende Leerstelle überdeckt hat. Jetzt zwickt sie so sehr, dass die Erinnerung an das Erlebte nicht mehr ausreicht. Als wollte sie ihn fragen: Ey, was los, Kainplanwaslos89? Aber er weiß nicht, was los ist. Er will ihr auch nicht zuhören. Lieber will er sie stopfen. Ehe sie zu einem Loch wird. Einem Abgrund.
Und scrollt darum durch den Shop, der in die Benutzeroberfläche seiner Spielkonsole integriert ist. Was er sucht, weiß er nicht. Um gleich ein neues Game anzufangen, ist er eigentlich zu erschöpft. Noch verdaut er die Eindrücke vom letzten Game. Aber er sieht die Angebote. Angebote gibt es immer. Auch die größten und tollsten Games werden irgendwann spottbillig. Relativ gesehen. Relativ zum Real Life. Denn gegen das, was Erlebnisse im Real Life kosten, sind selbst die Vollpreise von Videogames ein Witz. Im Real Life kriegt man grade mal ein Erlebnis dafür, das so lang ist wie ein Abend oder eine Nacht. Und alles, was länger ist als ein Abend oder eine Nacht: ganz andere Preisklasse!
Realität muss man sich eben leisten können.
Dagegen Games? Ein Game kann leicht Hunderte von Stunden an Erlebnis auf die Waage bringen. Das sind ziemlich viele Abende und Nächte. Und das wäre nur ein Game von zigtausend Games. Für kainplanwaslos89 ist die Versuchung riesig. Jedes Angebot ein großes Versprechen. Auf Abenteuer, die so mitreißend sind, dass sie ihn vergessen lassen. Sie füllen die Zeit des Vergessens mit wohlkonstruierten Hürden, die groß erzählt werden, aber leicht zu überwinden sind. Alle Herausforderungen in Games sind, so schwer sie anfangs auch sein mögen, letztlich easy zu meistern. In Games gibt es für jedes Problem immer auch eine Lösung. Sogar mehrere Lösungen, wenn das Game gut ist. Kein Game ist ausweglos. Und selbst, wenn es eines von den Harten ist, die ihn gnadenlos in Sackgassen schicken, kann er immer wieder neu anfangen, bis er es irgendwann geschafft hat. Games sind nicht unbezwingbar. Im Gegenteil: Sie wurden gemacht, um bezwungen zu werden.
Aber das ist längst nicht alles, denkt Kainplanwaslos89.
Games können noch viel mehr.
Eines, was sie außerdem können, etwas, das Kainplanwaslos89 ziemlich wichtig ist und von dem nur Ahnung hat, wer selbst spielt: Games können schön sein. Jamann, schön wie ein Kunstwerk, zu dem sie durchaus werden können, obwohl sie, anders als ein Gemälde an der Wand, immer auch Gebrauchsgegenstand sind. Allein schon die Welten, die sie erschaffen. Ihre Gemachtheit ist nicht abzustreiten. Oft ist sie sogar sehr sichtbar. Aber das hat auch sein Gutes. Wenn der Gamer durch das Level wandert und plötzlich von einem Ausblick gefangen wird, dann weiß er: Das ist kein Zufall. Keine Willkür. Sondern Gestaltung. Es wurde gemacht, um hinreißend zu sein.
Dagegen stinkt das Real Life ab.
Was hat es überhaupt noch zu bieten, hm? Im Real Life ist die Stadt bald überall. Und ebenso ihre anödende Gleichförmigkeit. Selbst wo nicht Straßen das Land planieren und Skylines den Horizont verdecken, regieren trotzdem die Regeln der Stadt. Selbst der entlegenste und wildeste Urwald muss verwaltet werden, um nicht einzugehen. Und wird, weil das Geld kostet, zum Touristenort. Ohne eine Verwaltung durch sie kann nichts gegen die Stadt bestehen. Alles ist ihr unterworfen, alles immer schon Produkt, egal wohin man schaut, wohin man geht oder was man auch tut. Überall muss bezahlt werden. Warum sonst wäre das Real Life so teuer?
Ja, Realität muss man sich leisten können.
Auch Games sind Produkte. Und ohne die Stadt gäbe es sie gar nicht erst. Aber wenigstens haben Games ästhetischen Wert, findet Kainplanwaslos89. Er findet auch, dass die Nützlichkeit schon immer von der Ästhetik übertrumpft worden ist. Ein Leben ohne Schönheit macht wenig oder gar keinen Sinn für ihn. Und wenn die letzte Schönheit, die es gibt, sich in die Virtualität zurückgezogen hat, dann soll es nun mal so sein und der Mensch muss folgen.
Plötzlich switcht der Fernseher aus.
Das Surren der Konsole verstummt.
Ohne das Bildschirmleuchten: Dunkelheit im Zimmer.
Kainplanwaslos89 bekommt es mit der Angst. Es ist die Angst, ertappt worden zu sein. Jetzt ist es so weit, denkt er. Jetzt haben sie mir also den Strom abgedreht. Momentlang stürzt alles auf ihn ein. Alles, was noch sein will. Was noch sein muss. Aber nicht so einfach ist. Dann steigt er aus der Tiefe der Couch zum Fenster, spreizt die Lamellen der Jalousie mit den Fingern und sieht vom dreizehnten Stockwerk auf die Hafenstadt hinab. Kein Meer aus glitzernden Lichtern wie sonst. Selbst das Hochhaus nebendran liegt im Dunkeln.
Kainplanwaslos89 zögert. Umständlich öffnet er die Balkontür und taucht unter der halbhochgezogenen Jalousie hindurch, die nicht an der Tür, sondern unsinnigerweise am Sturz befestigt ist. Vor einer Woche war er über ein Kabel gestolpert und hatte aus Versehen die Jalousie heruntergerissen. Tagsüber störte ihn daraufhin das Licht. Also hatte er in aller Eile und ohne viel Überlegung eine neue Jalousie angebracht. Nun, bis eben ist das gar nicht aufgefallen, denn bis eben hat er die Balkontür allenfalls zum Lüften auf Kipp gestellt.
Draußen begegnet Kainplanwaslos89 die sanft bewegte Luft. Keine urteilsgierigen Blicke vom Nachbarbalkon. So unbeobachtet findet er die Ruhe, sich die in Nacht gehüllten Häuser und Straßen anzuschauen, als täte er’s zum ersten Mal.
Null Licht nirgendwo.
Nicht einmal Vollmond. Hier draußen ist nicht immer Vollmond. Anders als drinnen in den Games, die sich ihrer Gemachtheit nicht schämen und vieles idealisieren. Fast jede Nacht wird da zur Vollmondnacht.
Und die Steinfliesen erst. Kalt und klamm vom Nieselregen. Kainplanwaslos89 fröstelt. Trotzdem will er nicht wieder hinein. Das ist nur so ein unbestimmtes Gefühl, wenn er sich zur Balkontür umblickt. Und zur Dunkelheit dahinter, die dunkler ist als die blaue Nacht hier draußen.
Die unsinnige Jalousie schaukelt sacht. Sie markiert eine Barriere, die er durchbrochen hat, ohne es zunächst zu bemerken. Jetzt bemerkt er es. Bemerkt, wie weit und groß die Welt jenseits seiner Wohnung ist. Einschüchternd.
Trotzdem, wie lange hat er nicht gewusst, wozu hier draußen sein? Inmitten von Stadt.
Und jetzt steht er hier.
Angefangen hatte alles mit einem Experiment. Seine Mutter war dagegen gewesen. Dann hatte sie ihm doch unerwartet diese Wohnung zur Verfügung gestellt. Sollte ja nur vorübergehend sein. Damit er noch einmal den Kopf frei habe, bevor die Weichen gestellt würden und der Ernst des Lebens endgültig begänne. Sieben Jahre ist das her, denkt Kainplanwaslos89 und der Gedanke tut weh. Es ist lange genug her, um mit allem, was vorher gewesen ist, ein für alle Mal durch zu sein. Es wäre okay, hätte er wenigstens ein Ergebnis vorzuweisen. Nicht einmal ein Erfolg hätte es sein müssen, lediglich etwas, das nicht unfertig ist. Hat er aber nicht.
Das Experiment ist aus dem Ruder gelaufen.
Sieben Jahre nichts zu Wege gebracht! Wow, das gibt Kainplanwaslos89 das Gefühl, untendurch zu sein, noch ehe es ihm seine Mitmenschen geben könnten, zu denen er allenfalls noch sporadisch Kontakt hält.
Besser, Fragen zu vermeiden.
Noch besser, gar nicht erst an all das zu denken.
Kainplanwaslos89 schaut wieder zur Balkontür. Die Dunkelheit hinter der Jalousie zieht ihn zu sich wie an einem unsichtbaren Faden. Sie will, dass er zu ihr zurückkommt und in sie eintaucht wie in die Welt eines Videogames. Sie verspricht ihm Erleichterung. Verspricht, dass weder Leid noch Schmerz sein werden. Dass auch er jemand sein kann.
Kainplanwaslos89 schüttelt den Kopf. Es ist das eine, wenn man ab und zu spielt, denkt er. Etwas anderes, wenn man nichts anderes mehr tut. Warum zieht es mich wieder hinein, wenn ich gar nicht hinein will?
Aber wenn nicht hinein, wohin dann? Außerdem, da drinnen sind alle Probleme leicht zu lösen. Vielleicht sollte ich also einfach hineingehen, ohne viele Fragen zu stellen, und für immer drinnen bleiben. Oder wenigstens für ein bisschen noch. Ein bisschen bis Morgen. Und dann noch ein bisschen bis Übermorgen. Und Überübermorgen. Überüberübermorgen. Bis das Bisschen ein Bissen geworden ist. Ein ordentlicher Happen, der einen Biss in der Seele hinterlassen hat. Ein Loch, das man immer weiter stopfen muss, weil es immer tiefer wird. Ein Abgrund, den man nur aushalten kann, wenn man weg- und auf gar keinen Fall hineinschaut.
Hier draußen gibt es doch sowieso nichts zu gewinnen.
Weder auf diesem Balkon noch sonst wo.
Im Grunde ist die ganze Welt wie dieser Balkon.
Drei Optionen, denkt Kainplanwaslos98, sind mir gegeben. Die offensichtlichste: Bleiben, wo man ist. Und die paar Quadratmeter, die einem gegeben sind, abschreiten wie ein eingesperrtes Tier. Die am wenigsten offensichtliche: Springen. Übers Geländer und Schluss. Dazwischen die einzig passable: Rückzug in die Privatheit.
Kainplanwaslos89 umschließt die Brüstung mit den Händen und fragt sich, was das für Probleme sind, die da drinnen auf ihn warten. Warum gebe ich mich freiwillig mit ihnen ab? Durch ihre Lösung wird doch auch nichts gewonnen! Und wenn ich ehrlich bin, sind es auch gar keine echten Probleme, oder? Echte Probleme müssen nicht erst durch eine Gaming-Industrie entwickelt werden. Sie sind einfach da. Sie drängen sich einem unweigerlich auf, sodass man gar nicht anders kann, als sie wieder loswerden zu wollen. Bei echten Problemen ist die Lösung nicht von vornherein mitgedacht worden, natürlich nicht, denn sie muss ja erst gefunden werden.
Alles andere wäre unlogisch.
Aber die Gewissheit, dass es da drinnen immer einen Weg gibt, der zum Ziel führt, ist so betörend. Nicht selten ist es sogar der erstbeste Weg. Die Welten da drinnen strotzen nur so vor Lösungsansätzen. Man darf sich austoben. Kann geistreich kombinieren, was einem von der breiten Auswahl an Lösungsansätzen angeboten wird. Echte Not gibt es keine. Auch kein echter Druck. Schon gar nicht drohen schwerwiegende Konsequenzen, wenn man scheitert. Und wenn man scheitert, beginnt man einfach wieder von vorn. Doch selbst das muten einem die wenigsten Games heute noch zu. Es sollen kein Schmerz und Leid sein. Auch keine Frustration. Mit ein wenig Fleiß und Ausdauer sind Erfolge garantiert. Alles, was man braucht, ist Zeit. Viel Zeit.
Wenn es nur überall so wäre.
Kainplanwaslos89 reibt sich die Arme. Es wird zu kalt hier draußen. Er schlüpft wieder hinein und stiehlt sich mit gesenktem Blick am Fernseher vorbei, der ihm aus schwarzem Bildschirm hinterherstarrt. Im Flur geht er auf und ab. Ihm ist unklar, was mit sich anfangen. Jetzt, wo alles dunkel ist, alles Gerät brachliegt. Er tastet nach seinem Smartphone. Es ist nicht in seinen Hosentaschen. Dann denkt er über einen Spaziergang nach. Nachts ist die Scham kleiner und die Barriere schwächer. Einen Versuch ist es wert.
Als sein Blick quer durch zwei Durchgänge bis ins Atelier springt und dort auf eine hohe Gestalt trifft, erstarrt er.
Das Experiment.
Kainplanwaslos89 tritt an das Gemälde heran. Es zeigt den Blick eines Mannes in einen Spiegel aus einer Über-die-Schulter-Perspektive wie in einem Videogame. Nur dass es kein Spiegel ist, sondern ein Monitor. Und die Gestalt darin kein Spiegelbild, sondern ein Fabelwesen. Dennoch unübersehbar: die Gemeinsamkeiten der beiden Figuren, die sich also doch ineinander spiegeln, aber eben nicht buchstäblich.
Zuletzt hat sich Kainplanwaslos89 an Selbstporträts versucht. An vielem hat er sich versucht. Vieles nie fertig versucht. Leinwände überall, stapelweise, gegeneinander gelehnt. Ausstellungen könnte er viele bestreiten, ihr Titel: Die ewigen Fragmente des Kainplaswaslos89. Oh, er weiß, dass die Bilder nie jemand zu Gesicht bekäme, wenn er sich nicht hinaus traut. Am besten gleich mit einer Auswahl unterm Arm.
Dann wieder: Wer will das schon sehen?
Dieser Selbstzweifel!
Diese Selbstungenügsamkeit!
Dieses Nur-mal-kurz-dem-Schmerz-in-eine-andere-Welt-entfliehen, aber dann doch die Tage dort verstreichen lassen. Einer anderen als der eigenen unerfüllten Fantasie nachhängen. Ein ewiger Kreis, oder vielmehr: eine Abwärtsspirale.
Plötzlich ist der Strom wieder zurück, zu bemerken am Schein der Treppenhausbeleuchtung im Flur. Erschrockenes Poltern vor der Wohnungstür. Hundebellen. Ach, der Nachbar von gegenüber! Ein Briefchen schiebt sich unter der Tür hindurch. Als Kainplanwaslos89 ihn durchgelesen hat – er beginnt mit „Mein lieber Bastian“ –, ist klar, dass der Nachbar ihn für jemanden mit hochgenommen hat. Dieser Jemand hat gelernt, dass hier oben niemand auf das Türklingeln reagiert und auch die Post nur selten heraufgeholt wird. Wer könnte es sein, der sich nach all der Zeit noch für ihn interessiert?
Ob dieser Jemand noch unten ist?
Die Treppenhausbeleuchtung erlischt und der Brief, der gerade zum zweiten Mal gelesen wird, versinkt im Dunkeln. Nun wird das fahle Leuchten des Fernsehers sichtbar, der sich auch wieder angeschaltet hat. Sein Ablicht dringt auf den Flur und weckt die Versuchung, dem Unausweichlichen doch wieder auszuweichen. Wenigstens ein bisschen noch, flüstert es in seinem Kopf. Ein bisschen noch bis Morgen. Übermorgen. Überübermorgen. Es wird noch lange, sehr lange dauern, bis das Flüstern aufhört. Vielleicht hört es niemals ganz auf.
Seinen Entschluss hat Bastian allerdings schon gefasst.
Karlsruhe
Oktober/Dezember 2025
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