Kategorie: Geschichten

  • Irdenschimmer 1 – Das Immerdar-Rätsel

    Irdenschimmer 1 – Das Immerdar-Rätsel

    Eine Systemflüchtige kämpft ums Überleben in der zum Sterben verurteilten Welt des 24. Jahrhunderts

    Mabou Abimbola, eine begabte Biosphären-Architektin, hat sich an den Rand einer dystopischen Intersolarzivilisation geflüchtet, wo sie ihre hart erkämpfte Selbstbestimmtheit abermals verteidigen muss. Als eine bösartige KI ihre Gehirn-Computer-Schnittstelle infiziert und sie mit Albträumen plagt, die sie in schmerzhafte Zeiten zurückführen, ist Mabou vor die Wahl gestellt: sie kann sich der Hoffnungslosigkeit ergeben, die sich ebenso aus dem Leid vergangener Tage speist wie aus dem Verlust der Erde, oder aber sie bringt ihre letzten Kräfte auf, um sich den Albträumen zu widersetzen und ihre seelischen Verwundungen zu überwinden. Nur dann wird Mabou die Ursprünge der Infektion ergründen und den Spuren nach Pluto folgen können, wo ein uraltes Geheimnis begraben liegt – das Immerdar-Rätsel.

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  • Kainplanwaslos89

    Bin ich also endlich durch, denkt kainplanwaslos89. Und fühlt sich euphorisiert. Etwas traurig auch. Dass er es geschafft hat, aber auch, dass es jetzt vorbei ist. Erleichtert, weil die Anstrengung überwunden ist. Und stolz, weil er sie gemeistert hat. Denn der Endboss. Echt hart gewesen. Aber würdig. Ein würdiges Ende für ein würdiges Videogame. So viele große Gefühle zuletzt. Nun heißt es Abschied nehmen, noch während der Abspann rollt. Abschied von Figuren, die über die vielen Stunden, die Kainplanwaslos89 gespielt hat, zu Freunden geworden sind. Aber auch Abschied von sich selbst. Von seinem Avatar. Das ist der Charakter, den er für das Game erstellt hat und den er, weil er’s lustig fand, nach seinem Gamer-Tag benannt hat. Kainplanwaslos89 im Fernseher ist also auf Abenteuerreise gegangen, hat die Welt gerettet, Frieden mit ihr geschlossen und unterwegs auch noch eine Menge neuer Freunde gewonnen. Hingegen Kainplanwaslos89 vor dem Fernseher, versunken in der Couch, nicht so sehr. Um ehrlich zu sein, hat er plötzlich das Gefühl, mehr verloren als gewonnen zu haben.

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  • Ein zweiter letzter Ritt

    Das elektrische Licht des Plexus fiel in Parallelen durch die Stahllamellen der Außenjalousie, als diese sich automatisch aufdrehten, und durchschnitt das Halbdunkel der Absteige. Nabils Augenwinkel zuckten. Über seine Lider flackerten die Schatten der vorbeisurrenden Antigrav-Gefährte. Momentlang glaubte er sich in den Schrottweiten der Subdecks, angelehnt an die Flanke seines Reittiers, aber dann begriff er, dass er bloß im Sitzen eingeschlafen war, dass Hermis sich im Zwinger befand und er sich in einem Bett mit Kaltschaummatratze, dass er also wieder zurück war, zurück im Intermedium, wo die Welten der Ober- und Unterdecks, wo Reich und Arm in einem Stadtgeflecht aufeinanderprallten, das sie hier Plexus nannten. Weiter hinauf hatte es Nabil in der Zitadelle bisher nicht geschafft. Nicht schlimm! Für einen wie ihn gab es, je höher er käme, nur desto weniger zu tun. Und von irgendwas musste jeder leben. Wovon Nabil die letzten Lokalzyklen gelebt hatte, nun, das hatte er für einen erfüllten Transportkontrakt von Vort Antauri erhalten. Aber es war alles schon wieder weg. Das Leben im Plexus war verdammt teuer geworden. Eigentlich hatte es sein letzter Ritt werden sollen. Das konnte er jetzt vergessen.

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  • Über all das, was wir uns gesagt haben, werden wir schweigen

    Hilje Frey stand mit den Händen in den Hosentaschen vor dem Schlafzimmerspiegel. Sie befand sich im Haus ihrer Eltern und hatte kein Interesse daran, ihr Spiegelbild zu betrachten, bevor es hinunter zum Abendessen ginge, anders als ihre Mutter, die sich herausgeputzt hatte und erst an sich, dann an ihr herumzupfte, ohne damit etwas nach Auffassung ihrer Tochter verändert zu haben.

    „Benimm dich diesmal, Hille.“

    „Klar, und wird sich Vater auch benehmen?“

    „Er hat es versprochen.“

    „Natürlich.“

    „Bitte, Hille, wir kommen so selten zusammen.“

    „Wundert dich das?“, hätte Hilje fast gesagt. Aber damit wäre sie wieder zu weit gegangen. Sie holte tief Luft.

    „Würdest du wohl aufhören, an mir herumzuzupfen?“

    „Ach, du bist doch mein Kind! Ich will nur, dass du–––“

    „Ich bin 40, Mam!“

    „43.“

    „Jetzt reite noch darauf herum!“

    Hilje wollte vorwurfsvoll klingen oder auch nicht. Überzeugend klang sie jedenfalls nicht. Sie musste selbst grinsen. Ihre Mutter schmunzelte auch. In diesem Moment schien alles ein wenig leichter zu sein, als es war.

    „Und bitte sag am Tisch nichts…“

    Hiljes Gesicht verfinsterte sich. „…nichts von Kimiko?“

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  • Im Kreuzfeuer #3

    Nachdem sie die Desinfektionsschleuse passiert hatten, öffneten Dr. Cramer und Dr. Garrett per Schlüsselkarte die Sicherheitstür zum Wiedererweckungslabor und betraten es eilig, um das angelieferte Subjekt zu begutachten. Es war bereits von einigen Arbeitern hergebracht worden und lag in einer Kälteschlafkammer, die gerade von Technikern in das Auferstehungsmodul geladen wurde. Das würde noch ein wenig Zeit in Anspruch nehmen. Ungeduldig wippte Dr. Cramer mit dem Fuß, derweil die aus der Datenbank geladenen Biodaten von Subjekt CK-T.132 über die Bildschirme flimmerten. Die vielen Monitore tauchten den würfelförmigen und erstaunlich beengenden Raum in blaues Licht.

    Dann endlich wurde eine Metallverkleidung hochgezogen und ein Panzerglasfenster erlaubte Einblick in einen weiteren Raum. Da war es, das Auferstehungsmodul – eines von insgesamt 77 auf der Lazarus VII. Man konnte bereits dabei zusehen, wie das Modul sein Werk verrichtete. Roboterarme positionierten sich über einer Bodenluke, welche sich selbsttätig öffnete, und rasteten in die für sie vorgesehene Halterungen ein. Dann zogen die mechanischen Arme aus einer zischenden Nebelwolke die Kälteschlafkammer herauf. Gelenke drehten sich und die Kammer wurde aus der Waagerechten in die Senkrechte bewegt. Die Schutzverkleidung der Kältekammer schnellte zu den Seiten weg und gab die Sicht auf einen menschlichen Körper frei. Drähte und Schläuche wuchsen aus seinen Armen und verbanden sich mit seiner Ruhestätte. Lediglich schimmerndes Glas, auf dem Kondenswasser in Perlen hinabrollte, überdeckte den bloßen Körper. Vor der Schlaflegung hatte man ihm sämtliche Körperbehaarung entfernt.

    CK-T.132 war eine Frau. Ihre Augen waren geschlossen. Aber sie schien nicht zu schlafen. Eher wirkte sie wie eine jüngst Verstorbene. Wie jemand, der erfroren war. Eiskristalle hatten sich auf ihrer bläulichen Haut gebildet.

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  • Die Elfe und der Krieger #3

    Nicht nur die älteren Straßenkinder waren unterwegs, auf allen Wegen und Straßen waren plötzlich aufgeregte Menschen, sie trieben auf dem in der Abenddämmerung schon dunklen Marktplatz zusammen, wo ihre dichtgedrängten Körper dem Jungen in den viel zu großen Stiefeln ein Versteck vor seinen Verfolgern boten. Hier waren die Fassaden am höchsten, Kaufmannshaus reihte sich an Kaufmannshaus, Repräsentation drängte an Repräsentation, dazwischen geklemmt: das Rathaus, vor dem sich die Stadtgardisten versammelten.

    *

    Das Blut lief ihr in die Augen, tropfte von der Nasenspitze. Die Klinge schabte über ihren nunmehr kahlen, brutal geschorenen Kopf. Der Hass war zu einer inneren Gewalt angeschwollen. So gewaltig, dass sie würgen musste. Oder war es der Selbstekel, den die Männer ihr aufzwangen, Männer, die sie entstellten und entweihten, bevor sie sie töten würden? Das Würgen jedenfalls kostete die Frau Atem. Und Atem bedeutete Kraft. Alle Kraft, die sie hatte, musste sie zusammennehmen. Wenn sie einem ihrer Peiniger wenigstens einen Denkzettel mitgeben könnte, den er auf Lebzeiten nicht mehr vergaß. Das würde ihrem Hass gefallen. Ja, wenn sie untergehen musste, flüsterte er, dann sollte sie wenigstens einen von ihnen mitnehmen. Also horchte sie auf den Hass, den sie bis heute Nacht stets heruntergeschluckt hatte. Diesen ungeheuren Hass, der nicht sein durfte. Jetzt machte er sie stark.

    *

    Hohe moosige Häuserwände erhoben sich über die Massen, sperrten das schwindende Licht aus, drängten den Himmel fort. Der Wirt schob den Riegel vor die Tavernentür, Arme langten aus der Dunkelheit der Fenster, begierig die Holzladen zu schließen, Händler warfen rasch die Waren in ihre Körbe, schlossen die Stände, rollten die Decken zusammen, auf denen sie feilboten, und eilten davon. Nur die raffgierigsten und dreistesten unter ihnen witterten in dem Bevorstehenden eine Chance auf außerordentlichen Profit und boten den sich dichter drängenden Massen Speise und Trank aus einem Bauchladen an, den sie für diese Momente angeschafft hatten. Spektakel waren gut fürs Geschäft. Das wussten auch die Herren im edlen Zwirn, die sich auf dem Rathausbalkon versammelten und die beste Aussicht genossen.

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  • Im Kreuzfeuer #2

    Der stämmige Ex-Soldat rückte sein Barett zurecht. Er wusste, dass die Menschen in den Kältekammern allesamt Sträflinge waren. Andernfalls hätte eine dreihundertköpfige Crew gar nicht mehr als dreimal so viele Gefangene im Zaum halten können. Nein, die bösen Jungs wurden alle schön eingefroren. Nur so wäre diese Unternehmung erst profitabel, hatte der Captain einmal erklärt. Und darum ging es natürlich immer: um Profite.

    Doch auf der Lazarus VII wurde weit mehr als nur „transportiert“, wie Harry alsbald festgestellt hatte. Hier wurde auch „experimentiert“. Entweder die Probanden waren besonders unangenehme Zeitgenossen oder einfach nur arme Hunde, die das Pech hatten, aufgrund ihres verlorenen Freiheitsstatus ausgewählt worden zu sein. Völlige Gehirnwäsche und neue Identitäten waren dann meist die Lösung für solche „Tiefkühlprobleme“. Die Forscher nannten das Resozialisierungsexperimente. So wurden die Gefangenen für ihren Dienst in den Minen der Strafkolonie fit gemacht.

    Harry erschauderte. Man hörte die übelsten Sachen. Er fragte sich, wie viel von den Gerüchten der Wahrheit entsprach. Vielleicht war auch er in einem früheren Leben, von dem er nichts mehr wusste, ein Straftäter gewesen. Und jetzt mit seiner neuen Identität diente er dem Auftraggeber der Lazarus VII als Wachpersonal. Diese Vorstellung gefiel Harry nicht. Wie immer, wenn ihn derartige Gedanken ereilten, verdrängte er sie gleich wieder. Es war besser, genau das für wahr zu halten, was der eigene Kopf als wahr erinnerte. Alles andere bereitete nur Kopfschmerzen.

    Genau in diesem Moment, als Harry das Grübeln einstellte, bogen zwei Wissenschaftler um die Ecke. Ihre Stiefel schlugen hart auf den Boden und verursachten ein metallenes Hallen in den Gängen. Harry nickte den Weißkitteln freundlich, aber bestimmt zu. Nur einer der beiden, der jüngere Dr. Garrett, erwiderte den Gruß. Der Wachmann kannte die beiden Forscher gut, also erübrigte sich eine ID-Kontrolle. Er ließ sie wie immer passieren.

    „Welches Subjekt steht als nächstes an?“, fragte Dr. Garrett.

    „Subjekt CK-T.132“, war die knappe Antwort seines Kollegen.

    „Liegt die QR-212-X bereits vor?“

    „In der Tat“, entgegnete der Gefragte gereizt.

    Mehr konnte Harry von dem Gespräch nicht verstehen, da die beiden Weißkittel in dem Labor verschwanden, das Harry bewachte und in das gerade eben eines der „Tiefkühlprobleme“ geliefert worden war. Wieder einmal fragte sich Harry, was diese Fachbegriffe wohl alle bedeuten mochten.

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  • Die Elfe und der Krieger #2

    Ihre Locken, derentwegen man sie vorgestern noch auf dem Marktplatz bewundert hätte, zerrissen über der Messerklinge und bedeckten den kalten Steinboden. Sie verschloss die Augen vor der Schande, schwor sich, mit Würde zu sterben. Denn sterben würde sie, das wusste sie. Die Frage war nur, wie lange es andauern würde. Dennoch wollte sie sich unbeugsam geben. Wie die Ketzerin, zu der man sie gemacht hatte. Doch die Tränen flossen in Strömen unter ihren flatternden Lidern hervor, dahinter das milchige Weiß ihrer pupillenlosen Augen.

    *

    Stiefel zersprengten das Pfützenwasser und es spritzte in alle Richtungen auseinander. Der Junge plumpste vor Schreck auf sein Hinterteil und schon im nächsten Moment kegelte ihn ein plötzliches Gewirr aus Beinen gegen die Gassenwand. „Aus dem Weg, Bettlerkind!“, höhnte eine Jungenstimme. Der Kerl, dem sie gehörte, sah nicht weniger abgerissen aus als der Junge in den viel zu großen Stiefeln. Aber das kannte er ja schon: diese böse Ironie, mit der sich die älteren Straßenkinder über ihn lustig machten. Davon wurde er so wütend! „Deine Mutter ist ein Bettlerkind!“, gab der Junge trotzig zurück und grinste hässlich, obwohl er wusste, dass er wieder nur eine ordentliche Abreibung kassieren würde, wenn er aufbegehrte. Darum machte er sich, kaum war ihm das herausgerutscht, auch schon mit der Daune zwischen den Fingern aus dem Staub.

    *

    Die Männer stießen sie auf die Knie, zwangen sie sich vornüber zu beugen. Stricke schnürte ihre Handgelenke. Die Angst schürte ungeahnte Leibeskräfte. Sie wehrte sich, schrie mit weit aufgerissenen Augen trotz des Knebels in ihrem Mund. Es klang wie das heisere Grollen eines in die Ecke getriebenen Tiers. Ihr halb erstickter Zorn war der Gewalt der Vasfjeller Stadtgardisten nicht gewachsen. Diese Ohnmacht machte sie nur noch rasender. Hass kroch ihre Kehle hoch. Hass, wie sie ihn nie hatte empfinden wollen.

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