Autor: Edvard Solstad

  • Im Kreuzfeuer #22: Ich, eine Verbrecherin?

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Moment mal! War Tanya nicht selbst in einer Art Zelle aufgewacht? Das hieß doch nicht etwa, dass sie selbst eine verurteilte Verbrecherin war? Das zumindest könnte erklären, weshalb sie angesichts des allgegenwärtigen Todes so kühl blieb. Vielleicht war sie eine Kriegsverbrecherin. Oder eine Mörderin. Mögliche Gründe für ihre Abgebrühtheit waren endlos. Vielleicht war sie unschuldig und fälschlich zu dieser Strafe verurteilt worden? Nur weil sie sich zusammenreißen konnte, hieß das noch lange nicht, dass sie etwas Schlimmes getanhatte. Sie konnte genauso gut zur Besatzung gehören. Vielleicht war sie eine Söldnerin. Immerhin schien ihre Körper überdurchschnittlich fit zu sein. Aber das mochte auch auf Präparate zurückzuführen sein, die man ihr während des Kälteschlaf gegeben haben könnte, um sie wieder aufzuwecken. Dann würde die Wirkung bald wieder nachlassen.

    „Egal“, raunte Tanya sich selbst zu. Sie hatte das Bedürfnis, eine Stimme zu hören. „Ich werde es im Moment nicht herausfinden können. Es sei denn…“

    Via Konsole des Captains versuchte die Frau Informationen über sich aus dem zentralen Bordsystem zu beziehen, forschte nach, ob es unter dem Namen Tanya irgendwelche Profile gab. Leider war dieser Name nicht besonders einmalig. Ohne Identifikationsnummer oder wenigstens einen Nachnamen konnte sie die Datenbanken tagelang durchsuchen. Wenn sie ohnehin auf diesem Planeten festsaß, war das zumindest aus Zeitgründen kein Problem. Dennoch wäre das eine Aufgabe für später, wenn sie alles Wichtige für ihr Überleben gesichert hatte.

    Zudem entdeckte Tanya, dass sie ohne Sicherheitsfreigabe weder auf die Profile des Personals noch auf die der Sträflinge zugreifen konnte. Diese Blockade durch das Sicherheitssystem müsste sie erst überbrücken.

    Doch dann, während ihre Augen die aufgelisteten Kennnummern der Sträflingsprofile entlangwanderten, erinnerte Tanya die Zeichen, die neben der Tür ihrer Unterkunft geblinkt hatten. Jetzt verstand sie auch, was sie bedeuteten. Es waren Buchstaben und Ziffern gewesen, die zusammen eine Zeichenabfolge ergaben:

    CK-T.132.

    Das musste eine Kennnummer sein!

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  • Im Kreuzfeuer #21: Fern der Heimat

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Die Navigationsprotokolle studierend fand Tanya heraus, dass der Zielplanet der Lazarus VII, X-Tarma-12, nie erreicht worden war. Von dem X-Tarma-Sternensystem hatte sie ohnehin noch nie gehört. Selbst wenn sie ihre Erinnerungen nicht verloren hätte, wäre das kein Wunder gewesen. Denn dieser offenbar zur Kolonisierung ausgeschriebene Planet befand sich am äußersten Rand des bekannten Universums. Aufgrund der rudimentären Infrastrukturen wollte für gewöhnlich niemand an solch einem Ort leben, es sei denn, er konnte sich für nichts Besseres qualifizieren. Aufgrund eines Notsignals und auf Geheiß der Planetenleitstelle von X-Tarma-12 war die Lazarus VII in noch unzureichend kartografiertes Gebiet vorgedrungen. Auf welchem Planeten auch immer sie sich jetzt befand, Tanya war damit nachweislich einer der wenigen „glücklichen“ Menschen im ganzen Universum, die am weitesten von ihrer Heimat – der Erde, wie sie jetzt mit Gewissheit erinnerte – entfernt waren.

    „Großartig“, flüsterte Tanya.

    Aber das war noch nicht das Beste. Denn sie erfuhr außerdem aus dem zentralen Bordsystem, auf das sie von hier zugreifen konnte, dass dieses Schiff kein Kolonisierungsschiff mehr war, sondern zu einem Gefangenentransporter umfunktioniert worden war. Die Mission des Schiffes war es, wie sie den Logbüchern entnahm, X-Tarma-12 nicht zu kolonisieren, sondern bereits bestehende Strafkolonien mit neuen Arbeitskräften zu versehen, sowie eine Forschungsstation auszubauen, deren näherer Zweck nicht ohne Sicherheitsfreigabe einzusehen war. Offenbar wurden die Strafgefangenen in Kälteverschlaf versetzt, um sie widerstandslos und über lange Zeit transportieren zu können. Das bedeutete, Tanya befand sich nicht nur jenseits der Zivilisation auf einem abgestürzten Haufen Schrott in der Größe einer Stadt, sondern außerdem an einem Ort, der – sofern hier noch irgendwer überlebt hatte – von Schwerverbrechern nur so wimmelte.

    „Absolut großartig“, flüsterte Tanya.

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  • Im Kreuzfeuer #20: Geheimprojekt

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Benommen von der Rutschpartie rappelte Tanya sich wieder auf und sah sich um. Offenbar war sie auf der Kommandobrücke des Raumschiffs gelandet. Allerdings nicht auf der Hauptbrücke, wie sie schnell merkte, sondern auf einer von vielen Notfallkommandobrücken, die bezogen werden konnten, wenn die Hauptbrücke zerstört oder funktionsuntüchtig war. Entsprechend verlassen wirkte der Raum. Hier war niemand während des Absturzes gestorben, schlicht weil niemand hier gewesen war, als es passierte. Es muss alles sehr schnell gegangen sein.

    Die Anzeigen waren alle tot. Nur auf dem Sitz des Captains funktionierte noch ein Monitor. Aus den Daten, auf die Tanya mittels der Anzeige zugreifen konnte, schloss sie, dass die Lazarus VII kurz vor dem Absturz eine Begegnung mit einem nicht identifizierten Flugobjekt hatte. Lazarus VII, so hieß dieses Raumschiff offenbar und es war tatsächlich, wie sie vermutet hatte, ein Kolonisierungsschiff.

    Tanya erinnerte sich an das korallenartige Ding, das sie im Weltraum gesehen hatte, und an den weißen Strahl, den es aussandte, kurz bevor sie ohnmächtig geworden war. Gut möglich, dass dies der Angriff eines bisher unbekannten Schiffstyps gewesen war. Und selbst wenn dieser Typ fremdartig aussah, geradezu lebendig, musste er nicht zwingend von Außerirdischen stammen, überlegte sie. Viel wahrscheinlicher war, dass ein menschliches Geheimprojekt dahintersteckte.

    Einen Moment wunderte sich Tanya über die Gedankengänge, die ihr Kopf von selbst anstellte. Vielleicht hatten diese Kenntnisse irgendetwas mit ihrer verschüttgegangenen Vergangenheit zu tun. Sie ließ es dabei bewenden und setzte ihre Recherchen fort.

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  • Im Kreuzfeuer #19: Labyrinth

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Während ihres Abstiegs musste Tanya zu ihrem Verdruss feststellen, dass sämtliche Deckeingänge, die sie fortan passierte, verschlossen waren. Doch wieder hinaufzusteigen, wäre sinnlos gewesen. Sie musste weiter, selbst wenn es ewig dauern würde, bis sie den Schacht wieder verlassen konnte. Diese Möglichkeit bestand, dämmerte ihr, weil gewisse Raumschifftypen gigantische Ausmaße annehmen konnten. Tanya leitete diese Überlegung von dem ab, was sie bisher von diesem Raumschiff gesehen hatte. Schon als sie aus ihrer Kammer hinaus auf den Planeten geblickt hatte, war ihr das Wrack wie ein Koloss vorgekommen. Sehr wahrscheinlich handelte es sich um ein Kolonisierungsschiff. Das waren quasi durch das All schwebende Städte. Ohne funktionierenden Hochgeschwindigkeitslift würde sie noch stundenlang weiterklettern müssen, wenn nicht sogar den ganzen Rest des Tages.

    Tanya blieb nichts anderes übrig. Also kletterte sie weiter abwärts und nach einiger Zeit, als ihre Beine schon schwer wurden und ihre Hände schwitzig, kam sie in regelmäßigen Abständen an Gittern vorbei, die in kleine Nebenschächte führten. Bei einem hielt sie zuletzt an und entschied sich für eine Abkürzung. Das Schutzgitter ließ sich leicht entfernen, wenn man die Laserpistole einsetzte, um die Bolzen, die es in der Wand hielten, zu schmelzen. Kurz darauf stürzte das Gitter in den Fahrstuhlschacht hinab. Geschmeidig wie eine Katze schlüpfte Tanya in die quadratische Öffnung in der Wand. Einem Moment genoss sie es, einfach nur dazuliegen und sich auszuruhen. Dann robbte sie tiefer in den Schacht hinein.

    Aufgrund eines sanften Gegenwinds erklärte Tanya die enge Röhre zu einem Belüftungsschacht. Auch hier krabbelte und krabbelte sie, zwängte sich um Ecken und rutschte kopfüber in tieferliegende Schächte, ohne irgendwo anzukommen. Obendrauf wurde die Luft immer stickiger. Sie bezweifelte schon, je wieder aus diesem Labyrinth herauszufinden.

    Plötzlich gab der Boden unter ihr nach und der gesamte Schacht brach nach unten hin weg. Scheppernd schlug der Metalltunnel auf ein Hindernis und blieb schief hängen, sodass Tanya bäuchlings in einen großen Raum schlitterte.

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  • Im Kreuzfeuer #18: Amnesie

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Tanya setzte wieder die Füße auf die Leiter, hakte ihren Arm an der Ellbogenbeuge unter eine Sprosse und versuchte zu verschnaufen. Dann setzte sie den Abstieg mit schmerzendem Rücken fort.

    Erst nach einer halben Ewigkeit erreichte sie eine Automatiktür, die nicht verriegelt war, sondern wenigstens einen Spalt breit offenstand. Sie zwängte sich hindurch und fiel entkräftet auf die Knie. Sie atmete tief durch und blickte auf. Offenbar befand sie sich auf dem Deck mit der Sicherheitsabteilung. Hier war trotz des Absturzes noch vieles in Takt und Tanya konnte sich fast frei bewegen. Träge vom Schmerz, der seltsamerweise schon wieder nachließ, wankte sich die erschöpfte Frau zu einem Kontrollpult in einem der Sicherheitsräume und lehnte sich dagegen.

    Auf dem Stuhl neben ihr saß reglos ein toter Wachmann. Sie ignorierte seine Blicke und tastete vorsichtig ihren Rücken ab. Der Overall war aufgeschlitzt. Ihrem Rücken erging es aber besser. Soweit sie es erkennen konnte, verliefen lediglich zwei lange, rote Striemen darüber, die nur leicht bluteten. Sie war erleichtert, hatte aber auch das Gefühl, dass der Schmerz sich nach einer sehr viel schlimmeren Verletzung angefühlt hatte. Vielleicht war das nur der Schock gewesen.

    Rasch öffnete Tanya den Reißverschluss, der aus demselben Material war wie der restliche Overall, nur fester, denn wäre er es nicht, hätte ihr das Kleidungstück nicht auf den Körper gegossen werden können, bevor sie aufgewacht war. Aber davon, wie gesagt, wusste sie nichts. Sie zog den Reißverschluss bis zur Taille herab und verknotete dort die Ärmel, damit der Anzug nicht unversehens herabrutschte. In einem Metallschrank in einer Umkleidekabine fand sie ein graues Unterhemd, das sie direkt überwarf und dessen fremder Schweißgeruch ein Gefühl von Verlorenheit in ihr weckte.

    Unter dem Overall hatte sie offenbar nichts weiter angehabt. Tanya hatte keinen blassen Schimmer, wann sie dieses Ding überhaupt angezogen und was sie dazu bewegt hatte. War sie eine Technikerin? Das fragte sie sich im Stillen, während sie den Saum des viel zu großen Unterhemds in den Overall stopfte. Dann fragte sie sich, warum sie sich so etwas fragte. Und ihr fiel auf, dass sie im Grunde keine Ahnung hatte, wer sie war und was sie hier machte.

    Wenn sie eine Technikerin war, wieso hatte der Overall dann so seltsame verschlussartige Öffnungen entlang ihrer Wirbelsäule? War das etwa ein medizinisches Kleidungsstück und sie eine Patientin? Das würde wenigstens ihre Amnesie erklären. Irgendwoher kannte sie diese Öffnungen. Waren sie Öffnungen für eine Maschine? Sie kam einfach nicht darauf. Also verwarf sie den Gedanken und setzte sich eine Schirmmütze auf, die sie gefunden hatte.

    Nachdem Tanya das Sicherheitsdeck abgesucht hatte und dabei einen Rucksack, Energiezellen für ihre Laserpistole und Notfallrationen aufgetan hatte, wusste sie, dass sie hier nichts mehr finden würde, was sie gebrauchen konnte. Schon gar nicht Informationen über den Planeten, auf dem sie abgestürzt war, oder Hinweise auf ihre Vergangenheit. Sämtliche Konsolen auf diesem Deck waren durchgebrannt. Es war ihr nicht einmal möglich zu einem anderen Fahrstuhl zu gelangen.

    Kurzerhand begab sie sich wieder in den ihr schon bekannten Schacht und stieg weiter hinab.

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