Kategorie: Im Kreuzfeuer. Sci-Fi-Robinsonade

  • Im Kreuzfeuer #3

    Nachdem sie die Desinfektionsschleuse passiert hatten, öffneten Dr. Cramer und Dr. Garrett per Schlüsselkarte die Sicherheitstür zum Wiedererweckungslabor und betraten es eilig, um das angelieferte Subjekt zu begutachten. Es war bereits von einigen Arbeitern hergebracht worden und lag in einer Kälteschlafkammer, die gerade von Technikern in das Auferstehungsmodul geladen wurde. Das würde noch ein wenig Zeit in Anspruch nehmen. Ungeduldig wippte Dr. Cramer mit dem Fuß, derweil die aus der Datenbank geladenen Biodaten von Subjekt CK-T.132 über die Bildschirme flimmerten. Die vielen Monitore tauchten den würfelförmigen und erstaunlich beengenden Raum in blaues Licht.

    Dann endlich wurde eine Metallverkleidung hochgezogen und ein Panzerglasfenster erlaubte Einblick in einen weiteren Raum. Da war es, das Auferstehungsmodul – eines von insgesamt 77 auf der Lazarus VII. Man konnte bereits dabei zusehen, wie das Modul sein Werk verrichtete. Roboterarme positionierten sich über einer Bodenluke, welche sich selbsttätig öffnete, und rasteten in die für sie vorgesehene Halterungen ein. Dann zogen die mechanischen Arme aus einer zischenden Nebelwolke die Kälteschlafkammer herauf. Gelenke drehten sich und die Kammer wurde aus der Waagerechten in die Senkrechte bewegt. Die Schutzverkleidung der Kältekammer schnellte zu den Seiten weg und gab die Sicht auf einen menschlichen Körper frei. Drähte und Schläuche wuchsen aus seinen Armen und verbanden sich mit seiner Ruhestätte. Lediglich schimmerndes Glas, auf dem Kondenswasser in Perlen hinabrollte, überdeckte den bloßen Körper. Vor der Schlaflegung hatte man ihm sämtliche Körperbehaarung entfernt.

    CK-T.132 war eine Frau. Ihre Augen waren geschlossen. Aber sie schien nicht zu schlafen. Eher wirkte sie wie eine jüngst Verstorbene. Wie jemand, der erfroren war. Eiskristalle hatten sich auf ihrer bläulichen Haut gebildet.

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  • Im Kreuzfeuer #2

    Der stämmige Ex-Soldat rückte sein Barett zurecht. Er wusste, dass die Menschen in den Kältekammern allesamt Sträflinge waren. Andernfalls hätte eine dreihundertköpfige Crew gar nicht mehr als dreimal so viele Gefangene im Zaum halten können. Nein, die bösen Jungs wurden alle schön eingefroren. Nur so wäre diese Unternehmung erst profitabel, hatte der Captain einmal erklärt. Und darum ging es natürlich immer: um Profite.

    Doch auf der Lazarus VII wurde weit mehr als nur „transportiert“, wie Harry alsbald festgestellt hatte. Hier wurde auch „experimentiert“. Entweder die Probanden waren besonders unangenehme Zeitgenossen oder einfach nur arme Hunde, die das Pech hatten, aufgrund ihres verlorenen Freiheitsstatus ausgewählt worden zu sein. Völlige Gehirnwäsche und neue Identitäten waren dann meist die Lösung für solche „Tiefkühlprobleme“. Die Forscher nannten das Resozialisierungsexperimente. So wurden die Gefangenen für ihren Dienst in den Minen der Strafkolonie fit gemacht.

    Harry erschauderte. Man hörte die übelsten Sachen. Er fragte sich, wie viel von den Gerüchten der Wahrheit entsprach. Vielleicht war auch er in einem früheren Leben, von dem er nichts mehr wusste, ein Straftäter gewesen. Und jetzt mit seiner neuen Identität diente er dem Auftraggeber der Lazarus VII als Wachpersonal. Diese Vorstellung gefiel Harry nicht. Wie immer, wenn ihn derartige Gedanken ereilten, verdrängte er sie gleich wieder. Es war besser, genau das für wahr zu halten, was der eigene Kopf als wahr erinnerte. Alles andere bereitete nur Kopfschmerzen.

    Genau in diesem Moment, als Harry das Grübeln einstellte, bogen zwei Wissenschaftler um die Ecke. Ihre Stiefel schlugen hart auf den Boden und verursachten ein metallenes Hallen in den Gängen. Harry nickte den Weißkitteln freundlich, aber bestimmt zu. Nur einer der beiden, der jüngere Dr. Garrett, erwiderte den Gruß. Der Wachmann kannte die beiden Forscher gut, also erübrigte sich eine ID-Kontrolle. Er ließ sie wie immer passieren.

    „Welches Subjekt steht als nächstes an?“, fragte Dr. Garrett.

    „Subjekt CK-T.132“, war die knappe Antwort seines Kollegen.

    „Liegt die QR-212-X bereits vor?“

    „In der Tat“, entgegnete der Gefragte gereizt.

    Mehr konnte Harry von dem Gespräch nicht verstehen, da die beiden Weißkittel in dem Labor verschwanden, das Harry bewachte und in das gerade eben eines der „Tiefkühlprobleme“ geliefert worden war. Wieder einmal fragte sich Harry, was diese Fachbegriffe wohl alle bedeuten mochten.

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  • Im Kreuzfeuer #1

    1 – Untergang

    Harry Robinson stand stramm. Nicht einmal mit der Wimper zuckte er, als die reglosen Menschen auf den Antigravitationstragen an ihm vorübersurrten. Den Ex-Soldaten berührte das alles nicht mehr, denn langsam hatte er sich damit abgefunden. Er wusste, dass die blassen Körper in den Behältern noch am Leben waren. Bloß „tiefgekühlt“ seien sie, wie sein Kollege Pierre Dubois es mit einem schiefen Grinsen ausgedrückt hatte. Eine Art Kälteschlaf, bei der alle Körperfunktionen heruntergefahren wurden; dennoch hielten die Maschinen so eines „Behälters“ die Insassen am Leben. Diese Glassärge in einem Metallschutzmantel hatten irgendeinen Fachnamen, aber die meisten hier auf dem Raumschiff nannten sie einfach Kältekammern.

    Ja, Harry befand sich auf einem Raumschiff – und das schon verdammt lange. Nach seiner unehrenhaften Entlassung aus der Armee der Erdregierung hatte er hier als Sicherheitsoffizier angeheuert. Da wusste er noch nicht, was ihn erwartet. Denn dies war nicht irgendein Raumschiff. Dies war die berüchtigte Lazarus VII. Ein seltsamer Name, bedachte man, dass es sich dabei um ein ehemaliges Kolonisierungsschiff handelte, das für den Transport von Schwerverbrechern umgerüstet worden war. Ein riesiges Schiff also, größer als manche Raumstation, das mit rund 1000 Sträflingen und 300 Mann Besatzung an Bord durch den Weltraum flog. Die Lazarus VII befand sich auf dem Weg zu einer Strafkolonie auf X-Tarma-12, einem Wüstenplaneten am Rande des bis dato bekannten Universums.

    Wie oft hatte Harry diese Reise jetzt schon unternommen?

    Zu oft, dachte er grimmig. Zu oft hatte er eingewilligt, jahrelang durchs All zu fliegen. Da, wo es sonst nichts gab. Nur Kälte, Leere und Sternenstaub.

    Aber der Sold stimmte.

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