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Ein zweiter letzter Ritt

Das elektrische Licht des Plexus fiel in Parallelen durch die Stahllamellen der Außenjalousie, als diese sich automatisch aufdrehten, und durchschnitt das Halbdunkel der Absteige. Nabils Augenwinkel zuckten. Über seine Lider flackerten die Schatten der vorbeisurrenden Antigrav-Gefährte. Momentlang glaubte er sich in den Schrottweiten der Subdecks, angelehnt an die Flanke seines Reittiers, aber dann begriff er, dass er bloß im Sitzen eingeschlafen war, dass Hermis sich im Zwinger befand und er sich in einem Bett mit Kaltschaummatratze, dass er also wieder zurück war, zurück im Intermedium, wo die Welten der Ober- und Unterdecks, wo Reich und Arm in einem Stadtgeflecht aufeinanderprallten, das sie hier Plexus nannten. Weiter hinauf hatte es Nabil in der Zitadelle bisher nicht geschafft. Nicht schlimm! Für einen wie ihn gab es, je höher er käme, nur desto weniger zu tun. Und von irgendwas musste jeder leben. Wovon Nabil die letzten Lokalzyklen gelebt hatte, nun, das hatte er für einen erfüllten Transportkontrakt von Vort Antauri erhalten. Aber es war alles schon wieder weg. Das Leben im Plexus war verdammt teuer geworden. Eigentlich hatte es sein letzter Ritt werden sollen. Das konnte er jetzt vergessen.

Weniger saufen, sagte er sich.

Nabil wälzte sich auf die Seite, fort vom einfallenden Licht, das ihm Kopfschmerzen bereitete, und erblickte eine in den zerwühlten Decken versunkene Frau, ihr schwarzes fließendes Haar, ihre blassen geschwungenen Schultern. Er war versucht, sie zu berühren, hielt aber inne. Wie das Licht sich so makellos mit ihrer Erscheinung verband, er hätte glauben wollen, sie wäre genauso echt! Oh, sie hatte sich echt angefühlt, so viel stand fest. Aber genügte das? Nabil unterschied da sehr genau.

Und weniger Phantome.

Eine Textnachricht öffnete sich in seinem Sichtfeld-Interface und informierte ihn darüber, dass die Zeit abgelaufen war. Die Dienstleistung war erfüllt und die Frau, die keine war, löste sich auf. Bloß ein Wirklichkeitsaugment, dachte Nabil. Die in den Wänden verbaute SIMtekk war mit seinen CerebrumTekks verschaltet und hatte es in seine Wahrnehmung gespiegelt. Ha, er wünschte, das Hämmern in seinem Kopf wäre auch bloß augmentiert! Dann könnte es jetzt einfach verschwinden wie diese Frau und ihre angenehme Gesellschaft.

Als ihn der Anruf von Vort Antauri erreichte, ebenfalls via CTs, legte Nabil das Gesicht in die Hände und versuchte, einen klaren Kopf zu kriegen. Sein Kontakt hieß Harrison. Er hieß immer Harrison. Obwohl es nie der- oder dieselbe war. Nabil ließ den Anruf verstreichen. Prompt kam eine Textnachricht: Interessiert an einer besonderen Zustellung? Nabil schnaubte, textete zurück: Schick eine Drohne!

Aber er wusste, er würde das Geld brauchen.

Und fluchte, klaubte seinen Kram zusammen und machte sich aus dem Staub.

***

Der Plexus war finster und zugleich lichtdurchströmt. Ein pulsierendes Geflecht aus Architektur inmitten einer künstlichen Kaverne aus Stahl, durchzogen von den leuchtenden Routen des Antivgrav-Verkehrs und umwölkt von Myriaden von glitzernden Drohnen, die bauten, reparierten und überwachten, vor allem aber Post zustellten, sofern diese nicht ohnehin über Quantendatenverbindungen in Nullzeit übermittelt wurde und also virtuell war, so wie die andere, viel größere Seite des Plexus, jene, die im virtuellen Raum stattfand und die für die meisten nicht minder real war. Nabil war keiner von denen, obwohl er wie jeder CTs implantiert hatte. Ohne CTs wäre man im Plexus aufgeschmissen. Nicht mal ein Sandwich konnte man sich ohne bestellen. Und auch wenn es hieß, es gäbe im Solsystem nicht einen einzigen Ort, der nicht Teil der Vollvernetzung wäre, hatte er bereits viele Domänen der Unvernetztheit gesehen und durchquert, gleich hier in der Zitadelle, tief, tief unten, noch weiter unten als die Nummerierung der Subdecks reichte, quasi im Unterleib dieser Gigastruktur, wohin sich kein Plexianer je traute. Zu Recht, denn in diese Abgeschiedenheit hatte sich zurückgezogen, was die Menschheit von Gaïa übriggelassen hatte, und dort brütete es immer neue, immer bizarrere Formen aus. Die Tiefe war ein Ort jenseits der Zivilisation und zugleich bedingt durch sie. Keine herkömmliche Datenverbindung reichte dorthin. Wer dorthin kommunizieren wollte, brauchte jemanden, der die Botschaft physisch überbrachte. Er brauchte einen Berittenen Boten wie Nabil. Nur wer hätte Interesse an so einer Botschaft?

Du weißt, eine Drohne macht es nicht, meldete sich Harrison zurück. Also, bist du verfügbar?

***

Nabil schob sich durch die Massen, die wie ferngesteuert durch die Straßenschluchten strömten und ihre extravaganten Kleider mit Mänteln oder Schirmen aus durchsichtigem Kunststoff gegen Regen schützten, der gar kein Regen war. Was da auf den Plexus niederging, stammte aus dem Klimatisierungssystem des nächsthöheren Decks. Er war schnell durchnässt, trug bloß ein billiges Hemd und eine noch billigere Hose. Den Mantel hatte er im Rausch verlegt. Nur die Stiefel gehörten zu seinem ansonsten im Zwinger eingelagerten Equipment; es waren Schnallenstiefel mit Stahlkappen, undurchdringlicher Sohle und Sporen, die bei jedem Schritt klirrten. Bisschen saurer Regen, dachte Nabil, der wendig durch die Massen manövrierte, das ist erfrischend, und peilte die Rapidbahn an, die soeben in einem tieferliegenden Bahnhof einfuhr, bedenkt man, was Hermis und ich durchgemacht haben. Die CTs boten Nabil an, ihn zu navigieren. Aber er hatte längst eine Route festgelegt. Sie endete damit, dass er sich über ein Geländer schwang, eine Ebene tiefer auf dem Bahnsteig landete, abrollte und gerade noch den Arm zwischen die sich schließenden Waggontüren strecken konnte. Mit der algorithmisch errechneten Route hätte er bloß Rückleuchten gesehen.

***

Draußen zogen die Sektoren des Plexus dahin, dessen Lärm an jeder Station, jedes Mal, wenn sich die Schiebetüren öffneten, hereinschwappte. In den Phasen dazwischen summte monoton die Magnetisierung. Verfügbar wofür genau? Nabil textete per Gedankenakt, beobachtete einen Arbeiter im Overall, der ein Graffiti abschrubbte. Lass mich raten! Eine neue Selbstmordmission! Die Augen des Arbeiters leuchteten – ein Zeichen von Nullautonomie. Den Kerl steuerte eine AI. Zur Effizienzsteigerung. Seit der Rohstoffkrise stiegen die Materialkosten für Drohnen und menschliche Arbeit hatte wieder Wert. Also stimmt es, antwortete Harrison. Du hast dich zur Ruhe gesetzt. Nabil reagierte nicht. Stattdessen betrachtete er die Passagiere, die mit geschlossenen oder verdrehten Augen dasaßen. Sie hatten sich Content draufgeschaltet, existierten in ihrer eigenen Welt, pendelten zwischen SIMtekk im Wohnwürfel und nullautonomer Arbeit, die Zwischenzeit schlugen sie im Intersolarnetz tot. Wir machen dir einen guten Preis, beteuerte Harrison. Nabil fiel ein, wie bitter nötig er das Geld hatte. Ha, war es nur das Geld? Und vergiss nicht: Hermis ist eine Kreation von Vort Antauri. Sie gehört uns. In einem der Außenbezirke stieg Nabil abrupt aus. Früher als geplant. Aber er meinte, den Weg zu kennen. Falls nicht, fände er einen neuen.

***

Die AI des Zwingers prüfte die ID seiner CTs. Spätestens jetzt dürfte Vort Antauri wissen, wo Nabil steckte. Das Rolltor ratterte aufwärts. Im Dunkeln dahinter war zuerst nichts zu sehen und bloß ein drohendes Grollen zu vernehmen, aber dann, als die Chimäre die vertraute Witterung aufgenommen hatte, löste sie die Farbanpassung ihrer Chamäleonfasern auf und wurde sichtbar. Hermis drückte den riesigen Schnabel, der Stahl zerschneiden konnte, gegen Nabils Stirn und gurrte. Er strich ihr in stummer Erwiderung ihrer Zuneigung durch die Fasern, die wie grausilbernes Fell schillerten, aber anders als ein solches lebendig und von Nerven durchdrungen waren. In Sekundenschnelle konnten sie Umgebungsfarben imitieren. „Bereit für einen zweiten letzten Ritt?“ Nabil klopfte Hermis auf die Flanke und lachte, dann holte er das Equipment. Die Chimäre beobachtete den Vorgang neugierig. Hermis war virtuell entworfen und dann im Inkubator ausgebrütet worden. Eine wilde, aber zweckmäßige Kreuzung aus Gaïas Genpool, in die der Zufall eine erstaunlich zarte Seele geboren hatte. Hermis hatte Nabil noch nie im Stich gelassen. Und darum durfte er es jetzt auch nicht.

***

Selten wusste Nabil, welche Geheimnisse die Kisten in der Sattelaufhängung bargen. Die letzte Fracht hatte sich als ein Datentransmitter herausgestellt, der auf Basis von Quantenverschränkung jegliche Entfernung überbrücken konnte. Damit hatte Nabil die Vollvernetzung in die Tiefe getragen und eine Dateninsel in der Unvernetztheit geschaffen. Und so würde es auch weitergehen, bis er sogar die unterseeischen Ebenen der Zitadelle erschlossen und sich selbst überflüssig gemacht hätte. Wenigstens würde er so bis an die Fundamente vordringen, bis hinab zur Megapolis, auf der die Zitadelle erbaut worden war, als man Das Zeitalter der Abschottung ausgerufen hatte. Er würde sehen, was lange kein Mensch mehr gesehen hatte, und manches, das noch nie ein Mensch zuvor gesehen hatte, Dinge und Wesen, die erst im Nachgang entstanden waren, als die Menschheit sich in die höheren Ebenen zurückgezogen hatte. Das mochte gefährlich sein, aber es war echter als das Leben im Plexus. Nabil zurrte den Sattel fest. Dann warf er den Kapuzenponcho aus wasserabweisenden Synthstoff über. Ohne die zweite Chance, die ihm mit Hermis gewährt worden war, wäre er jetzt schon erledigt. Er war ein Auslaufmodell, das für eine Übergangsphase noch taugte, so wie sämtliche Überreste Gaïas, die sich zweckmäßig remixen ließen, bis sie durch etwas Synthetisches, durch AI ersetzt sein würden.

***

Gerade als Nabil und Hermis fertig zum Aufbruch wurden, textete Harrison: Deine Anwesenheit im Zwinger werten wir als Zustimmung. Und schon schloss sich dieser, erbebte, als er aus der Verankerung und in eine Flugdrohne gehievt wurde, die Reiter und Reittier erst zum Übergabepunkt und schließlich so weit wie möglich nach unten bringen sollte. Das Gros der Wegstrecke aber, wusste Nabil, würden Hermis und er wie immer allein bewerkstelligen. Etwas anderes erwartete er gar nicht. Und etwas anderes hätte auch keinen Sinn ergeben. Weder für Hermis noch für ihn.

März 2025

Karlsruhe

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