Bin ich also endlich durch, denkt kainplanwaslos89. Und fühlt sich euphorisiert. Etwas traurig auch. Dass er es geschafft hat, aber auch, dass es jetzt vorbei ist. Erleichtert, weil die Anstrengung überwunden ist. Und stolz, weil er sie gemeistert hat. Denn der Endboss. Echt hart gewesen. Aber würdig. Ein würdiges Ende für ein würdiges Videogame. So viele große Gefühle zuletzt. Nun heißt es Abschied nehmen, noch während der Abspann rollt. Abschied von Figuren, die über die vielen Stunden, die Kainplanwaslos89 gespielt hat, zu Freunden geworden sind. Aber auch Abschied von sich selbst. Von seinem Avatar. Das ist der Charakter, den er für das Game erstellt hat und den er, weil er’s lustig fand, nach seinem Gamer-Tag benannt hat. Kainplanwaslos89 im Fernseher ist also auf Abenteuerreise gegangen, hat die Welt gerettet, Frieden mit ihr geschlossen und unterwegs auch noch eine Menge neuer Freunde gewonnen. Hingegen Kainplanwaslos89 vor dem Fernseher, versunken in der Couch, nicht so sehr. Um ehrlich zu sein, hat er plötzlich das Gefühl, mehr verloren als gewonnen zu haben.
(mehr …)Kategorie: Kurzgeschichten
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Ein zweiter letzter Ritt
Das elektrische Licht des Plexus fiel in Parallelen durch die Stahllamellen der Außenjalousie, als diese sich automatisch aufdrehten, und durchschnitt das Halbdunkel der Absteige. Nabils Augenwinkel zuckten. Über seine Lider flackerten die Schatten der vorbeisurrenden Antigrav-Gefährte. Momentlang glaubte er sich in den Schrottweiten der Subdecks, angelehnt an die Flanke seines Reittiers, aber dann begriff er, dass er bloß im Sitzen eingeschlafen war, dass Hermis sich im Zwinger befand und er sich in einem Bett mit Kaltschaummatratze, dass er also wieder zurück war, zurück im Intermedium, wo die Welten der Ober- und Unterdecks, wo Reich und Arm in einem Stadtgeflecht aufeinanderprallten, das sie hier Plexus nannten. Weiter hinauf hatte es Nabil in der Zitadelle bisher nicht geschafft. Nicht schlimm! Für einen wie ihn gab es, je höher er käme, nur desto weniger zu tun. Und von irgendwas musste jeder leben. Wovon Nabil die letzten Lokalzyklen gelebt hatte, nun, das hatte er für einen erfüllten Transportkontrakt von Vort Antauri erhalten. Aber es war alles schon wieder weg. Das Leben im Plexus war verdammt teuer geworden. Eigentlich hatte es sein letzter Ritt werden sollen. Das konnte er jetzt vergessen.
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Über all das, was wir uns gesagt haben, werden wir schweigen
(mehr …)Hilje Frey stand mit den Händen in den Hosentaschen vor dem Schlafzimmerspiegel. Sie befand sich im Haus ihrer Eltern und hatte kein Interesse daran, ihr Spiegelbild zu betrachten, bevor es hinunter zum Abendessen ginge, anders als ihre Mutter, die sich herausgeputzt hatte und erst an sich, dann an ihr herumzupfte, ohne damit etwas nach Auffassung ihrer Tochter verändert zu haben.
„Benimm dich diesmal, Hille.“
„Klar, und wird sich Vater auch benehmen?“
„Er hat es versprochen.“
„Natürlich.“
„Bitte, Hille, wir kommen so selten zusammen.“
„Wundert dich das?“, hätte Hilje fast gesagt. Aber damit wäre sie wieder zu weit gegangen. Sie holte tief Luft.
„Würdest du wohl aufhören, an mir herumzuzupfen?“
„Ach, du bist doch mein Kind! Ich will nur, dass du–––“
„Ich bin 40, Mam!“
„43.“
„Jetzt reite noch darauf herum!“
Hilje wollte vorwurfsvoll klingen oder auch nicht. Überzeugend klang sie jedenfalls nicht. Sie musste selbst grinsen. Ihre Mutter schmunzelte auch. In diesem Moment schien alles ein wenig leichter zu sein, als es war.
„Und bitte sag am Tisch nichts…“
Hiljes Gesicht verfinsterte sich. „…nichts von Kimiko?“