Kategorie: Im Kreuzfeuer. Sci-Fi-Robinsonade (2002)

  • Im Kreuzfeuer #10: Sterne, Planet, Erde

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Plötzlich spürte sie ihre Zehen wieder, ihre Muskeln und ihre Haut, den Overall, der darauf spannte – und sie richtete sich abrupt auf.

    „Wo bin ich hier?“, dachte sie. „So schwarze Wände. Selbst der Boden ist schwarz. Aber warm an meinen Füßen. Wärme ist angenehm.“

    Die Frau legte sich auf den Boden und drückte ihr Gesicht darauf. Die Wärme durchströmte ihren Körper. Sie bemerkte wieder das allgegenwärtige Brummen. Es kam aus dem Boden und aus den Wänden.

    Dann, als sie aufblickte, entdeckte sie die Öffnung in der Wand. Zuerst war ihr nicht klar, dass es eine Öffnung war. Sie sah nur das Grün und das Blau. Aber dann glaubte sie zu begreifen, dass sich der Raum hinter dieser Öffnung fortsetzte und unglaublich ausdehnte. Sie ging darauf zu. Ja, sie war neugierig. Sie wollte wissen. Wollte berühren, was das alles war, das sie umgab! Sie erschrak, als ihre ausgestreckte Hand gegen etwas stieß, das sie nicht gesehen hatte und erst jetzt bemerkte.

    Glas, dachte sie plötzlich. Es trennte sie von dem Raum dahinter. Er war schwarz wie der Raum, in dem sie sich befand, aber viel größer, wenn nicht sogar grenzenlos groß. Gespickt mit Lichtern.

    Sterne, dachte sie.

    Einen noch tieferen Eindruck als die schiere Weite des Raumes machte auf sie das runde Grün darin, welches das Fenster, gegen das sie sich drückte, beinahe ausfüllte. Planet, dachte sie. Der grüne Gigant spiegelte auf ihren Augäpfeln. Ihre grünen Augen schimmerten vor Staunen. In das gewölbte Grün auf der anderen Seite des Glases waren blaue Flecken gekleckst und weiße Fetzen zogen darüber hinweg.

    Erde, dachte sie, aber wusste nicht, warum. Sie hatte keine Ahnung, woher all das kam, was sie dachte. Ständig kamen neue Worte und Begriffe in ihren Kopf.

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  • Im Kreuzfeuer #9: Gehöre ich hierher?

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Sie hörte Stimmen. Es waren zwei. Eine Frau und ein Mann. Doch sie verstand sie nicht. Dennoch verspürte sie Vertrautheit und den Wunsch, zu diesen Stimmen hinzugelangen. Es war ihr erster Impuls überhaupt. Als hätte sie in ihrem Leben zuvor nie etwas gewollt. Aber sie konnte sich kaum rühren. Ihre Glieder waren schwer und taub. Sie gehorchten ihr nicht. Alles, was sie taten, war zu zittern.

    Aus dem grauen Nebel traten jetzt Umrisse hervor. Sie konnte sehen! Sehen, was sich um sie herum befand. Das kam ihr seltsam neu vor. Es war aufregend und beängstigend zugleich.

    Sie befand sich in einem dunklen Raum, der klein und beengend war. Darin war eine Platte, die an der Wand befestigt und gepolstert war. Anscheinend sollte dies ihr Schlafplatz sein. Denn hier lag sie.

    „Es ist mein Schlafplatz“, dachte sie. „Aber nicht mein Zuhause. Wo ist mein Zuhause? Gehöre ich hierher? Es fühlt sich nicht so an.“

    Als sie ein Stechen in der Nase spürte und feststellte, dass dies ein scharfer Geruch war, sah sie an sich herab, weil sie instinktiv wusste, von woher der Geruch kam. Daraufhin entdeckte sie, dass sich ein hautenger Overall in den Farben Gelb und Blau über ihren Körper spannte. Sie zupfte an dem gummiartigen Stoff, der wie angegossen war und einen beißenden Geruch verströmte. Ihr kam das Wort Kleidung in den Sinn und sie stellte fest, dass sie also nicht nackt war. Das schien ihr eine neue und wichtige Erkenntnis zu sein. Was sie nicht wusste, war, dass man ihr den Overall tatsächlich auf den Leib gegossen hatte, um ihren Körper nicht unbedeckt zu lassen. Der strenge Geruch, den sie wahrnahm, rührte von dem synthetischen Material her. Schuhwerk hatte sie deshalb keines. Sie war barfuß.

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  • Im Kreuzfeuer #8: Als wäre es ihr erster Atemzug

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Die Planetenleitstelle von X-Tarma-12 hatte der Kommandobrücke die Existenz der Expedition mittlerweile bestätigt und bat die Lazarus VII ebenfalls darum, das Kurzstreckenschiff zu bergen, weil sie letztlich besser dafür ausgestattet sei als alles, was die Strafkolonien aufzuwarten hätten. Die „Fracht“ könne auch später noch gelöscht werden.

    Schwerfällig wie ein Weltraumwal drehte also der Gefangenentransporter und nahm Kurs auf das fremde Sternensystem. Auf Befehl des Captains beschleunigte die Lazarus VII ins Ungewisse.

    ***

    Nachdem Harry Robinson zusammen mit den übrigen Missionsteilnehmern vom Sicherheitschef gebrieft worden war und die Lazarus VII schließlich in das noch unbenannte Sternensystem vordrang, hatten Dr. Cramer und Dr. Garret das Subjekt CK-T.132 längst stabilisiert und sicher verwahrt. Keiner der beiden wäre so ruhig zur nächsten Wiedererweckung übergegangen, hätte er gewusst, was der Tag noch bringen würde.

    ***

    Sie schlug die Augen auf und sog die Luft in ihre Lungen, als wäre es ihr erster Atemzug. Nach einem Moment der Verwirrung und jäher Panik erkannte sie, dass sie ein Körper war, ein Körper umgeben von Raum. Ihre Augen brannten. Sie zwinkerte. Und dann versuchte sie zu sehen, ohne zunächst zu verstehen, was Sehen war. Dennoch blieb es dunkel. Auf der Schwärze um sie herum lag ein grauer Schleier. Doch mit ihrer Haut und ihrer Vorstellungskraft erspürte sie, dass der Raum dennoch da war. Sie konnte nicht im Nichts sein, dachte sie spontan. Etwas musste da sein. Etwas, das nicht sie war. Irgendetwas.

    Der Frau war kalt. Eiskalt. Sie zitterte.

    Ein Geräusch drang an ihre Ohren. Das monotone Brummen einer Maschine. Einer sehr großen Maschine. Ja, es war eine Art Brummen, das von überall auf sie zukam. Sie musste in einer Maschine sein. Aber was genau war eine Maschine?

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  • Im Kreuzfeuer #7: Notruf

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Offenbar hatte man auf der Kommandobrücke einen Notruf aus einem Nachbarsystem erhalten, das bereits jenseits des bekannten Universums lag. Für diese Regionen waren die Sternenkarten noch unzuverlässig, aber die Langstreckenscanner erfassten tatsächlich eine Sonne mit sieben Planeten, von denen zwei bewohnbar waren und sogar Leben nach menschlichen Maßstäben ermöglichten. Einer davon war ein grüner Gigant – ein wasserreicher Urwaldplanet, wie man ihn nur selten findet. In dessen Umlaufbahn driftete laut Sensoren das havarierte Raumschiff, welches das Notsignal abgesetzt hatte. Dem zufolge handelte sich es bei den Schiffbrüchigen um eine Expedition von X-Tarma-12, deren Treibstoffreserven zur Neige gegangen waren. Schuld daran sei ein heikles Manöver gewesen, das notwendig geworden sei, um eine Kollision mit einem nicht identifizierten Flugobjekt zu vermeiden. Es sei plötzlich aufgetaucht und habe widererwarten den Kurs des Forschungsschiffs geschnitten.

    Nicht identifiziertes Flugobjekt! Wenn Harry das schon hörte! Das klang jedes Mal, als würde die Menschheit endlich auf außerirdisches Leben stoßen, das eine vergleichbare Intelligenz aufwies – Tiere und Pflanzen hatte man bereits zahlreiche entdeckt, sogar echsenartige Humanoide, die allerdings gerade einmal so schlau waren wie die Affen von der Erde. Doch Begegnungen auf Augenhöhe waren bisher ausgeblieben. Wahrscheinlich hatte auch diesmal nur der Navigator gepennt und es handelte sich um einen Meteoriten, dessen Flugbahn er bei der Programmierung des Kurses längst hätte mit einberechnen sollen. Und jetzt war das Ding schon wieder außer Reichweite der Sensoren, vielleicht weil es hinter dem grünen Giganten verschwunden war, in dessen Umlaufbahn es geraten war. Wie auch immer, es wäre jedenfalls nicht das erste Mal, dass Harry so etwas erlebt hatte, wenn auch selten auf diesem Gefangenentransporter, dessen Captain sich andere Prioritäten als die Erforschung der Leere setzte. Aber auch wenn er andere Prioritäten hatte, war er zu Hilfeleistungen bei einer Havarie verpflichtet. So verlangte es der Raumfahrerkodex.

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  • Im Kreuzfeuer #6: Hab keine Angst, mein Kind

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Durch den wissenschaftlichen, technologischen und insbesondere, wie Dr. Cramer vor jüngeren Fachkollegen gern betonte, ethischen Fortschritt war es möglich geworden, die biochemischen Strukturen der Erinnerung im Gehirn eines Probanden zu lokalisieren und sie nicht nur auszulesen, sondern auch umzuschreiben. Erstaunlicherweise hatten sich diese Strukturen jedoch, sofern sie nicht akribisch bereinigt wurden, als äußerst widerspenstig erwiesen.

    „Sofort die Reprogrammierungsprozeduren stoppen und das Subjekt sedieren!“

    „Verstanden!“, rief Dr. Garrett. „Sofortiger Abbruch von Phase 3!“

    „Und führen Sie anschließend weitere Tests durch, deren Ergebnisse Sie mir umgehend als Bericht zukommen lassen. Ich will wissen, in welchem Zustand sich der Erinnerungsapparat von Subjekt CK-T.132 befindet! Notfalls müssen wir es zunächst ohne intakte Neuprogrammierung wiedererwecken. Dann können wir es im Wachzustand beobachten und befragen. Eine äußert ineffektive Methode. Aber was soll’s…“

    „Wird erledigt!“, erklärte Dr. Garrett.

    „Immer nur Pfusch!“, knurrte Dr. Cramer und trat an das Panzerglas heran, das ihn von CK-T.132 trennte. Er verschränkte seine Hände hinter dem Rücken und flüsterte, sodass es das Wiedererweckungsteam nicht hören konnte:

    „Ich werde das nicht dulden und eine Beschwerde an die verantwortlichen Regierungsbehörden richten. Immerhin verdanken wir denen die fehlerhafte QR-212-X. Aber hab keine Angst, mein Kind, wir finden eine Lösung.“

    ***

    Als die Lazarus VII das Sternensystem X-Tarma erreichte, wurde Alarm ausgelöst. Fast augenblicklich berief man Harry und weiteres Sicherheitspersonal von ihren Wachposten ab und stellte ein Einsatzteam zusammen. Wie man den mürrischen Wachmann im Briefing wissen ließ, hatte sich der Captain zu einer Hilfsmission bereit erklärt, genauer: zu einer Bergungsmission. Harry hasste Bergungsmissionen. Denn für gewöhnlich musste man dafür in das Nichts da draußen hinaus. Er bekam noch immer eine Gänsehaut von der Vorstellung, in einem winzigen Shuttle durch die Leere zu fliegen, mit Atemluft für begrenzte Zeit und dicht an dicht gedrängt mit Ärzten, Technikern und anderen Söldnern wie ihn. Dank der Größe der Lazarus VII vergaß er manchmal, dass er sich überhaupt im Weltall befand. Das waren selige Momente!

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