Kategorie: Im Kreuzfeuer. Sci-Fi-Robinsonade (2002)

  • Im Kreuzfeuer #7: Notruf

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Offenbar hatte man auf der Kommandobrücke einen Notruf aus einem Nachbarsystem erhalten, das bereits jenseits des bekannten Universums lag. Für diese Regionen waren die Sternenkarten noch unzuverlässig, aber die Langstreckenscanner erfassten tatsächlich eine Sonne mit sieben Planeten, von denen zwei bewohnbar waren und sogar Leben nach menschlichen Maßstäben ermöglichten. Einer davon war ein grüner Gigant – ein wasserreicher Urwaldplanet, wie man ihn nur selten findet. In dessen Umlaufbahn driftete laut Sensoren das havarierte Raumschiff, welches das Notsignal abgesetzt hatte. Dem zufolge handelte sich es bei den Schiffbrüchigen um eine Expedition von X-Tarma-12, deren Treibstoffreserven zur Neige gegangen waren. Schuld daran sei ein heikles Manöver gewesen, das notwendig geworden sei, um eine Kollision mit einem nicht identifizierten Flugobjekt zu vermeiden. Es sei plötzlich aufgetaucht und habe widererwarten den Kurs des Forschungsschiffs geschnitten.

    Nicht identifiziertes Flugobjekt! Wenn Harry das schon hörte! Das klang jedes Mal, als würde die Menschheit endlich auf außerirdisches Leben stoßen, das eine vergleichbare Intelligenz aufwies – Tiere und Pflanzen hatte man bereits zahlreiche entdeckt, sogar echsenartige Humanoide, die allerdings gerade einmal so schlau waren wie die Affen von der Erde. Doch Begegnungen auf Augenhöhe waren bisher ausgeblieben. Wahrscheinlich hatte auch diesmal nur der Navigator gepennt und es handelte sich um einen Meteoriten, dessen Flugbahn er bei der Programmierung des Kurses längst hätte mit einberechnen sollen. Und jetzt war das Ding schon wieder außer Reichweite der Sensoren, vielleicht weil es hinter dem grünen Giganten verschwunden war, in dessen Umlaufbahn es geraten war. Wie auch immer, es wäre jedenfalls nicht das erste Mal, dass Harry so etwas erlebt hatte, wenn auch selten auf diesem Gefangenentransporter, dessen Captain sich andere Prioritäten als die Erforschung der Leere setzte. Aber auch wenn er andere Prioritäten hatte, war er zu Hilfeleistungen bei einer Havarie verpflichtet. So verlangte es der Raumfahrerkodex.

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  • Im Kreuzfeuer #6: Hab keine Angst, mein Kind

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Durch den wissenschaftlichen, technologischen und insbesondere, wie Dr. Cramer vor jüngeren Fachkollegen gern betonte, ethischen Fortschritt war es möglich geworden, die biochemischen Strukturen der Erinnerung im Gehirn eines Probanden zu lokalisieren und sie nicht nur auszulesen, sondern auch umzuschreiben. Erstaunlicherweise hatten sich diese Strukturen jedoch, sofern sie nicht akribisch bereinigt wurden, als äußerst widerspenstig erwiesen.

    „Sofort die Reprogrammierungsprozeduren stoppen und das Subjekt sedieren!“

    „Verstanden!“, rief Dr. Garrett. „Sofortiger Abbruch von Phase 3!“

    „Und führen Sie anschließend weitere Tests durch, deren Ergebnisse Sie mir umgehend als Bericht zukommen lassen. Ich will wissen, in welchem Zustand sich der Erinnerungsapparat von Subjekt CK-T.132 befindet! Notfalls müssen wir es zunächst ohne intakte Neuprogrammierung wiedererwecken. Dann können wir es im Wachzustand beobachten und befragen. Eine äußert ineffektive Methode. Aber was soll’s…“

    „Wird erledigt!“, erklärte Dr. Garrett.

    „Immer nur Pfusch!“, knurrte Dr. Cramer und trat an das Panzerglas heran, das ihn von CK-T.132 trennte. Er verschränkte seine Hände hinter dem Rücken und flüsterte, sodass es das Wiedererweckungsteam nicht hören konnte:

    „Ich werde das nicht dulden und eine Beschwerde an die verantwortlichen Regierungsbehörden richten. Immerhin verdanken wir denen die fehlerhafte QR-212-X. Aber hab keine Angst, mein Kind, wir finden eine Lösung.“

    ***

    Als die Lazarus VII das Sternensystem X-Tarma erreichte, wurde Alarm ausgelöst. Fast augenblicklich berief man Harry und weiteres Sicherheitspersonal von ihren Wachposten ab und stellte ein Einsatzteam zusammen. Wie man den mürrischen Wachmann im Briefing wissen ließ, hatte sich der Captain zu einer Hilfsmission bereit erklärt, genauer: zu einer Bergungsmission. Harry hasste Bergungsmissionen. Denn für gewöhnlich musste man dafür in das Nichts da draußen hinaus. Er bekam noch immer eine Gänsehaut von der Vorstellung, in einem winzigen Shuttle durch die Leere zu fliegen, mit Atemluft für begrenzte Zeit und dicht an dicht gedrängt mit Ärzten, Technikern und anderen Söldnern wie ihn. Dank der Größe der Lazarus VII vergaß er manchmal, dass er sich überhaupt im Weltall befand. Das waren selige Momente!

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  • Im Kreuzfeuer #5: Widerstreit von Geist und Körper

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    „Computergenerierte Erinnerungen werden jetzt implantiert.“

    Plötzlich erfassten das Subjekt Krämpfe und es begann sich wild hin und her zu werfen.

    „Was ist los?“, fragte Dr. Cramer.

    „Etwas ist schiefgegangen! Noch weiß ich nicht, was!“, rief Dr. Garrett, während er auf dem Bildschirm einer Steuerungskonsole nach Antworten suchte. Unterdessen nahmen die Schüttelkrämpfe des Subjekts an Intensität zu. Den Biodaten entnahm Dr. Cramer, dass die Gehirnwellen von Subjekt CK-T.132 instabil geworden waren. Im Grunde spielten sie verrückt.

    „Verdammt nochmal!“

    „Da! Ich habe etwas gefunden!“, meldete sich Dr. Garret zurück. „Es scheint so, als würde das Subjekt die neuen Erinnerungen teilweise abstoßen. Noch ist nicht klar, weshalb.“

    „Scannen Sie das Gehirn auf alte Erinnerungen“, ordnete Dr. Cramer an.

    Erinnerungen galten dem Menschen lange Zeit als Beweis der Seele – oder später, als Psychologie und Neurologie fortgeschrittener waren, als unerklärliches Rätsel, das aus dem Widerstreit von Geist und Körper resultierte. Doch letztlich erwiesen sich auch die Erinnerungen schlicht als biochemische Strukturen, die einer gewissen Codierung folgten.

    „Aber die QR-212-X wurde doch schon durchgeführt!“, insistierte Dr. Garrett.

    „Nicht von uns.“

    „Also gut.“ Dr. Garrett führte den Gerhirnscan durch. „Verdammt, Sie liegen richtig! Da sind noch immer Erinnerungen vorhanden. Die QR-212-X muss sie nur unzureichend gelöscht haben. Keiner Wunder, dass die programmierten Erinnerungen abgestoßen werden!“

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  • Im Kreuzfeuer #4: Wiedergeburt

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    „Biodaten“, befahl Dr. Garret, woraufhin einer der Techniker, die wie die Forscher weiße Kittel trugen, die angeforderten Informationen vortrug:

    „Physischer Zustand stabil. Künstlicher Kälteschlaf aktiv bei minimalem Stoffwechsel. Minimale Gehirnaktivität. Körperfunktionen im Normbereich. Subjekt bereit zur Wiedererweckung.“

    „Beginnen mit Phase 1 der Wiedererweckung.“

    „Phase der Ankunft eingeleitet. Kältekammer mit synthetischer Amnionflüssigkeit fluten.“

    Die Kältekammer füllte sich mit einer grünen Flüssigkeit, die stoffelwechselaktiv war, wie Dr. Cramer wusste, und welche die Ankunft von CK-T.132 herbeiführte.

    „Kälteschlaf aufgehoben. Subjekt CK-T.132 ist angekommen und wird in künstliches Koma versetzt. Phase 1 abgeschlossen. Bereit für Phase 2.“

    In dem röhrenartigen Behälter – dem Amnion, wie die Forscher es auch nannten – trieb die Frau nun in dem leuchtenden Grün auf und ab. Ihre Haut war noch immer blass. Aber sie schien nun lebendiger, tatsächlich, als schliefe sie bloß. Man sah deutlich, wie sich ihr Brustkorb hob und senkte. Sie atmete die mit Sauerstoff angereicherte Flüssigkeit.

    „So viel dazu“, kommentierte Dr. Cramer. „Die QR-212-X wurde bereits vor Schlaflegung durchgeführt. Das bedeutet, dass alle Erinnerungen des Subjektes gelöscht sind. Wir überspringen Phase 2.“

    „Phase der Läuterung wird übersprungen“, bestätigte Dr. Garrett fürs Protokoll.

    „Beginnen mit Phase 3.“

    „Phase 3 – die Wiedergeburt – wird eingeleitet!“, nickte Dr. Garret. „Neuprogrammierung der Persönlichkeit steht kurz bevor.“

    Der Hochleistungscomputer dockte an die Geräte der Kältekammern an und die Prozedur zum Neuschreiben der Persönlichkeit wurde eingeleitet.

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  • Im Kreuzfeuer #3: Auferstehungsmodul

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Nachdem sie die Desinfektionsschleuse passiert hatten, öffneten Dr. Cramer und Dr. Garrett per Schlüsselkarte die Sicherheitstür zum Wiedererweckungslabor und betraten es eilig, um das angelieferte Subjekt zu begutachten. Es war bereits von einigen Arbeitern hergebracht worden und lag in einer Kälteschlafkammer, die gerade von Technikern in das Auferstehungsmodul geladen wurde. Das würde noch ein wenig Zeit in Anspruch nehmen. Ungeduldig wippte Dr. Cramer mit dem Fuß, derweil die aus der Datenbank geladenen Biodaten von Subjekt CK-T.132 über die Bildschirme flimmerten. Die vielen Monitore tauchten den würfelförmigen und erstaunlich beengenden Raum in blaues Licht.

    Dann endlich wurde eine Metallverkleidung hochgezogen und ein Panzerglasfenster erlaubte Einblick in einen weiteren Raum. Da war es, das Auferstehungsmodul – eines von insgesamt 77 auf der Lazarus VII. Man konnte bereits dabei zusehen, wie das Modul sein Werk verrichtete. Roboterarme positionierten sich über einer Bodenluke, welche sich selbsttätig öffnete, und rasteten in die für sie vorgesehene Halterungen ein. Dann zogen die mechanischen Arme aus einer zischenden Nebelwolke die Kälteschlafkammer herauf. Gelenke drehten sich und die Kammer wurde aus der Waagerechten in die Senkrechte bewegt. Die Schutzverkleidung der Kältekammer schnellte zu den Seiten weg und gab die Sicht auf einen menschlichen Körper frei. Drähte und Schläuche wuchsen aus seinen Armen und verbanden sich mit seiner Ruhestätte. Lediglich schimmerndes Glas, auf dem Kondenswasser in Perlen hinabrollte, überdeckte den bloßen Körper. Vor der Schlaflegung hatte man ihm sämtliche Körperbehaarung entfernt.

    CK-T.132 war eine Frau. Ihre Augen waren geschlossen. Aber sie schien nicht zu schlafen. Eher wirkte sie wie eine jüngst Verstorbene. Wie jemand, der erfroren war. Eiskristalle hatten sich auf ihrer bläulichen Haut gebildet.

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