Im Kreuzfeuer #11: Ich bin ein Mensch

Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

Und plötzlich fühlte sie sich sehr allein, ohne zu begreifen, was das war: allein sein. Doch es fühlte sich unangenehm an. Wie ein Stechen in der Brust. Ein kalter Schauer auf den Schultern.

Dann bemerkte sie das Gesicht, das sie aus dem Glas heraus anblickte. Es war nur schwach zu erkennen.

„Das bin ich“, dachte sie. „Ich bin ein Mensch.“

Sie fuhr mit der Hand ihren Schädel entlang und fühlte, wie die Haarstoppel, die bereits sprießten, ihre Handfläche kitzelten. Das war angenehm.

Das Gesicht lächelte sie an.

„Warum sehe ich so aus?“, fragte sie sich.

Sie hörte wieder die Stimmen und wirbelte herum. Die Stimmen kamen aus der anderen Richtung. Sie waren hinter der Wand, die dem Glas gegenüberlag. Man konnte sie nur gedämpft wahrnehmen. Dennoch rannte die Frau sofort hin und wollte rufen. Sie wollte, dass man sie hört. Sie wollte nicht mehr allein sein. Doch die Worte in ihrem Kopf gerieten alle durcheinander. Sie brachte nur unartikulierte Laute heraus. Es klang wie ein Stöhnen. Ihre Zunge fühlte sich schwer an.

Sie erkannte, dass auch in dieser Wand ein Durchgang war. Nur war er versperrt. Tür, dachte sie aufgebracht und schlug mit der Faust dagegen.

Jetzt regte sich etwas auf der anderen Seite. Die Stimmen wurden lauter. Sie glaubte, sie zu verstehen:

„Hast du das gehört?“, sagte eine Frau. „Schau mal nach, ob sie wach ist.“

„Ja, ist sie!“, antwortete ein Mann „Sie steht bei der Tür und sieht wütend aus.“

Die Frau wich von der Tür zurück. Woher wussten die Stimmen, wo sie war. Konnten sie sie etwa sehen? Konnte sie durch Wände sehen, was sie nicht konnte? Plötzlich fühlte sie Beklemmung. Sie fühlte Misstrauen.

„Wir müssen sofort Dr. Cramer verständigen!“

Die Stimmen entfernten sich und ließen sie allein. Das nun war ihr auch nicht recht. Sie spürte, wie das Stechen in ihrer Brust stärker wurde. Aber sie wagte nicht mehr sich zu bewegen. Sie stand in der Mitte des Raumes, sah sich nervös zu allen Seiten um und wusste nicht mehr, was sie denken sollte.

Dr. Cramer, wiederholte sie wie von selbst in Gedanken. „Dr. Cramer, das ist ein Name. Menschen haben Namen. Ich bin ein Mensch. Wie ist mein Name?“

Sie hatte keinen. Zumindest fiel ihr keiner ein.

Die Beklemmung wuchs.

„Das ist nicht richtig“, dachte sie. „Jeder hat Mensch hat einen Namen! Wieso habe ich keinen?“

Zuletzt geändert am:

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert