Kategorie: Fragmente

  • Die Elfe und der Krieger #23: Vision

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

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    Das Wirbeln und Trudeln von Schatten und Lichtern vermischte sich vor ihrem inneren Auge zu einem heillosen Durcheinander. In der endlosen Leere ihres Traumes schien der Herzschlag in ihren Ohren das einzige Geräusch zu sein, das existierte. Alles um sie herum wirkte verlassen und verloren. Wie eine Nichtwelt. Und doch beschäftigte etwas ihren Geist. Es war ihr nicht möglich sich abzuwenden, obschon sie es instinktiv wünschte. Es zwang sie hinzusehen.

    Vorsichtig blinzelte Valshiëlle in die Leere, in der sich Bilder aus Nebel formten. Graue Schwaden umkreisten die viel zu großen Stiefel eines Jungen, dessen Augen schwärzer waren als die wandernden Schatten, als das Nichts, das die Welt um Valshiëlle herum bildete. Der Elfe schien es, als wären dort, wo eigentlich die Augen des Jungen sein sollten, abgrundtiefe Löcher im Sein, Kreise aus Nichts. Sein Gesicht, umrahmt von blondem Haar, war gänzlich ausdruckslos. Der Kopf hing schräg im Nacken, seine Arme baumelten herab und der nackte Oberkörper neigte sich nach hinten. Lediglich seine Bauchmuskeln hinderten ihn daran, hintenüber zu kippen.

    Unverhohlen starrte der Junge sie an und obwohl in seinen Augen nichts existierte, was für sie bewusst erkennbar war, so strahlten sie doch eine übermenschliche Qual aus. Ein Leiden, das sie nicht in Worte fassen konnte, eines, das jeden Menschen zerbrechen musste.

    Was verbarg sich in diesem Bild? Wie sollte die Elfe es verstehen? Warum sah ausgerechnet sie so etwas in ihren Träumen?

    Eine Stimme, die Valshiëlle vertraut war, sickerte in das rhythmische allgegenwärtige Pochen ihres Pulses, etwas Weißes wischte durch ihre Sicht, Wasser plätscherte plötzlich von weither.

    „Valshiëlle?“, hörte sie. „Was ist? Sprich!“

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  • Die Elfe und der Krieger #22: Stich ins Herz

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    „Begleitest du mich, Lysha?“, fragte Jasper, nachdem er auf sein Pferd gesprungen war, und bot ihr seine Hand zum Aufsteigen an.

    Lyshas Augen wurden groß. „Äh… ich weiß nicht.“ Sie blickte vorsichtig zu ihrem Lehrmeister. „Ich würde ja gerne.“

    „Geh auch du nur!“, lachte Finnigan. „Na los, haut schon ab, ihr beiden! Wenn das Leben ruft, muss die Dichtkunst warten, nicht wahr? So habe ich es jedenfalls immer gehandhabt. Und außerdem ist heute Mittsommerfest! Da gibt es noch einiges vorzubereiten, bei dem ihr jungen Leute mit anpacken könnt. Die Birkensunder werden es euch gewiss vergelten, wenn ihr euch nützlich macht. Vergiss du nur nicht, Lysha, dass du heute Abend vor versammelter Festgemeinschaft singen wirst.“

    Lysha vertrieb die unangenehme Vorstellung, vor all den Leuten auf dem Mittsommerfest, Bekannten wie Unbekannten, zu singen. „Ja, ja, vergesse ich schon nicht, versprochen!“, rief sie und umarmte Finnigan zum Abschied. „Habt Dank, dass Ihr mich freistellt, Meister Finnigan!“, flüsterte sie. „Das ist keine Selbstverständlichkeit für mich.“

    Finnigan nickte. Er wusste nur zu gut, dass es in Lyshas Fall nicht der Meister, sondern die Schülerin selbst war, die, was ihre Gesangskunst anbelangte, äußerst streng mit sich ins Gericht ging. Und darum wusste er auch, dass es nur angebracht wäre, wenn ebendiese Schülerin sich vor ihrem ersten großen Auftritt ein wenig ablenken dürfte.

    „Rauf mit dir aufs Pferd oder ich muss mir es doch noch anders überlegen“, sagte Finnigan im Tonfall der Beiläufigkeit und begann, eine flotte Melodie auf der Laute zu spielen. „Und spar dir das Meister! Habe ich nicht oft genug gesagt, Finn reicht?“

    Aber da hörte die Schülerin ihrem Lehrmeister schon nicht mehr zu. Sie hatte die dargebotene Hand ergriffen und schwang sich aufs Pferd.

    „Auf geht’s!“, rief Jasper und Jeliéthiel preschte los.

    Hastig schlang Lysha ihre Arme um Jasper, weil sie fürchtete, sonst vom Pferd zu fallen. Sie konnte es kaum fassen, dass er nach all den Jahren wieder da war und dass sie mit ihm hinab nach Birkensund ritt, wo heute Nacht die Gemeinden aller umliegenden Dörfer das Mittsommerfest begehen würden.

    Vergessen war, welch einen Stich ins Herz ihr das plötzliche Wiedersehen verpasst hatte.

    Kapitel2@Ende

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  • Die Elfe und der Krieger #21: Berühmt-berüchtigt

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Als Lysha die Stimme ihres Lehrmeisters vernommen hatte, schien der Zauber plötzlich gebrochen und sie ließ mit hochrotem Kopf von Jasper ab, der sie links liegen ließ und mit einem Lächeln auf den alten Mann zuging. Das grelle Sonnenlicht blendete ihn und ließ den Schatten der Bäume umso dunkler auf dem Gesicht des Alten erscheinen.

    „Finn?“, fragte Jasper wieder. „Finnigan Langsattel, der berühmt-berüchtigte Barde?“

    Das Schweigen des Alten hemmte Jaspers Hoffnung, einen alten Freund wiederzutreffen, und ließ ihn stutzen, sodass sein Lächeln ins Wanken geriet und er sein Gegenüber musterte. Der ergraute Mann tat es ihm gleich, sein Blick war prüfend.

    Lysha trat neben Jasper zu und schaute erst zu ihm, dann zu ihrem Lehrmeister, der im Schneidersitz dasaß und schwieg. Was war los? Sie wusste genau, dass die beiden sich kannten. Oder war etwas vorgefallen, von dem sie nichts wusste?

    „Berühmt-berüchtigt, eh?“, wiederholte der Alte und dehnte die Worte, während er sich nachdenklich durch den Bart strich. „Ist es das, was man in Castellas Straßen über mich sagt, ja?“ Er schnaubte entrüstet. „Wüsste nicht, womit ich solch ein profanes Urteil verdient hätte! Jeder zweite Strauchdieb ist nach ein paar Überfällen berühmt-berüchtigt. Aber so etwas Banales über den Meisterdichter von Kalschek zu sagen?“ Er schüttelte den Kopf und kicherte plötzlich in sich hinein. „Tja, aber wann hätte je einer behauptet, die Leute von Castella verstünden etwas von Dichtung, hm?“

    Endlich huschte auch über Finnigans Gesicht ein Lächeln und er nickte dem jungen Mann zur Begrüßung zu. Jaspers Miene hellte sich auf und er eilte zu seinem alten Freund, um ihm aufzuhelfen. Die zwei Männer umarmten sich und klopften einander ausgiebig auf die Schultern.

    „Bist also endlich zum Mann geworden, was, Jasper?“, brachte Finnigan stolz hervor und grinste.

    Jasper lachte. „Du alter Versedrechsler! Hast mich verdammt hingehalten eben!“

    „Ich meine es ernst, die Castellaren verstehen einen feuchten Pferdefurz von Dichtkunst… Warum sonst hätten sie wohl ihren Marktplatz nach Ismadir Versefinder benannt. Jeder kann Ismadir gut finden, das ist nicht schwer, denn er ist einfach zu gut und außerdem seit über hundert Jahren tot. Eine solche Benennung ist nach zig Straßen und Plätzen, die bereits nach diesem großen Dichter benannt wurden, das Gegenteil eines Politikums. Es ist Bequemlichkeit. Wisst ihr, ich bin dabei gewesen, als die Wahl auf Ismadir gefallen ist, ich war Teil des Gremiums, das über die Namensgebung beraten hat, eine kuriose Geschichte, die euch beide gewiss interessiert…“ Finn stockte. Und wieder kicherte er einfach los. „Ha, jetzt hört euch an, wie ich ins Schwafeln gerate! Nein, wie das Ismadien-Rund mit seinen bezaubernden Arkaden im Zentrum Castellas zu seinem Namen gefunden hat, ist eine Geschichte für eine andere Zusammenkunft!“

    Jasper klatschte in die Hände. „Was hältst du davon, wenn du sie uns heute Abend erzählst? Wir könnten Geschichten tauschen. Es ist viel passiert, seit Fürst Benninger das Sagen in Castella hat. Du wirst die Burgstadt nicht wiedererkennen!“

    „Ja, das habe ich befürchtet“, murmelte Finn.

    Diese unerwartete Erwiderung ließ Jasper kurz innehalten. Doch dann, als hätte er nicht gehört, was der Alte gesagt hat, fuhr er fort: „Ich will ins Dorf und einigen Leuten einen Besuch abstatten, bevor das Fest losgeht. Ich war zu lange fort.“

    „Geh nur“, sagte der Barde. „Deine Mutter wird sich freuen, ihren Jungen wiederzusehen!“

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  • Im Kreuzfeuer #22: Ich, eine Verbrecherin?

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Moment mal! War Tanya nicht selbst in einer Art Zelle aufgewacht? Das hieß doch nicht etwa, dass sie selbst eine verurteilte Verbrecherin war? Das zumindest könnte erklären, weshalb sie angesichts des allgegenwärtigen Todes so kühl blieb. Vielleicht war sie eine Kriegsverbrecherin. Oder eine Mörderin. Mögliche Gründe für ihre Abgebrühtheit waren endlos. Vielleicht war sie unschuldig und fälschlich zu dieser Strafe verurteilt worden? Nur weil sie sich zusammenreißen konnte, hieß das noch lange nicht, dass sie etwas Schlimmes getanhatte. Sie konnte genauso gut zur Besatzung gehören. Vielleicht war sie eine Söldnerin. Immerhin schien ihre Körper überdurchschnittlich fit zu sein. Aber das mochte auch auf Präparate zurückzuführen sein, die man ihr während des Kälteschlaf gegeben haben könnte, um sie wieder aufzuwecken. Dann würde die Wirkung bald wieder nachlassen.

    „Egal“, raunte Tanya sich selbst zu. Sie hatte das Bedürfnis, eine Stimme zu hören. „Ich werde es im Moment nicht herausfinden können. Es sei denn…“

    Via Konsole des Captains versuchte die Frau Informationen über sich aus dem zentralen Bordsystem zu beziehen, forschte nach, ob es unter dem Namen Tanya irgendwelche Profile gab. Leider war dieser Name nicht besonders einmalig. Ohne Identifikationsnummer oder wenigstens einen Nachnamen konnte sie die Datenbanken tagelang durchsuchen. Wenn sie ohnehin auf diesem Planeten festsaß, war das zumindest aus Zeitgründen kein Problem. Dennoch wäre das eine Aufgabe für später, wenn sie alles Wichtige für ihr Überleben gesichert hatte.

    Zudem entdeckte Tanya, dass sie ohne Sicherheitsfreigabe weder auf die Profile des Personals noch auf die der Sträflinge zugreifen konnte. Diese Blockade durch das Sicherheitssystem müsste sie erst überbrücken.

    Doch dann, während ihre Augen die aufgelisteten Kennnummern der Sträflingsprofile entlangwanderten, erinnerte Tanya die Zeichen, die neben der Tür ihrer Unterkunft geblinkt hatten. Jetzt verstand sie auch, was sie bedeuteten. Es waren Buchstaben und Ziffern gewesen, die zusammen eine Zeichenabfolge ergaben:

    CK-T.132.

    Das musste eine Kennnummer sein!

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  • Im Kreuzfeuer #21: Fern der Heimat

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Die Navigationsprotokolle studierend fand Tanya heraus, dass der Zielplanet der Lazarus VII, X-Tarma-12, nie erreicht worden war. Von dem X-Tarma-Sternensystem hatte sie ohnehin noch nie gehört. Selbst wenn sie ihre Erinnerungen nicht verloren hätte, wäre das kein Wunder gewesen. Denn dieser offenbar zur Kolonisierung ausgeschriebene Planet befand sich am äußersten Rand des bekannten Universums. Aufgrund der rudimentären Infrastrukturen wollte für gewöhnlich niemand an solch einem Ort leben, es sei denn, er konnte sich für nichts Besseres qualifizieren. Aufgrund eines Notsignals und auf Geheiß der Planetenleitstelle von X-Tarma-12 war die Lazarus VII in noch unzureichend kartografiertes Gebiet vorgedrungen. Auf welchem Planeten auch immer sie sich jetzt befand, Tanya war damit nachweislich einer der wenigen „glücklichen“ Menschen im ganzen Universum, die am weitesten von ihrer Heimat – der Erde, wie sie jetzt mit Gewissheit erinnerte – entfernt waren.

    „Großartig“, flüsterte Tanya.

    Aber das war noch nicht das Beste. Denn sie erfuhr außerdem aus dem zentralen Bordsystem, auf das sie von hier zugreifen konnte, dass dieses Schiff kein Kolonisierungsschiff mehr war, sondern zu einem Gefangenentransporter umfunktioniert worden war. Die Mission des Schiffes war es, wie sie den Logbüchern entnahm, X-Tarma-12 nicht zu kolonisieren, sondern bereits bestehende Strafkolonien mit neuen Arbeitskräften zu versehen, sowie eine Forschungsstation auszubauen, deren näherer Zweck nicht ohne Sicherheitsfreigabe einzusehen war. Offenbar wurden die Strafgefangenen in Kälteverschlaf versetzt, um sie widerstandslos und über lange Zeit transportieren zu können. Das bedeutete, Tanya befand sich nicht nur jenseits der Zivilisation auf einem abgestürzten Haufen Schrott in der Größe einer Stadt, sondern außerdem an einem Ort, der – sofern hier noch irgendwer überlebt hatte – von Schwerverbrechern nur so wimmelte.

    „Absolut großartig“, flüsterte Tanya.

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