Autor: Jonas Balder

  • Die Elfe und der Krieger #33: Angst vor Schatten

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    „Wir sind Freunde“, erwiderte Calion. „Und darum möchte ich dich nicht zum Kämpfen zwingen.“

    Valshiëlle befreite sich von Calions Händen auf ihren Schultern und hielt ihn auf Abstand. „Ich würde mich auch nicht zwingen lassen!“

    „Natürlich nicht. Und ich will dich ja auch nur auf die Welt jenseits dieses Waldes vorbereiten. Deine Mutter setzt viel Vertrauen in mich und ich weiß, dass sie sehr stolz auf dich ist, aber aus einem mir unbekannten Grund hat sie große Angst um dich.“

    Valshiëlle schnaubte. „Ja, ich weiß! Sie hat immer und ständig Angst! Es nervt! Dabei habe ich bereits achtzehn Sommer und Winter erlebt! Ich verstehe nicht, weshalb sie sich so viele Sorgen macht! Nach Maßstäben der Menschen wäre ich mehr als zweimal erwachsen und könnte tun und lassen, was mir gefällt. Stattdessen bin ich an meine Sippe und deren Sitten gebunden.“ Die Elfe seufzte schwer. „Manchmal glaube ich, dass meine Mutter etwas spürt, was ich nicht spüren kann. Es ist, als wollte sie mich vor einem unsichtbaren Schatten bewahren. Einer Gefahr, die nur sie sieht. Oder die nur in ihrem Kopf ist…“

    Calions Augen verengten sich. Valshiëlle fiel die Veränderung seines Gesichts sofort auf und sie legte ihre Stirn in Falten. „Was hast du?“, fragte sie.

    „Val, du bist sehr klug und einfühlend und es widerstrebt dir, andere Geschöpfe aufgrund von Aussagen anderer zu verurteilen. Das ehrt dich. Doch bitte ich dich um Vorsicht im Umgang mit den Menschen. So sehr es mir auch zuwider ist, dir das sagen zu müssen, aber meine Erfahrung mit ihnen lehrt mich, in ihrer Gegenwart auf der Hut zu sein. Wovor auch immer deine Mutter Angst hat, dies ist, was ich dir von ihr ausrichten soll.“

    Abermals wurde Valshiëlle aufbrausend. Wie konnte der Elf nur behaupten, ihre Mutter würde denselben Unfug wie er reden? Wie hatte diese unsägliche Diskussion bloß ihren Anfang genommen?

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  • Die Elfe und der Krieger #32: Mutter

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Calion pausierte und gab Valshiëlle die Möglichkeit, das Gehörte zu überdenken. Während er gesprochen hatte, hatte er die Elfe bei den Schultern gefasst, um ihr verständlich zu machen, wie ernst er es meinte.

    „Was soll das hier werden, ein Lehrgespräch?“, wehrte Valshiëlle die Argumentation des Elfen ab. Doch Calion blieb gelassen und erklärte:

    „Deine Mutter hat mich gebeten, dich auf das Verhältnis der anderen Völker zu ihrer Umwelt aufmerksam zu machen. Sie will, dass ich dich im Stabkampf ausbilde, bevor ich in den Norden aufbreche. Deshalb bin ich noch hier.“

    „Ach so, und ich dachte, du machst das, weil wir Freunde wären!“

    Strähnen hatten sich aus Valshiëlles Haarknoten gelöst, der ihr Haar locker zusammenhielt, damit es sie nicht bei ihren Übungen mit dem Kampfstab behinderte. Ihre teichgrünen Augen schimmerten nachdenklich.

    Wie Calion war auch sie groß und schlank, wirkte jedoch nicht zugleich kräftig, sondern eher zerbrechlich. Ihren Körper kleidete ein dunkelgrünes, auf Höhe der Schultern mit Stickereien verziertes Gewand, das ihr bis zur Mitte ihrer Schenkel reichte und war mit einem Tuch in dunklen Brauntönen um die Hüfte gerafft. Es hätte wie ein einfaches Kleid gewirkt, würde die Elfe darunter nicht außerdem eine luftige Stoffhose tragen. Aufgrund des warmen Sommerwetters hatte sie ein Gewand ohne Ärmel gewählt. Seltsamerweise wies es dennoch einen einfachen, aber recht hohen und engen Kragen auf. Ihre Kleidung war aus festem, aber geschmeidigen Stoff gefertigt, aus Elfenseide, wie es bei den Menschen oft bezeichnet wurde.

    Calion bemerkte, dass Valshiëlles schmale Arm- und Fußgelenke dünne Ketten aus Holzkugeln schmückten, die seinen verblüffend ähnlich sahen. Die Elfe war barfuß, ihre Füße waren klein und ihre schlanken Beine bei jeder Bewegung umspielt von dem weiten Stoff der Hose. Sie wirkte anmutig und bezaubernd.

    Doch sie konnte verdammt stur sein.  

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  • Die Elfe und der Krieger #31: Bosheit

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Calion strich sich eine Strähne aus dem Gesicht, die ihm eine sanfte Brise vor die Augen blies. Trotz des jungen, kraftvollen Glanzes in seinen Augen spiegelten sie eine Erfahrung wider, die sein wahres Alter nur erahnen ließ. War es wirklich Erfahrung, fragte sich Valshiëlle, oder doch nur die Arroganz, die man den Hochelfen aus den Silberwäldern nachsagte?

    „Menschen bleiben Menschen“, beharrte Calion auf seinem Standpunkt. „Sie werden sich niemals ändern. Vielleicht mögen diese Leute des Waldes dir gegenüber friedfertig sein, aber die eigentliche Frage ist doch, werden sie es auch bleiben, wenn man sie vor die Wahl stellt? Was ich damit sagen möchte, Val, ist, dass ich befürchtete, die Menschen werden uns aus Angst in den Rücken fallen, sobald diese seltene Verbindung eines Tages auf die Probe gestellt wird. Halten sie zu ihrem Volk oder zu uns? Ich glaube, die Antwort liegt auf der Hand.“

    „Aber wir müssen nicht kämpfen!“, protestierte Valshiëlle und schüttelte den Kopf. „Es gibt immer einen anderen Weg!“

    „Sieh es doch ein“, belächelte Calion sie sanftmütig und stolz. „Glaubst du, ich möchte kämpfen? Doch diese Welt ist eben nicht so friedlich, wie du es dir wünschst. Was du hier im Dell‘Analiel siehst, ist nicht, was dich da draußen erwartet, Val. Hier herrscht die Natur. Auch wenn sie bisweilen grausam erscheint, so hat doch alles in ihr Sinn und Zweck. Kein Tier tötet aus Bosheit. Aus diesem Grund ist es hier im Wesentlichen friedlich. Ebenso wie in den Silberwäldern.“

    Calions Gesicht versteinerte. „Aber wie ich oft genug auf meinen Reisen erfahren musste, ist es in der Welt da draußen völlig anders. Offenbar liegt es im Wesen intelligenter und kulturschaffender Völker wie den Menschen, Zwergen und Orks sich von der Natur zu distanzieren. Hingegen wir Elfen sind das einzige Volk, deren Kultur den Einklang mit der Natur in den Vordergrund stellt. Das bringt uns in die widersprüchliche Situation, die Vormachtstellung anderen Völkern zu überlassen, die ihre Position umso mehr ausnutzen, um die Natur auszubeuten. Nein, erst in der Welt der Menschen, Zwerge und Orks ist Bosheit entstanden, oder kannst du dir vorstellen, ein Fuchs wäre böswillig, weil er ein Kaninchen aus Hunger reißt? Wo gibt es Bosheit in der Natur?“

    Calion lächelte überlegen. „Und leider hat die Bosheit, als sie erst einmal in der Welt war, auch nicht vor unseren Elfengeschwistern Halt gemacht. Die Welt, in der wir leben, Val, kann nicht friedlich sein. In ihr gibt es zu viele Völker, die ihre Intelligenz vornehmlich darauf verwenden, anderen Leid anzutun. Aus Eigennutz und Gier töten sie. Ein Fuchs tut dies lediglich aus Notwendigkeit und stets maßvoll. Er will sich nie bereichern, lediglich seine Existenz mit den Mitteln fortsetzen, die ihm die Natur eingegeben hat.“

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  • Die Elfe und der Krieger #30: Du würdest dich wundern!

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Valshiëlle grinste schief und sah recht gequält dabei aus. „Um mich muss sich niemand sorgen! Schon gar nicht irgendwelche Fürsten, die ich nicht kenne und die mich nicht kennen!“

    „Offenbar hast du nicht die leiseste Ahnung, in welcher Gefahr sich die Elfen des Dell’Analiel befinden. Wenn du aber die Geschichte deines eigenen Volkes kennen würdest…“

    Valshiëlle lachte auf. „Du würdest dich wundern, womit ich mich alles auskenne!“ Sie trat an Calion heran. „Ich glaube nicht, dass heute noch wichtig ist, was dereinst zwischen Hochelfen und Menschen vorgefallen ist, wenn sie in der Gegenwart friedlich miteinander auskommen! Ohnehin hat dieser alte Groll nichts mit den Waldelfen und den Birkensundern zu tun!“

    „Du bist aber keine Waldelfe, Val.“

    Valshiëlle schüttelte den Kopf. „Dieses kleine Dorf, Birkensund, ist mir sehr ans Herz gewachsen und, ob es dir gefällt oder nicht, die Menschen sind es, die es zu dem machen, was es ist. Sie verstehen sich prächtig mit den Waldelfen und umgekehrt. Darauf sollten wir stolz sein, Cal, statt Streit zu schüren!“

    Calion lächelte. „Recht hast du“, stimmte er ihr zu. „Und dennoch behaupte ich, dass die Völker der Menschen und der Elfen zu verschieden sind für eine solche Art des Zusammenlebens. Ich glaube nicht, dass die Menschen für immer zu den Waldelfen halten werden. Sie sind kriegerisch und hinterhältig. Und ja, ich folge deiner Argumentation, wenn du sagst, dass sie dies aufgrund ihrer kurzen Lebensspanne auch sein müssen.“

    „Wie kannst du mir so die Worte im Mund umdrehen?“, stieß Valshiëlle empört hervor. „Weißt du überhaupt noch, was du da redest?“

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  • Die Elfe und der Krieger #29: Deinetwegen, Val

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Valshiëlle räusperte sich. Sie richtete sich auf und schob den Elfen auf Armeslänge von sich. Warum er hier war, wusste sie sehr genau, doch das hatte sie nicht mit ihrer Frage gemeint.

    Vor einigen Tagen war Calion Mondelf auf einem prächtigen Schimmel im Dell’Analiel eingetroffen und hatte den hier ansässigen Waldelfen berichtet, dass er von den nördlichen Wäldern und Steppen komme, aus den Silberwäldern, wo die Sippen der Hochelfen lebten. Von klein auf hatte Valshiëlle ihre Mutter von den fernen Gefilden ihrer Herkunft im Norden erzählen hören und, wie schön es dort gewesen sei. Deshalb war Calion für Valshiëlle sofort jemand Besonderes gewesen, ein Hochelf, der sie über die neuesten Geschehnisse aus ihrer ursprünglichen Heimat aufklären konnte, von der sie so gut wie nichts wusste. Valshiëlle war zu jung gewesen, um sich an ihre Heimat zu erinnern, die ihre Mutter vor langer Zeit verlassen hatte. 

    Da die fernen elfischen Verwandten aus den Silberwäldern diejenigen, die damals fortgegangen waren, nie aus ihrem Herzen ausgeschlossen hatten und sich stets fragten, was aus ihnen geworden war, hatten sie nach all den Jahren schließlich Elfenboten ausgesandt, die Wälder südlich ihrer Heimat auf der Suche nach ihren verlorenen Kindern zu durchstreifen. So war auch Calion Mondelf, ein junger Jäger, ausgezogen und letztendlich Valshiëlle begegnet, nachdem er die verschollen geglaubten Hochelfensippen unter den Waldenelfen wiederentdeckt, die einträchtig mit den Birkensunder Menschen lebten. Gerade weil Valshiëlle und Calion schnell Freunde geworden waren, hätte die Elfe niemals erwartet, dass er so abschätzig über die Menschen denken und reden würde.

    „Ich bin hier“, sagte Calion, „weil die Elfenfürsten des Silberwaldes sich um dich sorgen.“

    Die Elfe schnaubte. „Um mich?“

    „Ich bin deinetwegen hier, Val.“

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