Kategorie: Die Elfe und der Krieger. Philosophische Fantasy

  • Die Elfe und der Krieger #3

    Nicht nur die älteren Straßenkinder waren unterwegs, auf allen Wegen und Straßen waren plötzlich aufgeregte Menschen, sie trieben auf dem in der Abenddämmerung schon dunklen Marktplatz zusammen, wo ihre dichtgedrängten Körper dem Jungen in den viel zu großen Stiefeln ein Versteck vor seinen Verfolgern boten. Hier waren die Fassaden am höchsten, Kaufmannshaus reihte sich an Kaufmannshaus, Repräsentation drängte an Repräsentation, dazwischen geklemmt: das Rathaus, vor dem sich die Stadtgardisten versammelten.

    *

    Das Blut lief ihr in die Augen, tropfte von der Nasenspitze. Die Klinge schabte über ihren nunmehr kahlen, brutal geschorenen Kopf. Der Hass war zu einer inneren Gewalt angeschwollen. So gewaltig, dass sie würgen musste. Oder war es der Selbstekel, den die Männer ihr aufzwangen, Männer, die sie entstellten und entweihten, bevor sie sie töten würden? Das Würgen jedenfalls kostete die Frau Atem. Und Atem bedeutete Kraft. Alle Kraft, die sie hatte, musste sie zusammennehmen. Wenn sie einem ihrer Peiniger wenigstens einen Denkzettel mitgeben könnte, den er auf Lebzeiten nicht mehr vergaß. Das würde ihrem Hass gefallen. Ja, wenn sie untergehen musste, flüsterte er, dann sollte sie wenigstens einen von ihnen mitnehmen. Also horchte sie auf den Hass, den sie bis heute Nacht stets heruntergeschluckt hatte. Diesen ungeheuren Hass, der nicht sein durfte. Jetzt machte er sie stark.

    *

    Hohe moosige Häuserwände erhoben sich über die Massen, sperrten das schwindende Licht aus, drängten den Himmel fort. Der Wirt schob den Riegel vor die Tavernentür, Arme langten aus der Dunkelheit der Fenster, begierig die Holzladen zu schließen, Händler warfen rasch die Waren in ihre Körbe, schlossen die Stände, rollten die Decken zusammen, auf denen sie feilboten, und eilten davon. Nur die raffgierigsten und dreistesten unter ihnen witterten in dem Bevorstehenden eine Chance auf außerordentlichen Profit und boten den sich dichter drängenden Massen Speise und Trank aus einem Bauchladen an, den sie für diese Momente angeschafft hatten. Spektakel waren gut fürs Geschäft. Das wussten auch die Herren im edlen Zwirn, die sich auf dem Rathausbalkon versammelten und die beste Aussicht genossen.

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  • Die Elfe und der Krieger #2

    Ihre Locken, derentwegen man sie vorgestern noch auf dem Marktplatz bewundert hätte, zerrissen über der Messerklinge und bedeckten den kalten Steinboden. Sie verschloss die Augen vor der Schande, schwor sich, mit Würde zu sterben. Denn sterben würde sie, das wusste sie. Die Frage war nur, wie lange es andauern würde. Dennoch wollte sie sich unbeugsam geben. Wie die Ketzerin, zu der man sie gemacht hatte. Doch die Tränen flossen in Strömen unter ihren flatternden Lidern hervor, dahinter das milchige Weiß ihrer pupillenlosen Augen.

    *

    Stiefel zersprengten das Pfützenwasser und es spritzte in alle Richtungen auseinander. Der Junge plumpste vor Schreck auf sein Hinterteil und schon im nächsten Moment kegelte ihn ein plötzliches Gewirr aus Beinen gegen die Gassenwand. „Aus dem Weg, Bettlerkind!“, höhnte eine Jungenstimme. Der Kerl, dem sie gehörte, sah nicht weniger abgerissen aus als der Junge in den viel zu großen Stiefeln. Aber das kannte er ja schon: diese böse Ironie, mit der sich die älteren Straßenkinder über ihn lustig machten. Davon wurde er so wütend! „Deine Mutter ist ein Bettlerkind!“, gab der Junge trotzig zurück und grinste hässlich, obwohl er wusste, dass er wieder nur eine ordentliche Abreibung kassieren würde, wenn er aufbegehrte. Darum machte er sich, kaum war ihm das herausgerutscht, auch schon mit der Daune zwischen den Fingern aus dem Staub.

    *

    Die Männer stießen sie auf die Knie, zwangen sie sich vornüber zu beugen. Stricke schnürte ihre Handgelenke. Die Angst schürte ungeahnte Leibeskräfte. Sie wehrte sich, schrie mit weit aufgerissenen Augen trotz des Knebels in ihrem Mund. Es klang wie das heisere Grollen eines in die Ecke getriebenen Tiers. Ihr halb erstickter Zorn war der Gewalt der Vasfjeller Stadtgardisten nicht gewachsen. Diese Ohnmacht machte sie nur noch rasender. Hass kroch ihre Kehle hoch. Hass, wie sie ihn nie hatte empfinden wollen.

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  • Die Elfe und der Krieger #1

    Auftakt

    Lang lebe der Tod

    Die Stiefel, die für den Jungen, der sie trug, viel zu groß waren, knirschten auf den sandigen Pflastersteinen der Seitengasse. Sie machten Halt vor einer ausgedehnten dunklen Pfütze, deren Wasser die dämmernde Welt, ihre grauen Wolken, die hohen Fassaden und auch das schmutzige Gesicht des Jungen spiegelte. Eine Daune von ungewöhnlich strahlendem Weiß wiegte in der Luft und segelte auf das Schmutzwasser herab.

    *

    In der Tiefe unter den Pflastersteinen, in den Kerkergewölben des Vasjeller Rathauses, die sich bis weit unter die Stadt streckten, fuhren Hände grob in den Haarschopf einer Frau. Ihr Kopf wurde zurückgerissen, sie schrie auf vor Schmerz, ein Messer blitzte im Fackelschein.

    *

    Die weiße Daune wippte auf dem Pfützenwasser wie ein Spiel, das allein für den Jungen in den viel zu großen Stiefeln gemacht war. Er hockte sich hin und streckte den Kopf über die Pfütze, lächelte, als er das gewölbte Weiß mit seinem schmutzigen Finger anstupste und wie ein winziges Boot schaukeln ließ. Die Daune weckte Erinnerungen. „Das ist schon die Dritte!“, flüsterte der Junge und schaute in den Abendhimmel, der sich zugezogen hatte.

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