Autor: Jonas Balder

  • Die Elfe und der Krieger #8: Kleine Seele so wütend

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Die Blumenverkäuferin hatte den Jungen in den viel zu großen Stiefeln vom ersten Moment an ins Herz geschlossen. Er machte es ihr auch nicht schwer. Zwar redete er nie viel, bekundete seine Treue und Aufrichtigkeit aber durch Taten. Sie wusste, dass sie in ihm einen Freund gefunden hatte, wie sie ihn lange gesucht hatte. Zugleich war der Junge, der von sich sagte, er heiße Erich, eine noch kleine Seele, die der Fürsorge bedurfte. Jemand musste Verantwortung für ihn übernehmen. Zu keinem anderen Menschen, dem sie auf ihrer langen Wanderschaft begegnet war, hatte sie eine tiefere Verbundenheit empfunden als zu diesem Jungen. Sie wusste einfach, dass sie zueinander gehörten. Vielleicht war er sogar der Grund gewesen, weshalb sie in die weite Welt aufgebrochen war.

    Diese unerwartete Verbundenheit wurde erstmals auf die Probe gestellt, als sich der Junge unabsichtlich Ärger mit ein paar noblen Herren einhandelte, die gerade den Markplatz in Richtung des Rathauses überquerten. Das war auch das erste Mal gewesen, als die Blumenverkäuferin tief in die Seele des Jungen hinabgesehen hatte. Zwar mochte sie im Kindesalter erblindet sein, dafür hatte sich jedoch ihr inneres Auge geöffnet, das ihr Einsichten gewährte, von denen die Sehenden nichts ahnten. Und so sah sie, als sie in die Seele des Jungen blickte, ein äußerst starkes Gefühl, das ihr als wirbelndes Knäuel in der Farbe von glühendem Metall erschien. Es war eine ungeheure Wut, die kaum zu bändigen war. Sie wollte sich Bahn brechen, würde es auch, wenn niemand etwas unternahm.

    „Bettlerkinder wie du sind eine echte Plage“, schimpfte einer der noblen Männer voller Abscheu. „Ungeziefer aus der Gosse“, bestätigte ihn ein anderer.

    „Können eben nicht alle so feine Schnösel sein!“, brauste der Junge auf: „Ich kann nichts dafür, wenn ich keine Eltern habe!“

    Die Männer, vor deren Füße er gestolpert war, verhöhnten ihn nur:

    „Oh, es kann sprechen!“

    Ihr Gelächter hallte weit. Von fern spürte die Blumenverkäuferin, dass etwas im Gange war, und eilte los. Ihr inneres Auge kannte den Weg. Der Junge, der von einem der Männer festgehalten wurde, ballte die Fäuste und ließ seine Wut sprechen, die gegen alle Konventionen verstieß und ihm noch größeren Ärger geradezu einhandeln wollte:

    „Nicht alle haben Eltern, die alles für sie kaufen, so wie Ihr sie hattet! Einen Tag in meinen Stiefeln und Ihr wäret geliefert!“ Er imitierte die affektierte Art der Noblen, wie er sie häufig schon am eigenen Leib erlebt hatte: „Und jetzt geht mir aus den Augen!“

    Wieder erschallte Gelächter, doch nicht alle lachten mit. Der Mann, den der Junge direkt angesprochen hatte, schwieg, indes seine Kameraden riefen: „Ha, Mumm hat der Kleine ja!“

    Unvermittelt ohrfeigte der Mann den Jungen, woraufhin das Gelächter abebbte. Dann packte er ihn am Ohr und zerrte ihn in Richtung einer Gasse fort, wo eine noch viel größere Trachtprügel wartete, wenn nicht sogar Schlimmeres.

    Niemand fasste sich ein Herz. Die Passanten ignorierten den Jungen, der vor Wut und Schmerz schrie. Sie blickten zu Boden und beschleunigten ihre Schritte. Die wenigen Umstehenden wiederum sahen tatenlos zu, manche tuschelten hinter vorgehaltener Hand.

    Ehe der Mann die Gasse erreichen konnte, verstellte ihm eine Frau mit braunen Locken den Weg. An ihrem abgetragenen Kleid erkannte er sie als einfache Frau. Womöglich eine Bettlerin wie dieser schmutzige Junge. Ihre Augen waren seltsamerweise geschlossen und sie lächelte. An ihrem Arm hing ein Korb voller Blumen. Sie reichte ihm eine davon und sagte:

    „Eine Blume für den Herrn?“

    Der Mann war wie ausgewechselt. Er nahm die Blume entgegen und betrachtete sie. Zugleich ließ er von dem Jungen ab, der sich hinter der Frau versteckte und das glühende Ohr rieb.

    „Ist das dein Balg?“, frage der Mann. Seine Stimme klang bereits milder.

    Sie nickte. „Bitte, mein Herr, verzeiht ihm sein Betragen! Er weiß noch nicht, was sich gehört.“

    „Dann solltest du es ihm lehren, Weib! Oder besser: Ich lehre es ihm gleich selbst! So lernst du auch noch etwas dabei!“

    Sie machte einen Schritt auf den Mann zu und legte eine Hand auf seine Brust. Daraufhin beruhigte er sich abermals. Er wirkte irritiert, aber dennoch entspannter.

    „Habt Nachsicht!“, flüsterte sie eindringlich. „So wie es die Siebengötter uns lehren!“

    Der Mann erwiderte nichts, blickte sie bloß an. Die Frau nahm ihm die Blume wieder aus der Hand und steckte sie mit kecker Geste in ein Knopfloch seines Mantels. Dann verabschiedete sie ihn höflich, aber mit Bestimmtheit:

    „Geht nun Eures Weges, mein Herr, und vergesst uns.“

    Der Mann reagierte auf diesen seltsamen Abschiedsgruß mit einem unsicheren Lächeln und einem sehr förmlichen Nicken. Dann wandte er sich ab und schloss zu seinen Kameraden auf, mit denen er im Rathaus verschwand, als wäre nie etwas vorgefallen.

    Die Blumenverkäuferin hockte sich zu dem Jungen und schloss ihn in die Arme. Der rieb sich noch immer das schmerzende Ohr und sagte nichts. Aber das musste er auch nicht. Sie spürte seine Dankbarkeit auch ohne Worte. So wie sie eben noch seine Wut gespürt, sogar gesehen hatte: erst als wirbelndes Knäuel, dann als Gestalt, die hinter dem Jungen aufragte und im Feuerrot der Schmiedeeschen leuchtete.

    Niemand sonst hatte die Wut gesehen, die, wäre die Frau nicht eingeschritten, Magie geworden wäre, äußerst zerstörerische Magie.

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  • Die Elfe und der Krieger #7: Lang lebe der Tod

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Sehen konnte die Frau die grölende Menge nicht, als man sie an den Pfahl inmitten der aufgebahrten Holzscheite festzurrte. Sehr wohl aber hörte sie die Flüche und Beschimpfungen. Die Menschen wünschten ihr den Tod. Sie wollten sie brennen sehen.

    Offenbar klagte man sie der Verführung eines Priesters an und bezichtigte sie der Hexerei. Ihren Anklägern war sie jedoch nie begegnet, lediglich den Henkern. Erst dem Brüllen der aufgewiegelten Masse entnahm sie, wessen sie angeklagt war, nein, wofür sie hingerichtet werden sollte.

    „Was für ein Irrsinn!“ Die Gedanken der Frau rasten.

    Ihr Körper hing zwar in den Fesseln, wäre ohne sie vor Erschöpfung zu Boden gegangen, doch ihr Kopf arbeitete wie wahnsinnig. Sie war wie in einem grässlichen Rausch gefangen. Ein giftiges Gemisch aus Todesangst und Verzweiflung, das sie verrückt machte.

    Sie kam nicht umhin, sich die Gesichter der Menschen vorzustellen – das machte sie so, seit die Augen, mit denen sie das Licht der Welt erblickte, im Alter von sieben Jahren erblindet waren. Damals waren ihre Pupillen innerhalb weniger Monate zugewachsen. Seither war es, so sagten ihr die anderen, als hätte sie nie welche gehabt.

    Ihre Vorstellungskraft war seitdem aber umso größer geworden. Also imaginierte sie, was sie nicht sehen, aber spüren konnte: die vor Hass feurig leuchtenden Augen und von Schimpf weit aufgerissenen Mäuler der grölenden Masse, ihre gen Himmel gereckten Fäusten und das Gedränge ihrer Körper.

    Waren das dieselben Leute, denen sie vor einem Tag noch Blumen hatte verkaufen wollen? Für die sie jeden Morgen in den Wald jenseits der Stadtmauern gegangen war, wo die Blumen mit den bezauberndsten Düften wuchsen, auf die Lichtungen, wo die Blumen mit schönsten Blüten und prächtigsten Farben gediehen, und auf die Hügel nahe dem Wasser, wo die seltensten und robustesten Sorten zu finden waren? Es mussten dieselben sein!

    Und dennoch hörte, spürte, roch sie jetzt das Feuer, das die Fackeln in den Fäusten der Gardisten zu ihren nackten Füßen entfacht hatten. Der Scheiterhaufen brannte. Bald würde auch sie brennen! Die Hitze stieg rasch zu ihr hinauf und wollte sie durchdringen. Der Rauch hüllte sie ein und wollte sie ersticken.

    Nie hätte sie gedacht, dass sie der Hass so sehr in den Griff nehmen würde wie in diesen letzten Momenten ihres Lebens. Jetzt – mit dem Schmerz im Körper und dem Blutgeschmack im Mund – wünschte sie all den Gesichtern in ihrer Vorstellung ein nicht minder grässliches Ende, als es ihr bevorstand. Ginge es nach ihr, dann sollte die ganze Stadt brennen und in dem kochenden Blut ihrer Bürger ersticken.

    *

    Der Junge in den viel zu großen Stiefeln kannte und fürchtete die Spektakel, die auf dem Vasfjeller Marktpatz abgehalten wurden. Darum vermied er es für gewöhnlich zu weit nach vorn zu geraten, wo er unabsichtlich einen Blick auf die brennenden Frauenleiber erhaschen konnte. Doch heute Abend drängte ihn ein ungutes Gefühl vorwärts und so zwängte er sich durch die skandierende Menge, die sich den Tod der Hexe herbeisehnte, wie um darin all das am eigenen Leibe erfahrene Leid und Unrecht in Rauch aufgehen zu sehen.

    Der Junge hatte keine Ahnung, ob es Hexen wirklich gab. In den Gassen wurde viel gemunkelt. Gesehen oder erlebt hatte er Hexenwerk noch nie, auch wenn die anderen bei jeder Gelegenheit behaupteten, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugehe, meist dann, wenn es ihnen nicht in den Kram passte.

    Zwischen den sich umherschiebenden Leibern taten sich Lücken auf, die dem Jungen kurze Blicke auf das lodernde Orange-Gelb des Feuers erlaubten. Ja, da war eine zusammengesunkene Frauengestalt. Und je näher er kam, desto eindringlicher wurde das Gefühl, dass er diese Frau kannte. Aber unmöglich, dass sie es war! Denn wäre sie es, warum war sie dann so verändert? Was hatte man ihr angetan, dass sie so elend aussah?

    Im Grunde kannte der Junge die Antwort. Die Straße hatte ihm genügend Abscheulichkeiten gezeigt, um es zu wissen.

    Dennoch sträubte sich alles in ihm vor der Erkenntnis. Schließlich aber, als er aus der vordersten Reihe hervorbrach und von dem Spieß eines Gardisten zurückgetrieben wurde, war die Wahrheit nicht mehr zu leugnen.

    An dem Pfahl auf dem brennenden Scheiterhaufen hing die immer lächelnde Blumenverkäuferin, nur dass sie nicht mehr lächelte.

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  • Die Elfe und der Krieger #6: des Herzogs Nase

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Die Männer mieden die am Boden liegende Frau wie ein Feuer, das im Begriff war, außer Kontrolle zu geraten. Nur einer schritt unbeeindruckt auf sie zu, amüsiert sogar.

    Herzog Ludewig von Benninger hatte dem Prozess ihrer Läuterung auf einer Holzbank sitzend beigewohnt und, während sie schrie und litt, darüber sinniert, wie er sich involvieren wollte. Aufgerafft hatte er sich aber erst, als die Männer von der Frau zurückgewichen waren wie eine aufgescheuchte Hasenbande. Als er vor ihr stehen blieb und auf sie herabblickte, hätte jeder Idiot erkennen können, dass der Herzog ihre Tortur genoss.

    Sie war nicht die erste hier unten und würde nicht die letzte sein. In dem, was ihr widerfuhr, war sie nichts Besonderes. Nein, besonders machte sie etwas anderes. Der Herzog hockte sich vor ihr hin und strich ihr über den kahlen verkrusteten Schädel.

    „Ich fürchte mich nicht vor deinen Flüchen“, flüsterte er ihr zu. „Und weißt du auch warum?“ Er lächelte. „Weil du gar keine Hexe bist.“ Kaum hatte er das gesagt, riss die Frau die Augen auf und ein Zucken ging durch ihren Körper. „Aber ungefährlich bist du deswegen nicht, Herzchen.“ Er lachte leise in sich hinein. „Tragisch, dass du nie erfahren wirst, was du wirklich bist… weswegen dir widerfährt, was dir widerfährt… Noch heute Abend wird es nämlich mit dir zu Ende gehen. So wie mit allen deinesgleichen.“

    Da bäumte sich die Frau auf und spie dem Herzog Blut und Speichel ins Gesicht.

    Benninger blieb ungerührt, schloss nur die Augen. Er hob die Augenbrauen und zückte er ein Stofftaschentuch, um sich das Gesicht abzuwischen. Er ließ sich Zeit. Aber schließlich packte er die vor Erschöpfung schnaufende Frau am Kiefer und richtete sie so weit auf, dass sie ihm in die Augen hätte blicken können. Das milchige Weiß ihrer Augäpfel fesselte den Mann.

    „So viel verschwendete Schönheit!“, sagte er. „Das ist ärgerlich, so ärgerlich…“

    Ihre Mimik war angesichts seiner Worte ausdruckslos, ihr Körper schlaff. In den bleichen Augen der Frau konnte der Herzog nichts lesen. Als wäre ihre Seele selbst blind.

    „Diese Frau“, dachte er, „ist überhaupt kein Mensch.“

    Und in ebendiesem Moment kehrte das Leben, so schien es, in den geschundenen Frauenkörper zurück. Doch war es lediglich noch der Hass, der darin waltete. Er zeigte sich auf den Lippen der Frau, die ein böses Grinsen formten, das bald wie ein Zähnefletschen aussah. Die Armmuskeln spannten und stemmten den Oberkörper hoch. Der Kiefer entglitt Benningers Griff. Das rotverschmierte Zähnefletschen wurde zu einem aufgerissenen Schlund, in dem sich Fäden von Speichel und Blut spannten.

    Die Frau wusste und ahnte nicht, was der Hass sie tun ließ. Nie hatte er sie so weit getrieben. Stets war er in ihren Geist gegen eine gläserne Decke gestoßen, auf dem ihre Vernunft stand und die emporschießenden Flammen betrachtete. Die Tortur jedoch, der die Frau seit einer Nacht und einem Tag ausgesetzt war, hatte das Glas zerborsten und der brennende Hass die Vernunft verschlungen.

    Mit weit aufgerissenem Mund schnellte sie nach vorn und – mit letzter Kraft – biss sie dem Herzog ins Gesicht, verbiss sich in seiner markanten Nase, die jeder kannte, der jemals eine Goldmünze besessen hatte.

    Der Mann schrie auf und packte ihr Gesicht, wollte sie instinktiv fortdrücken. Jetzt verfluchte er sie. Verfluchte seine Männer, die ihm gefälligst zur Hilfe eilen sollten. Angestachelt von seinen Beschimpfungen knüppelten sie auf die Frau ein. Doch es war zu spät. Als sie am Boden lag, beinahe besinnungslos, spuckte sie aus. Nicht weit von ihr lag auf dem Kerkerboden der größte Teil der herzoglichen Nase.

    Benninger hielt sich das Gesicht und heulte: „Packt sie! Schafft mir das Miststück aus den Augen!“

    Die Männer ergriffen die Frau und schleiften sie eine Treppe hinauf ins unstete Licht der Fackeln, die den Vasfjeller Marktplatz erhellten. Das Grölen der Massen schwappte ihnen entgegen.

    *

    Dass er heute Morgen allein im Armenhaus aufgewacht war, hatte den Jungen in den viel zu großen Stiefeln sehr beunruhigt. Und als er deshalb bei den Nachbarbetten im Schlafsaal herumgefragt hatte, ob irgendwer wüsste, wo die Blumenverkäuferin sei, meinte einer gesehen zu haben, wie sie nachts davongeschlichen sei.

    Der Junge wusste, dass die Blumenverkäuferin immer sehr früh aufstand, um erst gegen Mittag wiederzukehren. Ihr Korb war dann meist bis zum Rand mit den schönsten Blumen gefüllt, die einen wundervollen Duft verbreiteten.

    Also wartete er ungeduldig die Mittagszeit ab.

    Aber da sie dann immer noch nicht wiedergekommen war, was hätte der Junge wohl anderes tun können, als wie früher allein aufzubrechen? Die überraschende Einsamkeit weckte das Gefühl des Alleinseins, das er seit jeher kannte, und verschlimmerte es durch das bittere Gefühl des plötzlichen Verlustes. Dem Jungen wurde klar, dass die glückliche Zweisamkeit mit der Blumenverkäuferin sowieso nicht für immer hätte anhalten können. Auch sie hatte ihn letzten Endes verstoßen und jetzt musste er ohne sie zurechtkommen, musste wieder für sich allein sorgen können, indem er seinem Handwerk nachging.

    Und sein Handwerk war das eines Diebes.

    Heute allerdings war der Wurm drin. Denn just in diesem Moment zog der Junge zu kräftig an dem vermaledeiten Knoten, der den Geldbeutel sicherte, vielleicht weil er wegen all seiner Gefühle und Gedanken zu unkonzentriert war. Keine Sekunde später wurde er auch schon gepackt, erst am Handgelenk, dann im Nacken.

    Der ihn packte, war ebenjener Mann, dem er soeben fast den Geldbeutel vom Gürtel losgeknotet hätte. Und jetzt, da sich der Kerl zu ihm herumdreht hatte, stellte der Junge auch noch fest, dass er ihn kannte. Es war einer der noblen Herren, mit denen er vor ein paar Tagen auf dem Marktplatz aneinandergeraten war. Diesmal trug der Mann allerdings weniger auffällige Kleidung, vielleicht, weil er sich unters Volk mischen und unerkannt bleiben wollte.

    „Du schon wieder!“, knurrte der Mann. „Diesmal entkommst du mir nicht, du miese kleine Ratte!“

    Aber der Junge hörte gar nicht zu und fing stattdessen zu zerren und zu zappeln an. „Lass mich los!“, rief er. Wieder flammte die Wut in ihm auf wie eine grässliche fremde Macht.

    Doch der Griff in seinem Nacken war eisern. Schon holte der Mann aus, um ihn ordentlich zu verprügeln, da fing die Menge um sie herum das Rufen an. Alles geriet in noch größere Aufregung als ohnehin und drängte vorwärts. Sie wurden hin und her gestoßen und gegen die Umstehenden gepresst. Der Mann reckte sich jetzt und versuchte zu erkennen, was am Rathaus vor sich ging. Der Junge nutzte den Moment und trat dem Mann mit voller Wucht gegen das Schienbein, woraufhin der übler fluchte, als seine Noblesse erwarten ließ, und den Griff lockerte. Daraufhin tat der Junge, was er in brenzligen Situationen immer tat:

    Er zog den Kopf aus der Schlinge und verschwand in der Menschenmenge.

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  • Die Elfe und der Krieger #5: Blumenverkäuferin

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Geldbeutel waren am schwierigsten zu stehlen. Erstens trugen so einen nur wenige leichtfertig am Gürtel. Zweitens waren sie oft fest verknotet. Der Junge in den viel zu großen Stiefeln musste also Acht geben, nicht bemerkt zu werden, und zugleich mit den Fingern geschickt sein, meist mit nur einer Hand, weil alles andere zu auffällig gewesen wäre. Doch in dem Gedränge heute standen seine Chancen gut. An anderen Tagen wäre es unmöglich gewesen, Geldbeutel ohne Messer zu stehlen. Messer hatten allerdings nur einige der älteren Straßenkinder.

    Vor zwei Wochen erst war der Junge erwischt worden, als es ohne Messer versucht hatte. Auf dem Marktplatz war eine blinde Blumenverkäuferin aufgetaucht, die er für ein gutes Opfer gehalten hatte. Also versuchte er sein Glück am helllichten Tage, weil es ihm ungefährlich erschien, zumal selten jemand anhielt, um Blumen aus dem Korb an ihrer Armbeuge zu kaufen. Nur die Siebengötter wissen, wie die Blinde jeden Tag aufs Neue an diese Blumenpracht gelangte.

    Gerade als der Junge ihren Geldbeutel losmachen wollte, tasteten ihre Finger nach dem Säckchen und berührten die seinen. Die zarte Berührung erschreckte den Jungen so sehr, dass er vergaß, wegzulaufen. Aber er erstarrte nicht nur, weil er ertappt worden war, sondern auch, weil ihn lange niemand mehr berührt hatte, und wenn doch, dann war es bloß eine Trachtprügel gewesen. Die Finger der Blumenverkäuferin waren nicht grob und hart, sie waren warm, weich und behutsam.

    Die Frau drehte sich zu ihm herum und, statt eine verärgerte Grimasse zu ziehen, lächelte sie den auf frischer Tat Ertappten an. Ihre Augen waren geschlossen und sie legte den Kopf schief, sodass ihre dicken braunen Locken federten. So wie sie hatte den Jungen noch nie irgendwer angesehen.

    Ihr Strahlen war einzigartig.

    Aber damit nicht genug streichelte sie ihm auch noch über den zerzausten Blondschopf – diese sanfte Berührung elektrisierte ihn – und sagte:

    „Hier, nimm!“

    Der Junge konnte es nicht fassen, aber die Frau, die er eben noch bestehlen wollte, schenkte ihm nun fünf Kupfermünzen, nicht eine einzige wie bisweilen ein gnädiger oder gutgelaunter Passant, nein, gleich fünf auf einmal.

    An jenem Tag war er zu verblüfft gewesen, um sich zu bedanken. Er hatte sich mit den Münzen einfach aus dem Staub gemacht. Außerdem hatte er an jenem Tag zum ersten Mal eine dieser andersweltlichen Daunen gesehen. Sie war plötzlich zwischen den Kupfermünzen in seiner Hand gewesen. Das war dem Jungen so unerklärlich wie die Tatsache, dass die Blumenverkäuferin ihn, obwohl er so vorsichtig gewesen war, erwischt hatte.

    *

    War das zu fassen? Die Hexe verhöhnte ihn! Der Gardist war außer sich. Er holte schon zu einer Ohrfeige mit der nietenbeschlagenen Rückseite seines Handschuhs aus, da sprach die Frau mit einem teuflischen Grinsen auf den Lippen und ihre Stimme troff vor Verachtung: „Ich verfluche dich, du Bastard!“ Die Augen des Mannes weiteten sich, entsetzt wich er vor der Frau zurück. Die anderen Männer ließen ebenfalls von der Frau ab, als wäre sie plötzlich ein Bündel sich windender Giftschlangen. Sie stürzte auf die Handballen und versuchte sich noch hochzustemmen, brach dann aber zusammen.

    *

    Seit dem Tag, an dem der Junge in den viel zu großen Stiefeln die Blumenverkäuferin kennengelernt hatte, behielt er immer ein Auge auf sie. Nicht nur warnte er sie vor den anderen Beutelschneidern, sondern teilte auch seine hart erkämpfte Beute mit ihr, selbst wenn es meist nur essbare Kleinigkeiten wie Äpfel, Brötchen oder Küchlein waren, lose Ware, die handlich war und die er darum leicht unbemerkt von den Marktständen entwenden konnte, obwohl die Händler ihn bereits kannten und jedes Mal aufs Neue zu verscheuchen versuchten.

    Die Blumenverkäuferin lehnte seine Geschenke nie ab, sagte aber immer: „Die Siebengötter wollen bestimmt nicht, dass du stiehlst.“ Und er dachte immer nur: „Dann hätten sie mich nicht arm machen sollen!“ Aber er wollte ihr nicht widersprechen und verschwieg seinen Gedanken.

    In den wenigen Tagen und Nächten der letzten zwei Wochen waren sie dicke Freunde geworden, mehr noch: eine Überlebensgemeinschaft. Die Blumenverkäuferin – Sarah nannte sie sich – war die einzige Person, die dem Jungen je ein Lächeln geschenkt hatte. Überhaupt war das erste, was er über sie gelernt hatte, dass sie immer lächelte. Sogar wenn man sie ignorierte, beschimpfte, anrempelte oder wegen ihrer Blindheit verspottete. Nicht einmal brachte ihr stoisches Lächeln ins Wanken, dass mancher Mann sie mit den Frauen aus dem Hafenviertel verwechselte, stehen blieb und bewundernd ihre Locken befühlte, als dürfte er das ungefragt. Ihre Geduld war schier grenzenlos und ihre Kraft reichte immer noch aus, um die Wut des Jungen zu bändigen, der nicht so schnell verzeihen wollte.

    Dank ihr hatte er ein Dach über dem Kopf, denn zusammen mit ihr durfte er nachts im Armenhaus des Siebengötter-Tempels schlafen, was angesichts der Massen an Armen und Obdachlosen in den Gassen und Straßen von Vasfjell nur wenigen vergönnt war. Sie aber kannte einen der Priester, obwohl sie noch gar nicht lange in der Stadt sein konnte, und der hatte ein gutes Wort für sie eingelegt.

    Und so schlief der Junge nicht mehr auf der Straße, wo er nie sicher sein konnte, wer oder was hinter seinem Rücken lauerte, sondern in der Geborgenheit ihrer wärmenden Umarmung. Zum ersten Mal fühlte der Junge, dass er irgendwo hingehörte. Darum schämte er sich bis auf den heutigen Tag, dass er nicht den Mumm hatte, sich bei der Blumenverkäuferin für den versuchten Diebstahl zu entschuldigen.

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  • Die Elfe und der Krieger #4: Gebrochener Stolz

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Das Kleid war zerrissen, ihr Stolz gebrochen. Alles erschien der Frau dumpf. Selbst der Schmerz, der durch ihren Leib flammte. Die Männer bespuckten und beschimpften sie ein letztes Mal, bevor sie hochgerissen und fortgeschafft wurde. Ihre Beine trugen sie nicht mehr. Nur ihr brennender Hass hinderte sie daran, die Besinnung zu verlieren. Er lauerte auf seine Gelegenheit.

    *

    Der Junge in den viel zu großen Stiefeln schlüpfte zwischen den dichtgedrängten Menschen hindurch. Seine dunklen Augen blickten ungerührt durch die blonden Strähnen, die vor seinem Gesicht wippten. Rufe wurden laut, der Unwillen der Menschen trat zu Tage, Fäuste reckten sich gen Himmel. Gardisten hielten die Meute mit langen Spießen zurück. Ein Pfahl wurde zwischen die Pflastersteine gerammt. Man schaffte Holzscheite herbei und stapelte sie wie für ein Freudenfeuer. Der Junge in der Menge dachte: „Das ist meine Gelegenheit!“, und erleichterte die Umstehenden um die Habseligkeiten an ihrem Gürtel, allem voran um ihre Geldbeutel.

    *

    Die Männer lachten nicht. Wahrhaftiger Ekel erfüllte sie, als sie die Frau hinter sich her schleiften, sie zum Gehen zwangen, obwohl ihre Beine nachgaben, und sie dann vor sich hertrieben, ihr Tritte versetzten und im Nacken packten, um sie weiter voranzubringen. Eine behaarte Hand quetschte ihr Gesicht, nötigte die Frau, ihren Peiniger anzusehen. „Kannst dich glücklich schätzen, dass wir dich nicht steinigen lassen“, raunte der Kerl. „Elendes Hexenpack!“ Ein bleiches Augenpaar erwiderte den Blick des Mannes, ja erwiderte trotz Blindheit. Die Frau knurrte bloß, im Mund der riesige Knebel, der ihr fast den Kiefer ausrenkte. „Willst du etwa reden?“, höhnte der Stadtgardist. „Kann eine wie du überhaupt reden?“ Als er übermütig den Knebel entfernte, wuchs zu seiner Verblüffung ein widerwärtiges Lächeln in dem Frauengesicht, aus dem Hass und Todesgewissheit sprachen.

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