Inhaltshinweise zu dieser Geschichte
Das Motiv ihres Gemäldes war unmittelbar dem Leben entnommen, ohne aber das Leben bloß nachzuahmen, es dadurch zu verdoppeln und womöglich durch einen ästhetisierten Zwilling zu ersetzen. Es war ein Moment intensiven Schreckens, den Janna mit Unmengen an Farbe in die Leinwand geradezu hineingeklatscht hatte, um dann die Konturen aus dem Meer von Indigo, Purpur und Sumpfgrün hervorzuarbeiten, einem Meer, das tief reichte. Diesen Motiv gewordenen Moment hatte die Malerin selbst erlebt – erleben müssen! Doch heute Abend war es ihr gelungen, seine erschütternde Kraft in die Mittel der Gestaltung zu übertragen und darin zu binden, wie um sich ein für alle Mal davon loszumachen.
Dieses Jahr würde es klappen! Dieses Jahr würden die Juroren ihr Talent erkennen! Janna durfte nur nicht die Einreichfrist versäumen, so wie im vergangenen Jahr, als sie sich mutlos gefühlt hatte. Die Bewerbung musste diese Woche raus.
Lächelnd trat Janna in die Pedale.
Unter den Fahrradreifen knirschte der abschüssige Sandweg. Es ging in eine Senke, an deren tiefsten Stelle sich rechts des Weges der Schreventeich auftun würde, links hingegen eine ausgedehnte Wiese, die sommers zu dieser Zeit noch bevölkert gewesen wäre. Da die Nächte kalt, windig und verregnet geworden waren, so wie es der Herbst an der Ostsee mit sich brachte, lag die Wiese leer und verlassen da.
Nur wenige Laternen spendeten längs der Sandwege Licht. Spätabends war der Schrevenpark größtenteils stockduster. Normalerweise mied Janna schlecht ausgeleuchtete Orte zu später Stunde. Sie waren ihr unheimlich. Die nächste Laterne leuchtete erst am Café Castillo, das am anderen Ende des Parks lag und längst geschlossen hatte. Janna sah dort eine der zwei Rückleuchten zum Lessingplatz hinausflitzen. In der Ferne glänzten im kalten Licht der Straßenlaternen bereits die feuchten Pflastersteine und grüßten die junge Frau, die sich, wenn sie ehrlich war, im Dunkeln fürchtete. Heute Nacht spürte sie es so deutlich, wie seit langem nicht mehr.

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