Autor: Edvard Solstad

  • Im Kreuzfeuer #8: Als wäre es ihr erster Atemzug

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Die Planetenleitstelle von X-Tarma-12 hatte der Kommandobrücke die Existenz der Expedition mittlerweile bestätigt und bat die Lazarus VII ebenfalls darum, das Kurzstreckenschiff zu bergen, weil sie letztlich besser dafür ausgestattet sei als alles, was die Strafkolonien aufzuwarten hätten. Die „Fracht“ könne auch später noch gelöscht werden.

    Schwerfällig wie ein Weltraumwal drehte also der Gefangenentransporter und nahm Kurs auf das fremde Sternensystem. Auf Befehl des Captains beschleunigte die Lazarus VII ins Ungewisse.

    ***

    Nachdem Harry Robinson zusammen mit den übrigen Missionsteilnehmern vom Sicherheitschef gebrieft worden war und die Lazarus VII schließlich in das noch unbenannte Sternensystem vordrang, hatten Dr. Cramer und Dr. Garret das Subjekt CK-T.132 längst stabilisiert und sicher verwahrt. Keiner der beiden wäre so ruhig zur nächsten Wiedererweckung übergegangen, hätte er gewusst, was der Tag noch bringen würde.

    ***

    Sie schlug die Augen auf und sog die Luft in ihre Lungen, als wäre es ihr erster Atemzug. Nach einem Moment der Verwirrung und jäher Panik erkannte sie, dass sie ein Körper war, ein Körper umgeben von Raum. Ihre Augen brannten. Sie zwinkerte. Und dann versuchte sie zu sehen, ohne zunächst zu verstehen, was Sehen war. Dennoch blieb es dunkel. Auf der Schwärze um sie herum lag ein grauer Schleier. Doch mit ihrer Haut und ihrer Vorstellungskraft erspürte sie, dass der Raum dennoch da war. Sie konnte nicht im Nichts sein, dachte sie spontan. Etwas musste da sein. Etwas, das nicht sie war. Irgendetwas.

    Der Frau war kalt. Eiskalt. Sie zitterte.

    Ein Geräusch drang an ihre Ohren. Das monotone Brummen einer Maschine. Einer sehr großen Maschine. Ja, es war eine Art Brummen, das von überall auf sie zukam. Sie musste in einer Maschine sein. Aber was genau war eine Maschine?

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  • Im Kreuzfeuer #7: Notruf

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Offenbar hatte man auf der Kommandobrücke einen Notruf aus einem Nachbarsystem erhalten, das bereits jenseits des bekannten Universums lag. Für diese Regionen waren die Sternenkarten noch unzuverlässig, aber die Langstreckenscanner erfassten tatsächlich eine Sonne mit sieben Planeten, von denen zwei bewohnbar waren und sogar Leben nach menschlichen Maßstäben ermöglichten. Einer davon war ein grüner Gigant – ein wasserreicher Urwaldplanet, wie man ihn nur selten findet. In dessen Umlaufbahn driftete laut Sensoren das havarierte Raumschiff, welches das Notsignal abgesetzt hatte. Dem zufolge handelte sich es bei den Schiffbrüchigen um eine Expedition von X-Tarma-12, deren Treibstoffreserven zur Neige gegangen waren. Schuld daran sei ein heikles Manöver gewesen, das notwendig geworden sei, um eine Kollision mit einem nicht identifizierten Flugobjekt zu vermeiden. Es sei plötzlich aufgetaucht und habe widererwarten den Kurs des Forschungsschiffs geschnitten.

    Nicht identifiziertes Flugobjekt! Wenn Harry das schon hörte! Das klang jedes Mal, als würde die Menschheit endlich auf außerirdisches Leben stoßen, das eine vergleichbare Intelligenz aufwies – Tiere und Pflanzen hatte man bereits zahlreiche entdeckt, sogar echsenartige Humanoide, die allerdings gerade einmal so schlau waren wie die Affen von der Erde. Doch Begegnungen auf Augenhöhe waren bisher ausgeblieben. Wahrscheinlich hatte auch diesmal nur der Navigator gepennt und es handelte sich um einen Meteoriten, dessen Flugbahn er bei der Programmierung des Kurses längst hätte mit einberechnen sollen. Und jetzt war das Ding schon wieder außer Reichweite der Sensoren, vielleicht weil es hinter dem grünen Giganten verschwunden war, in dessen Umlaufbahn es geraten war. Wie auch immer, es wäre jedenfalls nicht das erste Mal, dass Harry so etwas erlebt hatte, wenn auch selten auf diesem Gefangenentransporter, dessen Captain sich andere Prioritäten als die Erforschung der Leere setzte. Aber auch wenn er andere Prioritäten hatte, war er zu Hilfeleistungen bei einer Havarie verpflichtet. So verlangte es der Raumfahrerkodex.

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  • Im Kreuzfeuer #6: Hab keine Angst, mein Kind

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Durch den wissenschaftlichen, technologischen und insbesondere, wie Dr. Cramer vor jüngeren Fachkollegen gern betonte, ethischen Fortschritt war es möglich geworden, die biochemischen Strukturen der Erinnerung im Gehirn eines Probanden zu lokalisieren und sie nicht nur auszulesen, sondern auch umzuschreiben. Erstaunlicherweise hatten sich diese Strukturen jedoch, sofern sie nicht akribisch bereinigt wurden, als äußerst widerspenstig erwiesen.

    „Sofort die Reprogrammierungsprozeduren stoppen und das Subjekt sedieren!“

    „Verstanden!“, rief Dr. Garrett. „Sofortiger Abbruch von Phase 3!“

    „Und führen Sie anschließend weitere Tests durch, deren Ergebnisse Sie mir umgehend als Bericht zukommen lassen. Ich will wissen, in welchem Zustand sich der Erinnerungsapparat von Subjekt CK-T.132 befindet! Notfalls müssen wir es zunächst ohne intakte Neuprogrammierung wiedererwecken. Dann können wir es im Wachzustand beobachten und befragen. Eine äußert ineffektive Methode. Aber was soll’s…“

    „Wird erledigt!“, erklärte Dr. Garrett.

    „Immer nur Pfusch!“, knurrte Dr. Cramer und trat an das Panzerglas heran, das ihn von CK-T.132 trennte. Er verschränkte seine Hände hinter dem Rücken und flüsterte, sodass es das Wiedererweckungsteam nicht hören konnte:

    „Ich werde das nicht dulden und eine Beschwerde an die verantwortlichen Regierungsbehörden richten. Immerhin verdanken wir denen die fehlerhafte QR-212-X. Aber hab keine Angst, mein Kind, wir finden eine Lösung.“

    ***

    Als die Lazarus VII das Sternensystem X-Tarma erreichte, wurde Alarm ausgelöst. Fast augenblicklich berief man Harry und weiteres Sicherheitspersonal von ihren Wachposten ab und stellte ein Einsatzteam zusammen. Wie man den mürrischen Wachmann im Briefing wissen ließ, hatte sich der Captain zu einer Hilfsmission bereit erklärt, genauer: zu einer Bergungsmission. Harry hasste Bergungsmissionen. Denn für gewöhnlich musste man dafür in das Nichts da draußen hinaus. Er bekam noch immer eine Gänsehaut von der Vorstellung, in einem winzigen Shuttle durch die Leere zu fliegen, mit Atemluft für begrenzte Zeit und dicht an dicht gedrängt mit Ärzten, Technikern und anderen Söldnern wie ihn. Dank der Größe der Lazarus VII vergaß er manchmal, dass er sich überhaupt im Weltall befand. Das waren selige Momente!

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  • Im Kreuzfeuer #5: Widerstreit von Geist und Körper

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    „Computergenerierte Erinnerungen werden jetzt implantiert.“

    Plötzlich erfassten das Subjekt Krämpfe und es begann sich wild hin und her zu werfen.

    „Was ist los?“, fragte Dr. Cramer.

    „Etwas ist schiefgegangen! Noch weiß ich nicht, was!“, rief Dr. Garrett, während er auf dem Bildschirm einer Steuerungskonsole nach Antworten suchte. Unterdessen nahmen die Schüttelkrämpfe des Subjekts an Intensität zu. Den Biodaten entnahm Dr. Cramer, dass die Gehirnwellen von Subjekt CK-T.132 instabil geworden waren. Im Grunde spielten sie verrückt.

    „Verdammt nochmal!“

    „Da! Ich habe etwas gefunden!“, meldete sich Dr. Garret zurück. „Es scheint so, als würde das Subjekt die neuen Erinnerungen teilweise abstoßen. Noch ist nicht klar, weshalb.“

    „Scannen Sie das Gehirn auf alte Erinnerungen“, ordnete Dr. Cramer an.

    Erinnerungen galten dem Menschen lange Zeit als Beweis der Seele – oder später, als Psychologie und Neurologie fortgeschrittener waren, als unerklärliches Rätsel, das aus dem Widerstreit von Geist und Körper resultierte. Doch letztlich erwiesen sich auch die Erinnerungen schlicht als biochemische Strukturen, die einer gewissen Codierung folgten.

    „Aber die QR-212-X wurde doch schon durchgeführt!“, insistierte Dr. Garrett.

    „Nicht von uns.“

    „Also gut.“ Dr. Garrett führte den Gerhirnscan durch. „Verdammt, Sie liegen richtig! Da sind noch immer Erinnerungen vorhanden. Die QR-212-X muss sie nur unzureichend gelöscht haben. Keiner Wunder, dass die programmierten Erinnerungen abgestoßen werden!“

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  • Im Kreuzfeuer #4: Wiedergeburt

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    „Biodaten“, befahl Dr. Garret, woraufhin einer der Techniker, die wie die Forscher weiße Kittel trugen, die angeforderten Informationen vortrug:

    „Physischer Zustand stabil. Künstlicher Kälteschlaf aktiv bei minimalem Stoffwechsel. Minimale Gehirnaktivität. Körperfunktionen im Normbereich. Subjekt bereit zur Wiedererweckung.“

    „Beginnen mit Phase 1 der Wiedererweckung.“

    „Phase der Ankunft eingeleitet. Kältekammer mit synthetischer Amnionflüssigkeit fluten.“

    Die Kältekammer füllte sich mit einer grünen Flüssigkeit, die stoffelwechselaktiv war, wie Dr. Cramer wusste, und welche die Ankunft von CK-T.132 herbeiführte.

    „Kälteschlaf aufgehoben. Subjekt CK-T.132 ist angekommen und wird in künstliches Koma versetzt. Phase 1 abgeschlossen. Bereit für Phase 2.“

    In dem röhrenartigen Behälter – dem Amnion, wie die Forscher es auch nannten – trieb die Frau nun in dem leuchtenden Grün auf und ab. Ihre Haut war noch immer blass. Aber sie schien nun lebendiger, tatsächlich, als schliefe sie bloß. Man sah deutlich, wie sich ihr Brustkorb hob und senkte. Sie atmete die mit Sauerstoff angereicherte Flüssigkeit.

    „So viel dazu“, kommentierte Dr. Cramer. „Die QR-212-X wurde bereits vor Schlaflegung durchgeführt. Das bedeutet, dass alle Erinnerungen des Subjektes gelöscht sind. Wir überspringen Phase 2.“

    „Phase der Läuterung wird übersprungen“, bestätigte Dr. Garrett fürs Protokoll.

    „Beginnen mit Phase 3.“

    „Phase 3 – die Wiedergeburt – wird eingeleitet!“, nickte Dr. Garret. „Neuprogrammierung der Persönlichkeit steht kurz bevor.“

    Der Hochleistungscomputer dockte an die Geräte der Kältekammern an und die Prozedur zum Neuschreiben der Persönlichkeit wurde eingeleitet.

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