Kategorie: Nyneve, oder Die verborgene Wildnis (2019)

  • Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #7

    Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #7

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Blut spritzte in Jannas Augen. Nahm ihr Sicht und Orientierung. Sie fiel samt Fahrrad zur Seite um. Wischte mit den Fingern das Rot aus ihren Augen. Es brannte. Klebte. Mischte sich mit dem Sand in ihrem Gesicht, auf das sie geknallt war. Zu spät hatte sie den Lenker losgelassen, an den sie sich im Fallen erst noch fester gekrallt hatte. Sie war benommen, hatte eine ihrer Kontaktlinsen verloren, zwinkerte, tastete mit der anderen Hand ziellos umher, fühlte den körnigen Sand und den nassen Rasen am Wegesrand.

    Über ihr schrie Eike kurz auf. Dann vernahm sie das Knacken und Reißen von Fleisch und Knorpel, die durchtrennt wurden, eines Kehlkopfes, der herausgebissen wurde. Röcheln, gurgelndes Ersticken. Janna sah mit zusammengekniffenen Augen, halb verschwommen, dass der Student zitternd in den Armen der Wasserfrau hing. Sah wie die Frau, nachdem sie seinen Kehlkopf schmatzend hinuntergeschluckt hatte, ihre Zunge in die klaffende Halswunde steckte. Ein schlangenförmiger Muskel war das, der sich zum Ende hin verjüngte und das Blut wie ein Schwamm aufsog, übernatürlich lang und dick wie ein Unterarm. Die Alte musste ihren Schlund weit aufreißen, um dem Muskel den Spielraum zu geben, den er brauchte. Ein Pulsieren wanderte über die dunkelrote Haut der Zunge, als stellten sich Tausende von winzigen erregten Nadeln in einer Wellenbewegung nacheinander auf.

    Abermals trafen sich Eikes und Jannas Blick.

    Die Studentin glaubte, sämtliche Regung aus dem Gesicht des Mannes, alles Fühlen und Denken aus seinen Augen entweichen zu sehen, bis sie starr und leer wurden. Leblos fiel sein Kopf in den Nacken.

    Im Sterben hatte Eike die Malerin lange angesehen, ein fast schreiender Blick, der, weil er stumm geblieben war, sich tief in Jannas Gedächtnis eingrub.

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    Nyneve, oder: Die verborgene Wildnis

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  • Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #6

    Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #6

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Janna zitterte. Bei dem Anblick des Frauenkörpers hatte sie eine dunkle Faszination ergriffen, die sie im Nachhinein für höchst unangemessen, weil lebensgefährlich gehalten hätte. Aber in diesem Augenblick wünschte sie nichts sehnlicher, als den Frauenleib vor ihr zu malen und damit eine mitten in der Stadt verborgene Realität aufzudecken. Trotz ihrer Faszination stand der Malerin der kalte Schweiß auf der Stirn. Noch immer klammerte sie sich an den Fahrradlenker. Ihre Finger verkrampften schon.

    Da fing Eike wieder an, mit seinem Rad zu klappern, ziemlich plötzlich, als hätte er die Nerven verloren und wollte Reißaus nehmen! Das Klappern ließ die Frau aus dem Wasser aufhorchen, aber noch soff sie das Blut ihres Opfers. Als der Student sein Rad lärmend gewendet hatte, richtete sie ihren Oberkörper abrupt auf und fletschte die Zähne. Auf ihrem Gesicht mischte sich das schwache Rotlicht der Rückleuchte mit der Farbe des Blutes.

    Eike setzte einen Fuß auf das rechte Pedal und wollte losfahren, aber als sein Blick auf Jannas traf, hielt er inne.

    „Worauf wartest du?“, zischte er. „Komm!“

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  • Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #5

    Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #5

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Den Typen, der sie fast umgefahren hätte, kannte die Malerin flüchtig aus der Universität. Er war nicht viel älter als sie und hieß Eike. Umständlich versuchte er sein Rad zu wenden, ohne abzusteigen. Er zappelte wild darauf umher, kam aber in seiner Panik nicht vom Fleck. Wie Janna hatte er einen alten Drahtesel, der in der nächtlichen Stille furchtbar klapperte. Wieder und wieder wischte der Lichtschein des batteriebetriebenen Frontlichts über das Wesen hinweg, während er den Lenker hin und her riss. Janna konnte das nasstriefende Geschöpf jetzt sehr genau erkennen. Der Anblick paralysierte sie. Ihre Finger, an denen noch Farbreste klebten, umklammerten die Griffe ihres Fahrradlenkers. Auch Eike erstarrte. Der Lichtkegel seiner Frontleuchte fiel direkt auf das Ding aus dem Teich.

    Das Ungeheuer hockte auf dem hingestreckten Körper, als könnte es jederzeit lospreschen. Es hatte den Kopf angehoben und schaute in Eikes Richtung, aber für Janna sah es aus, als würde es durch den Mann hindurchschauen. Konzentriert kaute es auf dem herausgerissenen Kehlkopf. Blut lief ihm über die weiße, vom Teichwasser aufgequollene Haut, rann über Kinn und Hals, die an und für sich menschlich aussahen, wie überhaupt das gesamte Geschöpf wie die Leiche einer alten nackten Frau erschien, die lange, sehr lange im Wasser gelegen hatte, mit allerdings bizarren Proportionen und Eigenheiten, die bei Menschen so nicht vorkamen.

    Der Frauenleib, den die Malerin erblickte, war ausgemergelt und zugleich stellenweise aufgedunsen, als wäre er erst einen Hungertod gestorben und dann in den Teich geworfen worden, wodurch Wasser in das Gewebe hatte eindringen und es aufschwemmen können. Auf den Runzeln und Hautfalten des Frauenkörpers klebte das schmierige und endlos lange, mit Schlingpflanzen durchwachsene Haupthaar. Wie meterlange Algen floss es über Hals und Schultern bis hinab zwischen die Hängebrüste und über die deutlich erkennbaren Rippenbögen. Das ovale Gesicht der Frau war größtenteils verdeckt. Grau verschleierte Augen blickten zwischen den Haarsträhnen hervor – oder blickten eben nicht. Sie schienen in der Tat unbewegt, blind wie Glasaugen, während der Kopf der Frau leicht hin und her zuckte, als würde sie in die Nacht hineinlauschen.

    Ab und an stellte sie das Kauen ein, zog ihre verdorrten Lippen weit zurück und bleckte die spitzen Stiftzähne, von denen die oberen Eckzähne die längsten waren und zudem als einzige leicht gekrümmt. Sie erinnerten Janna an die Giftzähne einer Schlange. Nur schienen sie robuster, härter. Diese Zahnpalisaden, hatte sie den Eindruck, konnten Knochen zertrümmern. Am kraftvollsten aber waren die Beine, die im Vergleich zur menschlichen Physiognomie, wie sie die Malerin Tag ein, Tag aus studierte, seltsam verkürzt schienen. Hingegen die Arme waren äußerst lang gewachsen. So wie auch die Finger, die sich zu Krallen verlängerten und wie Knochenfortsätze der obersten Fingerglieder aussahen. Mit der Linken stützte sich die Frau auf dem Gesicht ihrer Beute ab, die längst nicht mehr röchelte und still dalag. Ihre Krallenhand war riesig. Sie umschloss den Kopf des Mannes fast vollständig.

    Schließlich, da Janna und Eike sich weder rührten noch einen Ton von sich gaben, beugte die Frau sich wieder hinab zur blutsprudelnden Kehle ihres Opfers und begann zu schlürfen. Im Sand hatte sich bereits ein dunkler Fleck ausgebreitet.

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  • Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #4

    Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #4

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Noch immer kam Janna angerast. Erst jetzt begriff sie, was passierte, und trat heftig in den Rücktritt, bremste, was das Zeug hielt. Ihr Fahrrad schlitterte durch den nassen Sand, das Hinterrad beschrieb eine Kurve und kam unweit vor dem Ding aus dem Teich zum Stehen. Janna war unter dem dunklen Blätterdach des Schrevenparks hervorgerauscht und stand jetzt ebenfalls vor dem Wasser. Die plötzliche Weite des Blicks traf sie unvorbereitet. Sie kam sich völlig ungeschützt vor. Links die verlassene Wiese und rechts der noch viel größere Teich, über dessen Ufer sich ringsum vereinzelte Trauerweiden beugten. Auf seiner nahezu unbewegten Oberfläche spiegelten sich die umliegenden Häuserfassaden und der verhangene Nachthimmel. Schwarz war das Teichwasser. Und ein Teil dieser Schwärze hatte sich soeben daraus erhoben, in Form eines fremdartigen Wesens, das nun keine drei Meter mehr von Janna entfernt war. Es kauerte auf dem Mann und biss ihm die Kehle durch. Der Mann hatte nicht einmal schreien können. Was blieb, war sein erstickendes Röcheln.

    Alles war viel zu schnell gegangen.

    Janna hatte weder Zeit, die Eindrücke zu verarbeiten noch angemessen zu reagieren. Kaum hatte sie gebremst und das Geschöpf dadurch aufgeschreckt, da rollten hinter ihr schon die nächsten Radfahrer heran. Der eine schnellte so scharf an Janna vorüber, dass er ihren Ellbogen mit seiner Umhängetasche streifte. „Scheiße! Ich wäre fast in dich reingefahren!“, fluchte er, noch während er schlitternd anhielt. „Kannst du nicht aufpassen?“ Der Kerl musste direkt hinter Janna gefahren sein, während die zweite Radfahrerin, die jetzt an ihnen vorüber rauschte, einen weiten Bogen beschrieb und, über die unebene Wiese ruckelnd, der Szenerie ausgewichen war. Sie glotzte ungläubig auf das seltsame Wesen, während sie das Rad einfach rollen ließ, bis es endlich Klick bei ihr machte und sie zu strampeln anfing. Nichts schien ihr plötzlich so wichtig, wie zum Lessingplatz hinaus in die beleuchtete Stadt zu rasen. Das Ding hingegen blickte der Fliehenden mit blutigem Maul nach, als würde es abwägen, ob es sich lohnt, ihr nachzusetzen. Deutlich erkennbar folgte es mit dem Kopf der strahlenden Rückleuchte, bis sie zum Park hinaus verschwunden war. Dann, mit einer ruckartigen Bewegung, wandte es sich wieder Janna und dem Kerl vor ihr zu. Die beiden waren näher als die Radfahrerin und unbewegt.

    Es hält uns für die leichtere Beute, dachte Janna.

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  • Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #3

    Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #3

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Würde nur ihr Frontlicht funktionieren! Dann könnte sie wenigstens den Weg vor sich sehen. „Bis was passiert!“, hatte ihr die Mutter früher in den Ohren gelegen. Aber es hatte nichts genützt. Einmal war Janna sogar wegen einer kaputten Fahrradbeleuchtung vor der Polizei geflüchtet. Die hatte sie anhalten wollen, aber Janna war einfach, frech, wie sie war, in eine Seitengasse davongeradelt. Die Erinnerung daran ließ sie schmunzeln. Irgendetwas hatte damals mit der Verkabelung am Dynamo nicht gestimmt. Wie heute auch. So viel war ihr klar. Es wäre auch leicht für sie gewesen, es zu reparieren. Aber Janna hatte sich nicht die Zeit dafür genommen. Stattdessen hatte sie gemalt. Und darauf war sie sogar ein bisschen stolz.

    Vielleicht hätte ich doch außenherum fahren sollen, zweifelte Janna. Egal! Ich folge einfach dem Rücklicht vor mir.

    Das allerdings war immer langsamer geworden und schließlich vor dem Teich angehalten. Es leuchtete auch im Stehen noch, war eines dieser Standlichter, die neuerdings Vorschrift waren. Noch konnte Janna das Wasser nicht sehen. Es war von Bäumen und Büschen verdeckt. Der Mann auf dem Rad, von dem Janna nur die Silhouette sah, konnte es aber. Er stand kerzengerade da und starrte, das Rad zwischen den Beinen, auf den Teich hinaus.

    Janna kam herangerast. Sie hatte ordentlich in die Pedale getreten. Jetzt tat sich das erste Stück des Ufers auf und sie staunte nicht schlecht, als sie erblickte, was der Mann offenbar die ganze Zeit schon beobachtete.

    „Mein Gott, wer badet denn da zu dieser Jahreszeit und um diese Uhrzeit im Teich?“, wunderte sich Janna, als sie die heranwatende, leicht bucklige Gestalt im Wasser sah. „Wer badet überhaupt im Teich? Das ist doch gar nicht erlaubt!“

    Drauf gepfiffen, dachte sie noch.

    Aber da hatte die Gestalt das Ufer schon erreicht und schoss plötzlich auf allen Vieren auf den Radfahrer zu. Das langarmige Ungetüm sprang den Mann mitten aus dem Lauf an und riss ihn einfach um.

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