Inhaltshinweise zu dieser Geschichte
Den Typen, der sie fast umgefahren hätte, kannte die Malerin flüchtig aus der Universität. Er war nicht viel älter als sie und hieß Eike. Umständlich versuchte er sein Rad zu wenden, ohne abzusteigen. Er zappelte wild darauf umher, kam aber in seiner Panik nicht vom Fleck. Wie Janna hatte er einen alten Drahtesel, der in der nächtlichen Stille furchtbar klapperte. Wieder und wieder wischte der Lichtschein des batteriebetriebenen Frontlichts über das Wesen hinweg, während er den Lenker hin und her riss. Janna konnte das nasstriefende Geschöpf jetzt sehr genau erkennen. Der Anblick paralysierte sie. Ihre Finger, an denen noch Farbreste klebten, umklammerten die Griffe ihres Fahrradlenkers. Auch Eike erstarrte. Der Lichtkegel seiner Frontleuchte fiel direkt auf das Ding aus dem Teich.
Das Ungeheuer hockte auf dem hingestreckten Körper, als könnte es jederzeit lospreschen. Es hatte den Kopf angehoben und schaute in Eikes Richtung, aber für Janna sah es aus, als würde es durch den Mann hindurchschauen. Konzentriert kaute es auf dem herausgerissenen Kehlkopf. Blut lief ihm über die weiße, vom Teichwasser aufgequollene Haut, rann über Kinn und Hals, die an und für sich menschlich aussahen, wie überhaupt das gesamte Geschöpf wie die Leiche einer alten nackten Frau erschien, die lange, sehr lange im Wasser gelegen hatte, mit allerdings bizarren Proportionen und Eigenheiten, die bei Menschen so nicht vorkamen.
Der Frauenleib, den die Malerin erblickte, war ausgemergelt und zugleich stellenweise aufgedunsen, als wäre er erst einen Hungertod gestorben und dann in den Teich geworfen worden, wodurch Wasser in das Gewebe hatte eindringen und es aufschwemmen können. Auf den Runzeln und Hautfalten des Frauenkörpers klebte das schmierige und endlos lange, mit Schlingpflanzen durchwachsene Haupthaar. Wie meterlange Algen floss es über Hals und Schultern bis hinab zwischen die Hängebrüste und über die deutlich erkennbaren Rippenbögen. Das ovale Gesicht der Frau war größtenteils verdeckt. Grau verschleierte Augen blickten zwischen den Haarsträhnen hervor – oder blickten eben nicht. Sie schienen in der Tat unbewegt, blind wie Glasaugen, während der Kopf der Frau leicht hin und her zuckte, als würde sie in die Nacht hineinlauschen.
Ab und an stellte sie das Kauen ein, zog ihre verdorrten Lippen weit zurück und bleckte die spitzen Stiftzähne, von denen die oberen Eckzähne die längsten waren und zudem als einzige leicht gekrümmt. Sie erinnerten Janna an die Giftzähne einer Schlange. Nur schienen sie robuster, härter. Diese Zahnpalisaden, hatte sie den Eindruck, konnten Knochen zertrümmern. Am kraftvollsten aber waren die Beine, die im Vergleich zur menschlichen Physiognomie, wie sie die Malerin Tag ein, Tag aus studierte, seltsam verkürzt schienen. Hingegen die Arme waren äußerst lang gewachsen. So wie auch die Finger, die sich zu Krallen verlängerten und wie Knochenfortsätze der obersten Fingerglieder aussahen. Mit der Linken stützte sich die Frau auf dem Gesicht ihrer Beute ab, die längst nicht mehr röchelte und still dalag. Ihre Krallenhand war riesig. Sie umschloss den Kopf des Mannes fast vollständig.
Schließlich, da Janna und Eike sich weder rührten noch einen Ton von sich gaben, beugte die Frau sich wieder hinab zur blutsprudelnden Kehle ihres Opfers und begann zu schlürfen. Im Sand hatte sich bereits ein dunkler Fleck ausgebreitet.

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