Schlagwort: Dark Fantasy

  • Die Elfe und der Krieger #17: Der Reiter

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Obwohl der Pfad hier unten am Fuß des Nordsteingebirges bereits wesentlich breiter war als in den höheren Gefilden des Gebirgshanges, so erschien Lysha ein Ritt in diesem Tempo und bei dieser Bodenbeschaffenheit immer noch als äußerst waghalsig. Ihr war nicht klar, weshalb, aber sie spürte, dass dies nicht irgendein Reiter war.

    Ohne auf Finnigan zu achten, der seelenruhig im Gras saß und beobachtete, was geschah, schoss Lysha hoch und rannte auf den Pfad, um dem Reiter hinterher zu blicken. Noch konnte sie ihn sehen.

    „Hey, warte doch!“, rief sie aus Leibeskräften und schwang wild die Arme. „Bleib stehen! Ich bin es, Lysha! Hast du mich denn nicht gesehen?“

    Vage erkannte sie, wie der Mann die Zügel anzog und sein Pferd wendete, um zu schauen, wer ihn von fern rief. Lysha verschluckte ihre Freude darüber, dass der Reiter auf sie reagierte, als sie sah, wie seine Hand zu den Satteltaschen fuhr, genauer: zu dem Griff eines Schwertes, das am Sattel befestigt war.

    Lysha ließ ihre Arme sinken und fragte sich, was als nächstes geschehen würde. Weder der Reiter noch sie rührten sich auch nur einen Millimeter. Sie kam sich plötzlich töricht vor, aus einem unbegründeten Gefühl heraus so unbedacht gehandelt zu haben. Hatte sie sich getäuscht und den Mann auf dem Pferd verwechselt?

    Doch dann hob sich auch die Hand des Reiters und winkte. Lysha lachte vor Erleichterung auf und blickte zu Finnigan, der ihr wissend zulächelte.

    „Ist er es?“ Der Alte ließ ein paar Saiten seiner Laute erklingen. „Oder verhältst du dich mittlerweile bei jedem Mann so, der dir begegnet?“

    „Ich…!?“, setzte sie verärgert an, doch das dumpfe Geräusch von Reiterstiefeln, die auf Erde schlugen, und das Klimpern von Zügeln ließen sie innehalten. Ihr stockte der Atem, als sie sich umdrehte und der Reiter direkt vor ihr stand.

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  • Die Elfe und der Krieger #16: Mittsommerfest

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    „Ob du es schaffen wirst?“, wiederholte Finnigan die Frage seiner Schülerin und versuchte, während er sich den Rauschbart rieb, möglichst bedächtig zu klingen. „Nun, zumindest besteht die Möglichkeit, dass ich dich auf eine meiner Reisen mitnehme, damit du die Gelegenheit bekommst, dein Talent einem Publikum vorzuführen.“ Er zwinkerte Lysha zu. „Dann werden wir wissen, ob du es schaffst!“

    „Einem Publikum?“, fragte Lysha unsicher. Sie war sich darüber im Klaren, dass sie, um eine echte Bardin zu werden, eines Tages vor Publikum spielen musste. Doch der Gedanke, sie müsse es schon sehr bald tun, jagte ihr Angst ein. Zugleich fühlte sie auch eine wilde Aufregung dabei!

    „Ich befürchte jedoch, dass mein Alter keine längeren Unternehmungen mehr zulässt“, offenbarte ihr Finnigan sodann. Bevor die Enttäuschung in den Augen seiner Schülerin zu groß werden konnte, schob er nach: „Warum singst du nicht einfach heute Abend auf dem Mittsommerfest?“

    Lyshas Augen wurden groß. „Was? Wie? Heute Abend schon? Aber, Meister Finnigan, ich weiß nicht, ob ich schon so weit bin!“

    Hufgetrappel wurde laut und ohne weitere Vorwarnung preschte ein Pferd den holprigen Bergpfad hinab. Kieselsteine sprengten unter den kräftigen Hufen in die Luft davon. Lyshas Herz schlug höher, als sie einen Blick auf den Reiter erhaschte. Sein Gesicht kam ihr sonderbar vertraut vor.

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  • Die Elfe und der Krieger #15: Tod der Kunst

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Finnigan überlegte einen Moment, was er seiner Schülerin erwidern sollte, und entschied sich, bei der Wahrheit zu bleiben. „Um mich leichter auf das konzentrieren zu können, was mir dargeboten wird, schließe ich für gewöhnlich meine Augen. Nur habe ich das erst einmal getan, mein Kind, ist es um das Wachen bald geschehen.“ Der Alte rieb sich verlegen die Nasenwurzel und kicherte. „Es muss an der Hitze liegen, dass ich mich so müde fühle. Verzeih einem alten Mann seine Nachlässigkeit.“

    Die Hitze machte Finnigan tatsächlich zu schaffen. Er spürte die träge Müdigkeit bis in seine alten Knochen. An solchen Tagen merkte er allzu oft in letzter Zeit, dass er gar nicht mehr so rüstig war, wie er stets geglaubt hatte.

    „Was aber deinen Gesang anbelangt, so hat er sich außerordentlich verbessert, seitdem ich dich das erste Mal habe vortragen hören“, fuhr Finnigan wahrheitsgemäß fort und verschwieg diesmal die zwei, drei schiefen Töne, die er bemerkt hatte, einerseits, da er wusste, wie schwer die Melodie des Hohelieds zu beherrschen war, und andererseits, um seine aufgebrachte Schülerin nicht zusätzlich zu verärgern. Kritik an ihrer Gesangskunst nahm sie sich sehr zu Herzen. „Mit ein wenig Übung wirst du bald eine der besten Sängerinnen in ganz Dhoril sein. Das Talent dazu besitzt du! Aber vergiss nicht…“ – er hob den Zeigefinger – „…dass ohne Fleiß nichts zu gewinnen ist!“

    „Glaubt Ihr ernsthaft, ich kann das schaffen: eine der besten zu werden?“, wollte Lysha wissen. Sie war so stolz und erfreut über die Einschätzung ihrer Fähigkeiten, dass ihr Ärger verflogen war. Nun war sie wieder ganz Feuer und Flamme.

    Wer Böses im Sinn hat, hätte meinen können, das wäre die Absicht ihres Lehrmeisters gewesen, der von seinem Fauxpas ablenken wollte. Doch das stimmte nicht. Nun, wenigstens nicht ganz. Denn für ihr junges Alter von fünfzehn Sommern war Lysha tatsächlich außerordentlich begabt und auch das Hohelied von Dhoril hatte sie besser gemeistert als viele andere Schüler in ihrem Alter. Finnigan musste ihr also keinen Honig um den Bart schmieren. Er war von ihrem Talent durchweg überzeugt. Dennoch hätte er es lieber vorgezogen, seine Bewunderung nicht allzu offen mit ihr zu teilen, damit sich seine Schülerin nicht zu viel auf ihre Fähigkeiten einbildete und womöglich auf die Idee käme, sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen.

    Eitelkeit konnte der Tod der Kunst sein, wusste Finnigan. Er wusste aber auch, dass sie ganz ohne Eitelkeit nie das Licht Welt erblickt hätte.

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  • Die Elfe und der Krieger #14: Ganz anders, als du denkst

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Obwohl Lysha ihrem Lehrmeister geradezu ins Ohr gebrüllt hatte, rührte er sich kein bisschen. Verdutzt stupste sie dem Alten wieder und wieder gegen die Schulter, woraufhin er endlich aufwachte und sich schmatzend umschaute. Als er Lysha erblickte, die ganz nah herangekommen war, erschreckte er so heftig, dass er zappelnd nach hinten umfiel. Daraufhin erschreckte auch Lysha und machte einen Satz zurück. Keine Sekunde später saßen Meister und Schülerin wieder im Schneidersitz und taten so, als wäre nichts passiert.

    „Wie oft soll ich es dir denn noch sagen“, rügte Finnegan seine Schülerin mit sanfter Stimme. „Finn reicht vollkommen aus.“

    „Meister Finnigan!“ Der Alte seufzte resignierend, als seine Schülerin ihn so nannte. „Habt Ihr meinem Spiel überhaupt zugehört?“

    „Sicher, mein Kind, sicher!“

    Lysha stemmte die Arme in die Seiten. „Dann interessiert mich brennend, warum Ihr unentwegt während der Lehrstunden einschlaft! Nehmt Ihr mich nicht ernst? Ist es das?“

    Finnigan begegnete dem wütenden Blick seiner Schülerin mit einem Lächeln. „Lysha, meine Liebe, es ist ganz anders, als du denkst“, erwiderte er ruhig und gelassen. Um seine Schülerin zu besänftigen, würde er sich ein ausgesprochen gutes Argument einfallen lassen müssen.

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  • Die Elfe und der Krieger #13: Lysha und Meister Finn

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Schließlich, als die Stimme geendet hatte, glitten schmale Finger von den Saiten einer schlichten Harfe und strichen eine Locke hinter ein Ohr. Zwei helle Augen blickten von dem Instrument auf und richteten sich erwartungsvoll auf einen alten Mann.

    Im Schatten einer Baumgruppe, die den nahen Wald ankündigte, saß der ergraute Mann im Schneidersitz. Buschige schwarze Augenbrauen, die trotz der vielen Lebensjahre kaum an Farbe eingebüßt hatten, und eine große, spitze Nase bildeten die markanten Punkte seines Gesichtes. Ein grauweißer Krausbart verbarg den Rest seines faltigen Antlitzes, das er auf seine Hand abstützte, und ein von langer Wanderschaft dreckiger, leicht zerknautschter Hut verdeckte sein langes weißes Haar. Unter einem braunen Tuch mit Fransen, das er sich um die Schultern gewickelt hatte, trug er eine einfache weiße Robe, die um die Hüfte mit einer Kordel gerafft war. In seinem Schoß ruhte eine mittlerweile abgewetzte, aber nach wie vor hübsche Laute.

    Lysha nestelte nervös an ihren einfachen Kleidern. Ein weißes, enges Hemd, dessen Ärmel hochgekrempelt waren, musste genügen, um die junge Bardin zu schmücken, ebenso wie die einfache braune Stoffhose und abgetragene Stiefel. Das Weiß ihrer Kleidung bildete jedoch einen schönen Kontrast zu ihrer sonnengebräunten Haut.

    Während Lysha die widerspenstige Locke ihres kurzen, blonden Haarschopfes hinter ihr Ohr hakte, warf sie abermals einen Blick auf den Alten. Wenn er doch nur antworten würde, dann wüsste sie endlich, was er von ihrer Darbietung hielt. Gerade als sie sich im Stillen Mut damit machte, er ließe ihren Vortrag noch einmal Revue passieren, glaubte sie ein leises Brummen aus seiner Richtung zu hören.

    Lysha legte die Harfe zur Seite und beugte sich vor, um ihren Lehrmeister intensiv zu beäugen. Er sog die Luft ruhig und gleichmäßig ein, um sie mit einem tiefen Brummen wieder auszuatmen. Seine Augen waren tatsächlich geschlossen.

    „Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass er eingeschlafen ist“, murmelte sie verärgert und brüllte dann mit aufbrausendem Temperament. „He! Meister Finnigan, aufwachen!“

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