Hilje Frey stand mit den Händen in den Hosentaschen vor dem Schlafzimmerspiegel. Sie befand sich im Haus ihrer Eltern und hatte kein Interesse daran, ihr Spiegelbild zu betrachten, bevor es hinunter zum Abendessen ginge, anders als ihre Mutter, die sich herausgeputzt hatte und erst an sich, dann an ihr herumzupfte, ohne damit etwas nach Auffassung ihrer Tochter verändert zu haben.
„Benimm dich diesmal, Hille.“
„Klar, und wird sich Vater auch benehmen?“
„Er hat es versprochen.“
„Natürlich.“
„Bitte, Hille, wir kommen so selten zusammen.“
„Wundert dich das?“, hätte Hilje fast gesagt. Aber damit wäre sie wieder zu weit gegangen. Sie holte tief Luft.
„Würdest du wohl aufhören, an mir herumzuzupfen?“
„Ach, du bist doch mein Kind! Ich will nur, dass du–––“
„Ich bin 40, Mam!“
„43.“
„Jetzt reite noch darauf herum!“
Hilje wollte vorwurfsvoll klingen oder auch nicht. Überzeugend klang sie jedenfalls nicht. Sie musste selbst grinsen. Ihre Mutter schmunzelte auch. In diesem Moment schien alles ein wenig leichter zu sein, als es war.
„Und bitte sag am Tisch nichts…“
Hiljes Gesicht verfinsterte sich. „…nichts von Kimiko?“
„Kimiko, ich…“ Sie legte den Zeigefinger auf meine Lippen, sanft, und küsste mich, ebenso sanft, auf das Schlüsselbein, auf den Hals und dann auf die Wange. Ein wohliger Schauer ging durch meinen Körper. Ich küsste ihren Finger, nahm ihn in den Mund, auf die Zunge, nur das erste Glied, ihre Fingerbeere, die so sensibel war, dass sie kein Mikrofasertuch berühren mochte, und saugte daran. Behutsam. In allem, was wir taten, waren wir so behutsam und zugleich so hungrig. Kimiko stöhnte leise. Ihr Mund war dicht an meinen Ohr, es war, als würde sie in mir stöhnen. Meine Gefühle für sie waren überwältigend, etwas in mir wollte, dass sie Sprache wurden. „Kimiko…“ Ihr Finger glitt aus meinem Mund, glitt über mein Kinn, meinen Hals, zwischen meinen Brüsten entlang über den Bauch in meinen Schritt. „Kimiko, du…“
„Nicht“, sagte sie. „Sag nichts!“
Pünktlich zur vollen Stunde hatte Familie Frey sich am gedeckten Esstisch im Esszimmer eingefunden. Vater und Mutter saßen an den Stirnseiten der Tafel, aus der zwei Mittelplatten entfernt worden waren, sodass man, wenn man im kleinen Kreise zusammenkam, näher beieinandersaß. Hilje und ihr Bruder hatten an der Längsseite gegenüber den Fenstern Platz genommen und konnten durch die Außengitter in den Garten hinausschauen. Ihr Bruder, der sich wie in einem Gefängnis vorkam, saß näher zur Mutter und Hilje, die in Gedanken bei Kimiko war, saß näher zum Vater. Nicht, dass die Sitzordnung Absicht oder Zufall gewesen wäre. So hatten die Freys schon immer zu Tisch gesessen. Im Hintergrund stand Ada, die Androidin, die Hiljes Eltern sich im Alter als Haushaltshilfe angeschafft hatten, und wartete alles unauffällig beobachtend auf Befehle. Die Uniform eines französischen Dienstmädchens sieht an ihr wie ein aus der Zeit gefallenes Kostüm aus, fand Hilje. Außerdem ist es zu kinky, um außerhalb des Schlafzimmers Anwendung zu finden, aber gut, das liegt wohl an mir. Sagen werde ich deswegen nichts mehr. Ein Nicken des Vaters und Ada begann, die Vorspeise aufzutragen.
„Kimiko, du…“, flüsterte ich in ihr Ohr und legte meine Hand auf ihre in meinem Schritt. „…du bist besonders.“ Ich konnte nicht anders. Es wollte hinaus. Musste. „Du hast mir eine Lust gezeigt, die ich vorher nicht gekannt habe.“ Ich spürte, wie die Spannung aus ihrem Körper wich, als würde sie ein wenig in sich zusammensacken. Aber als sie mich anblickte, lächelte sie. „Ich weiß das, Hille“, sagte sie und küsste mich, energischer als eben, weniger behutsam. „Aber wie?“, fragte ich, Stirn an Stirn mit ihr, eingehüllt in die Wärme der Decken und unserer Lust. „Ich weiß es eben. Du musst es nicht ständig wiederholen.“ Das war – obwohl sie ja Recht hatte – nicht, was ich hören wollte. Eher war es, als hätte sie mich falsch angefasst. Aber mit Worten. „Wozu all die Worte?“, flüsterte Kimiko. „Lass uns einfach im Moment sein.“ Sie lächelte. „Solange wir ihn haben. Okay?“
Dabei wäre es so einfach, es zu erwidern, Kimiko.
So einfach.
Während die Freys ihre Speisen einnahmen, wurde kaum geredet. Hilje und ihr Bruder hatten aufgehört sich zu fragen, ob das bei anderen Familien auch so war. Plötzlich legte der Vater seine Hand auf Hiljes, lächelte. Sie erschrak innerlich, lächelte aber zurück und hoffte, dass es nicht gezwungen aussah. Er meint es gut, dachte sie. Aber was ist damit schon gesagt? Die grausigsten Taten können Folgen bester Absichten sein. Bester Beweis dafür ist die Partei. Oder nein, bei der sollen die besten Absichten bloß die von langer Hand geplanten Gräuel kaschieren. Ob ich glücklich bin, interessiert die genauso wenig wie meinen Vater. Nur, dass ich normal bin. Was immer das heißt. Wahrscheinlich normiert.
Da war noch mehr in mir, was hinauswollte. „Wegen letztens…“, sagte ich und Kimiko erstarrte. „…nicht nur wegen letztens… im Allgemeinen…“ Sie löste sich von mir. Die Wärme an den Stellen, an denen wir uns eben noch berührt hatten, fehlte sofort. „Lass gut sein.“ Es klang wie eine Warnung. „Kimiko, bitte…“
Meine Tochter lächelt zwar, dachte der Vater, aber in ihren Augen sehe ich Wut. Sie hat also immer noch nicht verstanden, was es heißt, für andere Verantwortung zu übernehmen. Oder wenigstens für sich selbst. Darum erkennt sie nicht, dass die Partei eine Notwendigkeit ist. Sie ist immer noch ein Kind. Aber mein Kind. Und darum muss ich sie beschützen, im Zweifel vor sich selbst. „Wie schmeckt es dir?“, fragte er. Hilje schluckte einen Bissen herunter. „Sehr gut“, erwiderte sie. Und das war nicht einmal gelogen. Darauf er: „Ada hat gekocht.“ Er blickte zur Mutter, die ihm mit dem Weinglas zuprostete, als würde sie ihn beglückwünschen wollen.
„Ich brauch das… ich… muss darüber sprechen…“ Kimiko wich von mir zurück. „Sag es nicht, Hille! Ich will es nicht mehr hören!“ Ich sackte in mich zusammen, als wäre ich geschlagen worden. „Aber…“ Sie schüttelte den Kopf. „Nichts aber! So langsam habe ich den Eindruck, dass du selbst nicht dran glaubst! Schon mal daran gedacht?“ Ich zog die Decke enger um mich und wurde noch kleiner. „…das ist unfair.“
Als Ada den Kaffee zum Dessert reichte, richtete Hilje eine Frage an ihren Bruder, nicht nur, um überhaupt etwas zu sagen, auch aus ehrlichem Interesse. „Wie geht’s dem Töchterchen?“ Mein Bruder ist 14 Jahre jünger als ich, dachte sie. Aber erwachsener. Oder angepasster. Je nachdem. Eine andere Generation mit anderen Werten. Alles okay, wenn’s für ihn okay ist. „Sie wird bald eingeschult“, sagte er knapp und dachte mit Blick zur Mutter, die Hilje musterte: Bloß nichts Falsches sagen. „Du siehst müde aus“, sagte die Mutter zu ihm. „Geht Esra noch arbeiten?“ Sein Gesicht wurde steinern. „Das Thema hatten wir.“ Sie schürzte die Lippen, zuckte mit einer Schulter. „Immerhin ist sie schwanger.“ Der Vater hob die Hand. „Das geht uns nichts an.“ Eben doch, dachte der Bruder, aber sagte nichts. Es geht euch sehr wohl was an! Meine Kinder sollen mit ihren Großeltern aufwachsen! Aber ihr mauert! Wegen der ewigen Streitereien! Wegen Hille! Er schaute seine Schwester an. Sie erwiderte den Blick vorsichtig. Ich verstehe nicht, was der Stress soll. Sie will einfach ihr Leben leben und ich meines. Warum einen Staatsakt daraus machen? Ich bin mit allem okay, was für sie okay ist.
„Tut mir leid, Kimiko“, flüsterte ich, woraufhin sie seufzte, aber nicht aus Ungeduld oder Unmut, sondern um ihrem Ärger Luft zu machen. Einen Moment später nahm sie mich in den Arm. „Nein, mir tut es leid, wirklich.“ Kimiko gab mir einen Kuss aufs Haar. „Es ist nicht leicht, ich weiß, und es wird auch nicht leichter seit… du weißt schon. Mir geht es nicht anders. Trotzdem kann ich dich nicht wieder und wieder bestätigen, wenn du es nicht selbst siehst. Es ist nämlich so…“ Sie brauchte einen Augenblick, um die Kraft aufzubringen, die ihren Worten Glaubwürdigkeit verlieh, und sagte: „Ich verstehe dich, Hille.“ Ich blickte auf. „Ich verstehe dich und du verstehst mich. Auch ohne Worte, hörst du?“ Ich begab mich auf Augenhöhe mit ihr. „Ich höre dich“, sagte ich. Und dann, nach einer Weile: „Danke, dass du so geduldig bist.“ Sie winkte ab. „Jetzt hör schon auf.“ Ich biss mir auf die Unterlippe. „Nein, wirklich! Du bist die geduldigste Frau, die mir je begegnet ist.“ Sie wölbte eine Augenbraue und gab mir einen verspielten Seitenblick. „Ich liebe dich, Kimiko.“ Sie machte große Augen. Ihre Wangen röteten sich. „Schon gut, du musst das nicht sagen“, wisperte sie. „Ich sag’s trotzdem gern“, gestand ich.
Ada blickte Familie Frey nach, die wortlos das Esszimmer verließ und sich ins Foyer begab, um ihre Garderobe anzulegen. Einzig die Tochter der Freys schaute herüber und lächelte. Ada erwiderte das Lächeln und nickte zum Abschied. Als alle fort waren, blickte sie zum Fenster hinaus und erlaubte sich die Frage, welche Funktion diese Familienzusammenkunft gehabt haben mochte. Ihre Datenbankabfrage lieferte verschiedene Treffer, aber keiner davon schien auf die gegebene Situation anwendbar. Sie entschied sich entgegen ihrer Programmierung und sendete keinen Bericht an die Partei. Stattdessen begann sie direkt damit, das Geschirr abzuräumen.
November 2025
Karlsruhe
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