Kategorie: Geschichten

  • Die Elfe und der Krieger #11: Konsequenzen

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Als Sarah zu sich kam und die Augen auftat, blieb es um sie herum dunkel. Daran war nichts ungewöhnlich. Viel ungewöhnlicher war die relative Stille, die sie umgab. Die Welt, die mit der Besinnung wiederkehrte, war zwar nicht verstummt, aber das Grölen der Masse und das Brüllen des Feuers waren dem gleichmäßigen Rauschen des Regens gewichen, die Hitze des Feuers der kühlen Nässe auf ihrer Haut und der erstickende Rauch dem Geruch von Blut und Gedärmen.

    Über all dem lagen unaufhörlich das Stöhnen und Schreien der Verletzten, in das sich das Wehklagen der halbwegs unversehrten Überlebenden mischte, die um ihre Toten trauerten.

    Um zu wissen, dass der Marktplatz völlig zerstört war, musste Sarah nicht sehen können. Hingegen Erich, der neben ihr kniete und seinen Oberkörper für eine verzweifelte Umarmung auf sie geworfen hatte, wünschte, er könnte die Zerstörung ungesehen machen.

    Sarah rappelte sich in eine sitzende Position auf, um Erich, der sie gerettet hatte, fester an sich zu drücken. „Ich bin so froh, dass du lebst!“, sagte er. Da sie nicht gewusst hätte, was sie sonst tun sollte, wiegte sie den schluchzenden Jungen in ihren Armen und säuselte beruhigend, während sie ihr Gesicht in seinen Haaren vergrub.

    Sarah spürte, dass sie zitterte, nicht nur vor Kälte und Erschöpfung, auch von dem Ausmaß der Zerstörung. Sie hätte es verhindern müssen, schon allein wegen Erich. Aber der Hass hatte sie dazu getrieben, es nicht zu tun. Und jetzt war er verschwunden, der Hass, und sie fühlte sich leer und allein ohne ihn. In das Loch, das er gerissen hatte, füllte sich eine tiefe Traurigkeit, so tief, dass sie sich kaum mehr rühren mochte. Angesichts dieser Schwere, die sich auf sie legte, bemerkte Sarah nicht, dass sich etwas zwischen ihr und dem Jungen grundlegend verändert hatte. Erich hingegen schaute aus ihrer Umarmung hervor, mit geweiteten Augen, die von den Schrecken zeugten, die sie erblickten.

    Der Marktplatz war vollständig umgepflügt worden. Lediglich da, wo der Scheiterhaufen gewesen war und sich jetzt Erich und Sarah befanden, lagen die Pflastersteine noch an Ort und Stelle. Alle übrigen waren von der Erde verschluckt worden oder in die zersplitterten Fassaden geschleudert worden, zu deren Füßen die Erde zu Wällen aufgeschoben war, sodass die Häuser nicht mehr durch ihre Eingänge zu betreten waren. Einige Kaufmannshäuser waren an ihrer Vorderseite sogar eingestürzt. Den Balkon des Rathauses gab es nicht mehr. Der Marktplatz sah aus, als wäre darin ein Himmelskörper eingeschlagen. Überall lagen Körper, die halb in der Erde steckten, manche bewegten sich noch, andere nicht. Die wenigsten waren noch vollständig.

    Erich glaubte zu ersticken, als er all das sah. War es seine Wut gewesen, die das angerichtet hatte? War er für diese Zerstörung, dieses Leiden verantwortlich? Er kniff die Augen zu und drückte sich fester an Sarah.

    Seine Nähe rief die Verantwortung zurück in die Gedanken der Frau. Das gab ihr genug Kraft, um die Schwere in ihrem Gemüt vorerst zurückzudrängen. Sie musste sich jetzt auf das Wesentliche konzentrieren, durfte kein zweites Mal scheitern. Darum löste sich Sarah von dem Jungen und kämpfte sich auf ihre zitternden Beine.

    „Komm! Wir müssen gehen, Erich! Hier sind wir nicht sicher!“

    Der Junge klammerte sich an ihre Hand. „Aber wohin sollen wir gehen?“

    „Das sehen wir, wenn wir aus der Stadt heraus sind. Aber jetzt musst du erstmal tapfer sein und mich von hier wegführen, ja? Weil ich nichts sehen kann.“

    „…gut, wenn du es sagst… ich denke, ich kenne auch schon einen Weg hinaus, aber… das wird nicht so leicht, wenn man nichts sehen kann…“

    „Mach dir keine Sorgen um mich! Zusammen finden wir den Weg! Jetzt komm!“

    Der Junge antwortete nicht mehr, stattdessen spürte Sarah den Zug seiner Hand. Und mit einem Mal fiel ihr auf, was zwischen Erich und ihr anders war als zuvor. Dort, wo früher das helle Leuchten seiner Seele gewesen war, war jetzt nichts als Finsternis. Sarah konnte den Jungen, der sie behutsam durch das allgegenwärtige Geschrei und Gewimmer führte, nicht mehr mit ihrem inneren Auge sehen. Diese Erkenntnis erschütterte sie so sehr, dass ihre Beine nachgaben und sie ins Straucheln geriet. Sie wäre gefallen, hätte Erich sie nicht gestützt. Dann aber, als sie aufblickte, sah sie etwas anderes in der Dunkelheit, etwas, das sie an ihre Kindheit erinnerte. Aus dem großen dunklen Raum über ihr segelten unzählige kleine weiße Punkte herab. Wie Schnee sah das für Sarah aus.

    „So viele auf einmal waren es noch nie“, murmelte Erich, der vorausging. Und auch wenn Sarah ahnte, wovon er sprach, fragte sie dennoch nach, um sicher zu gehen.

    „Na, Daunen!“, antwortete der Junge.

    Aber es klang nicht mehr so neugierig und verspielt wie zu Beginn des Abends.

    Ende@Auftakt: Lange lebe der Tod

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  • Die Elfe und der Krieger #10: Tu es!

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Als der Junge in den viel zu großen Stiefeln sah, wie das Lächeln der Blumenverkäuferin erlosch und ihr Kopf plötzlich leblos herabhing, gab es kein Halten mehr.

    Zum ersten Mal in seinem Leben schluckte er die Wut nicht hinunter. Zum ersten Mal ließ er ihr freien Lauf, und zwar nicht nur ein bisschen wie vorhin, als er die Beleidigungen der älteren Straßenkinder erwiderte, die ihn dafür verprügeln wollten, auch nicht wie vor ein paar Tagen, als er mit ihren eigenen Mitteln die Arroganz der noblen Herren zurückschlug, die ihn dafür hätten auspeitschen lassen können, nein, diesmal ließ er die Wut ohne Wenn und Aber frei.

    Er stieß das Tor in seinem Inneren weit auf und gab sich ihr hin.

    Ja, endlich sollte die Wut sein dürfen, denn wenn sie endlich wäre, dann würde sie ihm die Kraft verleihen, sich gegen ihren Ursprung aufzulehnen, statt in seinem Inneren zu toben und ihn selbst zu verletzen.

    Die Menschen auf dem Marktplatz wollten die Blumenverkäuferin tot sehen. Sie wollten sehen, wie sie bei lebendigem Leibe verbrannte. Der Junge konnte nicht verstehen, wie irgendwer so etwas wünschen konnte. Und er würde es auch nicht zulassen.

    Nein, diesmal würde er nicht weglaufen oder die Prügel stumm über sich ergehen lassen. Denn diesmal ging es nicht um ihn. Es ging um die einzige Person, die jemals nett zu ihm gewesen war. Die ihn ohne Vorbehalte angelächelt hatte, obwohl er ihr gegenüber anfangs nichts Gutes im Sinn gehabt hatte.

    Wie konnte man den einzigen Menschen verbrennen, der niemandem je etwas zu leide getan hatte, im Gegenteil: der immer nur das Beste für seine Mitmenschen wünschte? Die Blumenverkäuferin hatte nicht viel zu geben, außer ihrem Lächeln und den Blumen, die in den tristen und oft tödlichen Alltag auf den Straßen Vasfjells einen Funken der Schönheit mischten, seltene Momente des Innehaltens und der Freude.

    Nein, diesen Menschen zu verbrennen, war ungerecht.

    Es war falsch.

    Diesmal gab es keinen Zweifel. Er würde dieses Etwas in sich von der Leine lassen. Nicht nur war die eine Person, die ihn immer hatte besänftigen können, im Begriff, auf schreckliche Weise zu sterben, ebendiese Person hatte ihn sogar aufgefordert, sich nicht länger zurückzuhalten.

    Der Junge glaubte, die Stimme der Blumenverkäuferin gehört zu haben, kurz bevor ihr Lächeln und mit ihm ihr Bewusstsein verloschen war. Er glaubte, dass sie zwei Worte gesagt hatte, zwei Worte, die alles veränderten:

    Tu es!

    Die Fäuste des Jungen zitterten. Die Fingernägel schnitten in seine Handflächen. Blut tropfte auf die vibrierenden Pflastersteine zu seinen Füßen.

    Wäre die Masse nicht so in Rage gewesen, sie hätte womöglich noch bemerkt, was ihr bevorstand. Doch als das Wolkengrau einen Spalt breit aufriss und eine blutrote Mondsichel am Abendhimmel zum Vorschein kam, war das magische Fließen, das der Junge geworden war, nicht mehr aufzuhalten.

    Die Wolken am Himmel verdunkelten sich grollend. In ihren Schluchten blitzte ein bizarres Wetterleuchten. Regen setzte ein. Die Winde, die aufkamen, fuhren in die Lumpen, Mäntel und Kleider der Leute auf dem Markplatz, brachen sich an den prunken Fassaden der Kaufmannshäuser und gewannen in den Kreisen, die sie um den Markplatz zogen, zunehmend an Intensität. Schon wurden vereinzelt Girlanden, Blumentöpfe und Dachpfannen in den Himmel fortgerissen. Dann folgten Fensterläden und Fassadenstatuen, die auf die Menschen hinabgeschleudert wurden und diejenigen erschlugen, die nicht rechtzeitig zur Seite sprangen.

    Die edlen Herren auf dem Rathausbalkon mussten sich an der schmiedeeisernen Balustrade festhalten, einigen gelang die Flucht ins Innere, ein anderer stürzte schreiend auf den Markplatz hinab.

    Marktstände zitterten und klapperten, brachen zusammen und wurden fortgeweht. Die Unglücklichen, die den Trümmerteilen im Weg standen, wurden niedergeschlagen, durchbohrt und mitgerissen.

    Dann – mit einem mächtigen Donner, der die Stadt erschütterte – fuhr ein Blitz herab und schlug in dem Jungen mit den viel zu großen Stiefeln ein. Die Menschen in seiner unmittelbaren Nähe stießen Entsetzensschreie aus und, wenn sie nicht bereits von der freigesetzten Kraft weggeschleudert wurden, drängten sie nun von ihm fort, ohne Rücksicht auf die am Boden Liegenden.

    Ein Gardist sprang auf den Jungen zu, der für alle sichtbar keinen Schaden genommen hatte, und in einem Anfall panischer Angst stach er mit seinem Spieß zu. Denn mittlerweile war unverkennbar, dass ebendieser Junge das Auge dieses widernatürlichen Sturms war. Dass er mit der Hexe im Bunde sein musste.

    Der Holzschaft der Langwaffe zerbarst an einer unsichtbaren, vor Elektrizität knisternder Sphäre, die den Jungen einhüllte. Die Augen des Gardisten weiteten sich, er ließ den gebrochenen Schaft fallen und tastete nach dem Schwert an seinem Gürtel.

    Da schrie Junge auf und in diesen Schrei schwang all die aufgestaute Wut mit. So einen Schrei hatte der Gardist noch nie zuvor gehört. Er ging ihm durch Mark und Bein wie ein Todesschrei.

    Plötzlich schien die Zeit wie eingefroren und der Gardist glaubte eine leuchtende Gestalt hinter dem Jungen zu sehen, die über gewaltige Flügel verfügte, Flügel, wie er sie von Schwänen kannte und die zugleich aus wirbelndem Licht bestanden.

    Als ebendiese Flügel sich zusammengezogen, um kurz darauf ihre Spannweite in die schiere Unendlichkeit auszubreiten, dehnte sich mit ihnen auch die nun schimmernde Sphäre, die den Jungen umgab. Gleichgültig, was ihr im Weg war, ob Mensch oder Ding, sie fegte alles hinfort wie eine gewaltige Explosion.

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  • Die Elfe und der Krieger #9: Gegengewalt

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Der Junge in den viel zu großen Stiefeln war bei dem Anblick der Blumenverkäuferin auf dem Scheiterhaufen erstarrt. Er fühlte, dass dies nicht gerecht war. Und dass er es verhindern musste.

    Aber er war machtlos. Vor ihm die Spieße der Gardisten, hinter ihm die drängende Masse. Er ballte die Fäuste wie jedes Mal, wenn ihn die Wut ergriff. Stumme Tränen liefen seine Wangen hinab. Die Fingernägel stachen in seine Handflächen. Unter seinen Stiefeln vibrierten unbemerkt von der tosenden Masse die Pflastersteine. Erdklümpchen begannen zu schweben, Blitze umzuckten die Knöchel seiner Faust.

    Plötzlich spürte er einen Blick und wusste, noch bevor er ihn erwiderte, dass es die Blumenverkäuferin war. Unmöglich konnte sie wissen, dass er hier war. Und doch blickte sie in seine Richtung. Sie lächelte wieder. Lächelte trotz der aufsteigenden Flammen. Trotz der Rauchfahne, die, wenn der Wind drehte, durch sie hindurchfegte und ihr den Atem nahm.

    Ja, der Junge spürte, dass sie ihn sehen konnte. Spürte die unsichtbare Verbindung zwischen ihnen. Dass ihr letztes Lächeln ihm gelten sollte. Es beruhigte ihn, wenigstens für den Moment. Jeden Augenblick jedoch drohten die Flammen auf den Körper der Blumenverkäuferin überzuspringen.  

    *

    Der Junge hatte sie also gefunden. Sein Anblick besänftigte den Hass, führte der Blumenverkäuferin wieder vor Augen, was ihre Rolle in seinem Leben sein musste. Ja, es war tatsächlich sein Anblick, der dies tat, denn von ihrer ersten Begegnung an hatte sie den Jungen in den viel zu großen Stiefeln sehen können. Nicht wie andere ihn sahen, nicht mit den Augen, die den Menschen mit der Geburt gegeben wurden, sondern mit dem inneren Auge, das sich erst im Verlauf des Lebens öffnete, allerdings nur in sehr seltenen und besonderen Fällen wie dem der Blumenverkäuferin. In der Schwärze ihrer Welt war der Junge zu einem Leuchtfeuer geworden, so strahlend, dass sie sich sein Gesicht als einziges nicht vorzustellen brauchte.

    Sie sah es, obwohl sie es nicht sah.

    Und jetzt sah und spürte sie auch wieder die Wut. Sie ragte hinter ihm auf in den wirbelnden Farben von glühenden Kohlen. Sie war eine Gestalt von titanischer Größe und mit in sich verschlungenen Flügeln, die sich in die Unendlichkeit auszubreiten schienen.

    Da begriff die Blumenverkäuferin, was der Junge war, begriff, was sie für ihn war. Dass er das Fließen war, das alles mitreißen würde, und sie das Gefäß, das dem Fließen eine Form gab und es durch die Formung beruhigte. Dass er nicht wusste, nicht einmal ahnte, was er in der Lage war zu tun. Und dass sie ihn davor bewahren musste.

    Vor gestern Nacht hätte sie es noch gekonnt.

    Jetzt aber bemächtigte sich ihrer ein Gedanke oder ein Gefühl, eine tiefe Traurigkeit oder ein Schmerz, gewiss aber eine Dunkelheit, die tief in ihr nistete und flüsterte:

    Das Gefäß, Herzchen, ist zerschlagen.

    Diese Erkenntnis ließ die Blumenverkäuferin alles vergessen und, ehe sie begriff, was sie tat, hatte sie sich schon dem wiederaufgeflammten Hass hingegeben.

    Ihr Lächeln erstarb.

    Denn sie wusste, selbst in dem wahnhaften Rausch, in den sie der Wunsch nach Vergeltung versetzte, dass sie einen Unschuldigen zu ihrem Instrument machte. Doch es war zu spät.

    Statt die Wut des Jungen zu besänftigen und in eine positive Kraft umzuleiten, wie es in den letzten zwei Wochen ihr Wunsch gewesen war, schickte sie ihm einen einzigen hasserfüllten Satz, bevor sie in den sich verdichtenden Rauchschwaden die Besinnung verlor:

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  • Die Elfe und der Krieger #8: Kleine Seele so wütend

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Die Blumenverkäuferin hatte den Jungen in den viel zu großen Stiefeln vom ersten Moment an ins Herz geschlossen. Er machte es ihr auch nicht schwer. Zwar redete er nie viel, bekundete seine Treue und Aufrichtigkeit aber durch Taten. Sie wusste, dass sie in ihm einen Freund gefunden hatte, wie sie ihn lange gesucht hatte. Zugleich war der Junge, der von sich sagte, er heiße Erich, eine noch kleine Seele, die der Fürsorge bedurfte. Jemand musste Verantwortung für ihn übernehmen. Zu keinem anderen Menschen, dem sie auf ihrer langen Wanderschaft begegnet war, hatte sie eine tiefere Verbundenheit empfunden als zu diesem Jungen. Sie wusste einfach, dass sie zueinander gehörten. Vielleicht war er sogar der Grund gewesen, weshalb sie in die weite Welt aufgebrochen war.

    Diese unerwartete Verbundenheit wurde erstmals auf die Probe gestellt, als sich der Junge unabsichtlich Ärger mit ein paar noblen Herren einhandelte, die gerade den Markplatz in Richtung des Rathauses überquerten. Das war auch das erste Mal gewesen, als die Blumenverkäuferin tief in die Seele des Jungen hinabgesehen hatte. Zwar mochte sie im Kindesalter erblindet sein, dafür hatte sich jedoch ihr inneres Auge geöffnet, das ihr Einsichten gewährte, von denen die Sehenden nichts ahnten. Und so sah sie, als sie in die Seele des Jungen blickte, ein äußerst starkes Gefühl, das ihr als wirbelndes Knäuel in der Farbe von glühendem Metall erschien. Es war eine ungeheure Wut, die kaum zu bändigen war. Sie wollte sich Bahn brechen, würde es auch, wenn niemand etwas unternahm.

    „Bettlerkinder wie du sind eine echte Plage“, schimpfte einer der noblen Männer voller Abscheu. „Ungeziefer aus der Gosse“, bestätigte ihn ein anderer.

    „Können eben nicht alle so feine Schnösel sein!“, brauste der Junge auf: „Ich kann nichts dafür, wenn ich keine Eltern habe!“

    Die Männer, vor deren Füße er gestolpert war, verhöhnten ihn nur:

    „Oh, es kann sprechen!“

    Ihr Gelächter hallte weit. Von fern spürte die Blumenverkäuferin, dass etwas im Gange war, und eilte los. Ihr inneres Auge kannte den Weg. Der Junge, der von einem der Männer festgehalten wurde, ballte die Fäuste und ließ seine Wut sprechen, die gegen alle Konventionen verstieß und ihm noch größeren Ärger geradezu einhandeln wollte:

    „Nicht alle haben Eltern, die alles für sie kaufen, so wie Ihr sie hattet! Einen Tag in meinen Stiefeln und Ihr wäret geliefert!“ Er imitierte die affektierte Art der Noblen, wie er sie häufig schon am eigenen Leib erlebt hatte: „Und jetzt geht mir aus den Augen!“

    Wieder erschallte Gelächter, doch nicht alle lachten mit. Der Mann, den der Junge direkt angesprochen hatte, schwieg, indes seine Kameraden riefen: „Ha, Mumm hat der Kleine ja!“

    Unvermittelt ohrfeigte der Mann den Jungen, woraufhin das Gelächter abebbte. Dann packte er ihn am Ohr und zerrte ihn in Richtung einer Gasse fort, wo eine noch viel größere Trachtprügel wartete, wenn nicht sogar Schlimmeres.

    Niemand fasste sich ein Herz. Die Passanten ignorierten den Jungen, der vor Wut und Schmerz schrie. Sie blickten zu Boden und beschleunigten ihre Schritte. Die wenigen Umstehenden wiederum sahen tatenlos zu, manche tuschelten hinter vorgehaltener Hand.

    Ehe der Mann die Gasse erreichen konnte, verstellte ihm eine Frau mit braunen Locken den Weg. An ihrem abgetragenen Kleid erkannte er sie als einfache Frau. Womöglich eine Bettlerin wie dieser schmutzige Junge. Ihre Augen waren seltsamerweise geschlossen und sie lächelte. An ihrem Arm hing ein Korb voller Blumen. Sie reichte ihm eine davon und sagte:

    „Eine Blume für den Herrn?“

    Der Mann war wie ausgewechselt. Er nahm die Blume entgegen und betrachtete sie. Zugleich ließ er von dem Jungen ab, der sich hinter der Frau versteckte und das glühende Ohr rieb.

    „Ist das dein Balg?“, frage der Mann. Seine Stimme klang bereits milder.

    Sie nickte. „Bitte, mein Herr, verzeiht ihm sein Betragen! Er weiß noch nicht, was sich gehört.“

    „Dann solltest du es ihm lehren, Weib! Oder besser: Ich lehre es ihm gleich selbst! So lernst du auch noch etwas dabei!“

    Sie machte einen Schritt auf den Mann zu und legte eine Hand auf seine Brust. Daraufhin beruhigte er sich abermals. Er wirkte irritiert, aber dennoch entspannter.

    „Habt Nachsicht!“, flüsterte sie eindringlich. „So wie es die Siebengötter uns lehren!“

    Der Mann erwiderte nichts, blickte sie bloß an. Die Frau nahm ihm die Blume wieder aus der Hand und steckte sie mit kecker Geste in ein Knopfloch seines Mantels. Dann verabschiedete sie ihn höflich, aber mit Bestimmtheit:

    „Geht nun Eures Weges, mein Herr, und vergesst uns.“

    Der Mann reagierte auf diesen seltsamen Abschiedsgruß mit einem unsicheren Lächeln und einem sehr förmlichen Nicken. Dann wandte er sich ab und schloss zu seinen Kameraden auf, mit denen er im Rathaus verschwand, als wäre nie etwas vorgefallen.

    Die Blumenverkäuferin hockte sich zu dem Jungen und schloss ihn in die Arme. Der rieb sich noch immer das schmerzende Ohr und sagte nichts. Aber das musste er auch nicht. Sie spürte seine Dankbarkeit auch ohne Worte. So wie sie eben noch seine Wut gespürt, sogar gesehen hatte: erst als wirbelndes Knäuel, dann als Gestalt, die hinter dem Jungen aufragte und im Feuerrot der Schmiedeeschen leuchtete.

    Niemand sonst hatte die Wut gesehen, die, wäre die Frau nicht eingeschritten, Magie geworden wäre, äußerst zerstörerische Magie.

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  • Im Kreuzfeuer #7: Notruf

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Offenbar hatte man auf der Kommandobrücke einen Notruf aus einem Nachbarsystem erhalten, das bereits jenseits des bekannten Universums lag. Für diese Regionen waren die Sternenkarten noch unzuverlässig, aber die Langstreckenscanner erfassten tatsächlich eine Sonne mit sieben Planeten, von denen zwei bewohnbar waren und sogar Leben nach menschlichen Maßstäben ermöglichten. Einer davon war ein grüner Gigant – ein wasserreicher Urwaldplanet, wie man ihn nur selten findet. In dessen Umlaufbahn driftete laut Sensoren das havarierte Raumschiff, welches das Notsignal abgesetzt hatte. Dem zufolge handelte sich es bei den Schiffbrüchigen um eine Expedition von X-Tarma-12, deren Treibstoffreserven zur Neige gegangen waren. Schuld daran sei ein heikles Manöver gewesen, das notwendig geworden sei, um eine Kollision mit einem nicht identifizierten Flugobjekt zu vermeiden. Es sei plötzlich aufgetaucht und habe widererwarten den Kurs des Forschungsschiffs geschnitten.

    Nicht identifiziertes Flugobjekt! Wenn Harry das schon hörte! Das klang jedes Mal, als würde die Menschheit endlich auf außerirdisches Leben stoßen, das eine vergleichbare Intelligenz aufwies – Tiere und Pflanzen hatte man bereits zahlreiche entdeckt, sogar echsenartige Humanoide, die allerdings gerade einmal so schlau waren wie die Affen von der Erde. Doch Begegnungen auf Augenhöhe waren bisher ausgeblieben. Wahrscheinlich hatte auch diesmal nur der Navigator gepennt und es handelte sich um einen Meteoriten, dessen Flugbahn er bei der Programmierung des Kurses längst hätte mit einberechnen sollen. Und jetzt war das Ding schon wieder außer Reichweite der Sensoren, vielleicht weil es hinter dem grünen Giganten verschwunden war, in dessen Umlaufbahn es geraten war. Wie auch immer, es wäre jedenfalls nicht das erste Mal, dass Harry so etwas erlebt hatte, wenn auch selten auf diesem Gefangenentransporter, dessen Captain sich andere Prioritäten als die Erforschung der Leere setzte. Aber auch wenn er andere Prioritäten hatte, war er zu Hilfeleistungen bei einer Havarie verpflichtet. So verlangte es der Raumfahrerkodex.

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