Inhaltshinweise zu dieser Geschichte
Als Sarah zu sich kam und die Augen auftat, blieb es um sie herum dunkel. Daran war nichts ungewöhnlich. Viel ungewöhnlicher war die relative Stille, die sie umgab. Die Welt, die mit der Besinnung wiederkehrte, war zwar nicht verstummt, aber das Grölen der Masse und das Brüllen des Feuers waren dem gleichmäßigen Rauschen des Regens gewichen, die Hitze des Feuers der kühlen Nässe auf ihrer Haut und der erstickende Rauch dem Geruch von Blut und Gedärmen.
Über all dem lagen unaufhörlich das Stöhnen und Schreien der Verletzten, in das sich das Wehklagen der halbwegs unversehrten Überlebenden mischte, die um ihre Toten trauerten.
Um zu wissen, dass der Marktplatz völlig zerstört war, musste Sarah nicht sehen können. Hingegen Erich, der neben ihr kniete und seinen Oberkörper für eine verzweifelte Umarmung auf sie geworfen hatte, wünschte, er könnte die Zerstörung ungesehen machen.
Sarah rappelte sich in eine sitzende Position auf, um Erich, der sie gerettet hatte, fester an sich zu drücken. „Ich bin so froh, dass du lebst!“, sagte er. Da sie nicht gewusst hätte, was sie sonst tun sollte, wiegte sie den schluchzenden Jungen in ihren Armen und säuselte beruhigend, während sie ihr Gesicht in seinen Haaren vergrub.
Sarah spürte, dass sie zitterte, nicht nur vor Kälte und Erschöpfung, auch von dem Ausmaß der Zerstörung. Sie hätte es verhindern müssen, schon allein wegen Erich. Aber der Hass hatte sie dazu getrieben, es nicht zu tun. Und jetzt war er verschwunden, der Hass, und sie fühlte sich leer und allein ohne ihn. In das Loch, das er gerissen hatte, füllte sich eine tiefe Traurigkeit, so tief, dass sie sich kaum mehr rühren mochte. Angesichts dieser Schwere, die sich auf sie legte, bemerkte Sarah nicht, dass sich etwas zwischen ihr und dem Jungen grundlegend verändert hatte. Erich hingegen schaute aus ihrer Umarmung hervor, mit geweiteten Augen, die von den Schrecken zeugten, die sie erblickten.
Der Marktplatz war vollständig umgepflügt worden. Lediglich da, wo der Scheiterhaufen gewesen war und sich jetzt Erich und Sarah befanden, lagen die Pflastersteine noch an Ort und Stelle. Alle übrigen waren von der Erde verschluckt worden oder in die zersplitterten Fassaden geschleudert worden, zu deren Füßen die Erde zu Wällen aufgeschoben war, sodass die Häuser nicht mehr durch ihre Eingänge zu betreten waren. Einige Kaufmannshäuser waren an ihrer Vorderseite sogar eingestürzt. Den Balkon des Rathauses gab es nicht mehr. Der Marktplatz sah aus, als wäre darin ein Himmelskörper eingeschlagen. Überall lagen Körper, die halb in der Erde steckten, manche bewegten sich noch, andere nicht. Die wenigsten waren noch vollständig.
Erich glaubte zu ersticken, als er all das sah. War es seine Wut gewesen, die das angerichtet hatte? War er für diese Zerstörung, dieses Leiden verantwortlich? Er kniff die Augen zu und drückte sich fester an Sarah.
Seine Nähe rief die Verantwortung zurück in die Gedanken der Frau. Das gab ihr genug Kraft, um die Schwere in ihrem Gemüt vorerst zurückzudrängen. Sie musste sich jetzt auf das Wesentliche konzentrieren, durfte kein zweites Mal scheitern. Darum löste sich Sarah von dem Jungen und kämpfte sich auf ihre zitternden Beine.
„Komm! Wir müssen gehen, Erich! Hier sind wir nicht sicher!“
Der Junge klammerte sich an ihre Hand. „Aber wohin sollen wir gehen?“
„Das sehen wir, wenn wir aus der Stadt heraus sind. Aber jetzt musst du erstmal tapfer sein und mich von hier wegführen, ja? Weil ich nichts sehen kann.“
„…gut, wenn du es sagst… ich denke, ich kenne auch schon einen Weg hinaus, aber… das wird nicht so leicht, wenn man nichts sehen kann…“
„Mach dir keine Sorgen um mich! Zusammen finden wir den Weg! Jetzt komm!“
Der Junge antwortete nicht mehr, stattdessen spürte Sarah den Zug seiner Hand. Und mit einem Mal fiel ihr auf, was zwischen Erich und ihr anders war als zuvor. Dort, wo früher das helle Leuchten seiner Seele gewesen war, war jetzt nichts als Finsternis. Sarah konnte den Jungen, der sie behutsam durch das allgegenwärtige Geschrei und Gewimmer führte, nicht mehr mit ihrem inneren Auge sehen. Diese Erkenntnis erschütterte sie so sehr, dass ihre Beine nachgaben und sie ins Straucheln geriet. Sie wäre gefallen, hätte Erich sie nicht gestützt. Dann aber, als sie aufblickte, sah sie etwas anderes in der Dunkelheit, etwas, das sie an ihre Kindheit erinnerte. Aus dem großen dunklen Raum über ihr segelten unzählige kleine weiße Punkte herab. Wie Schnee sah das für Sarah aus.
„So viele auf einmal waren es noch nie“, murmelte Erich, der vorausging. Und auch wenn Sarah ahnte, wovon er sprach, fragte sie dennoch nach, um sicher zu gehen.
„Na, Daunen!“, antwortete der Junge.
Aber es klang nicht mehr so neugierig und verspielt wie zu Beginn des Abends.
Ende@Auftakt: Lange lebe der Tod