Kategorie: Geschichten

  • Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #4

    Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #4

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Noch immer kam Janna angerast. Erst jetzt begriff sie, was passierte, und trat heftig in den Rücktritt, bremste, was das Zeug hielt. Ihr Fahrrad schlitterte durch den nassen Sand, das Hinterrad beschrieb eine Kurve und kam unweit vor dem Ding aus dem Teich zum Stehen. Janna war unter dem dunklen Blätterdach des Schrevenparks hervorgerauscht und stand jetzt ebenfalls vor dem Wasser. Die plötzliche Weite des Blicks traf sie unvorbereitet. Sie kam sich völlig ungeschützt vor. Links die verlassene Wiese und rechts der noch viel größere Teich, über dessen Ufer sich ringsum vereinzelte Trauerweiden beugten. Auf seiner nahezu unbewegten Oberfläche spiegelten sich die umliegenden Häuserfassaden und der verhangene Nachthimmel. Schwarz war das Teichwasser. Und ein Teil dieser Schwärze hatte sich soeben daraus erhoben, in Form eines fremdartigen Wesens, das nun keine drei Meter mehr von Janna entfernt war. Es kauerte auf dem Mann und biss ihm die Kehle durch. Der Mann hatte nicht einmal schreien können. Was blieb, war sein erstickendes Röcheln.

    Alles war viel zu schnell gegangen.

    Janna hatte weder Zeit, die Eindrücke zu verarbeiten noch angemessen zu reagieren. Kaum hatte sie gebremst und das Geschöpf dadurch aufgeschreckt, da rollten hinter ihr schon die nächsten Radfahrer heran. Der eine schnellte so scharf an Janna vorüber, dass er ihren Ellbogen mit seiner Umhängetasche streifte. „Scheiße! Ich wäre fast in dich reingefahren!“, fluchte er, noch während er schlitternd anhielt. „Kannst du nicht aufpassen?“ Der Kerl musste direkt hinter Janna gefahren sein, während die zweite Radfahrerin, die jetzt an ihnen vorüber rauschte, einen weiten Bogen beschrieb und, über die unebene Wiese ruckelnd, der Szenerie ausgewichen war. Sie glotzte ungläubig auf das seltsame Wesen, während sie das Rad einfach rollen ließ, bis es endlich Klick bei ihr machte und sie zu strampeln anfing. Nichts schien ihr plötzlich so wichtig, wie zum Lessingplatz hinaus in die beleuchtete Stadt zu rasen. Das Ding hingegen blickte der Fliehenden mit blutigem Maul nach, als würde es abwägen, ob es sich lohnt, ihr nachzusetzen. Deutlich erkennbar folgte es mit dem Kopf der strahlenden Rückleuchte, bis sie zum Park hinaus verschwunden war. Dann, mit einer ruckartigen Bewegung, wandte es sich wieder Janna und dem Kerl vor ihr zu. Die beiden waren näher als die Radfahrerin und unbewegt.

    Es hält uns für die leichtere Beute, dachte Janna.

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  • Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #3

    Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #3

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Würde nur ihr Frontlicht funktionieren! Dann könnte sie wenigstens den Weg vor sich sehen. „Bis was passiert!“, hatte ihr die Mutter früher in den Ohren gelegen. Aber es hatte nichts genützt. Einmal war Janna sogar wegen einer kaputten Fahrradbeleuchtung vor der Polizei geflüchtet. Die hatte sie anhalten wollen, aber Janna war einfach, frech, wie sie war, in eine Seitengasse davongeradelt. Die Erinnerung daran ließ sie schmunzeln. Irgendetwas hatte damals mit der Verkabelung am Dynamo nicht gestimmt. Wie heute auch. So viel war ihr klar. Es wäre auch leicht für sie gewesen, es zu reparieren. Aber Janna hatte sich nicht die Zeit dafür genommen. Stattdessen hatte sie gemalt. Und darauf war sie sogar ein bisschen stolz.

    Vielleicht hätte ich doch außenherum fahren sollen, zweifelte Janna. Egal! Ich folge einfach dem Rücklicht vor mir.

    Das allerdings war immer langsamer geworden und schließlich vor dem Teich angehalten. Es leuchtete auch im Stehen noch, war eines dieser Standlichter, die neuerdings Vorschrift waren. Noch konnte Janna das Wasser nicht sehen. Es war von Bäumen und Büschen verdeckt. Der Mann auf dem Rad, von dem Janna nur die Silhouette sah, konnte es aber. Er stand kerzengerade da und starrte, das Rad zwischen den Beinen, auf den Teich hinaus.

    Janna kam herangerast. Sie hatte ordentlich in die Pedale getreten. Jetzt tat sich das erste Stück des Ufers auf und sie staunte nicht schlecht, als sie erblickte, was der Mann offenbar die ganze Zeit schon beobachtete.

    „Mein Gott, wer badet denn da zu dieser Jahreszeit und um diese Uhrzeit im Teich?“, wunderte sich Janna, als sie die heranwatende, leicht bucklige Gestalt im Wasser sah. „Wer badet überhaupt im Teich? Das ist doch gar nicht erlaubt!“

    Drauf gepfiffen, dachte sie noch.

    Aber da hatte die Gestalt das Ufer schon erreicht und schoss plötzlich auf allen Vieren auf den Radfahrer zu. Das langarmige Ungetüm sprang den Mann mitten aus dem Lauf an und riss ihn einfach um.

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  • Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #2

    Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #2

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Das Motiv ihres Gemäldes war unmittelbar dem Leben entnommen, ohne aber das Leben bloß nachzuahmen, es dadurch zu verdoppeln und womöglich durch einen ästhetisierten Zwilling zu ersetzen. Es war ein Moment intensiven Schreckens, den Janna mit Unmengen an Farbe in die Leinwand geradezu hineingeklatscht hatte, um dann die Konturen aus dem Meer von Indigo, Purpur und Sumpfgrün hervorzuarbeiten, einem Meer, das tief reichte. Diesen Motiv gewordenen Moment hatte die Malerin selbst erlebt – erleben müssen! Doch heute Abend war es ihr gelungen, seine erschütternde Kraft in die Mittel der Gestaltung zu übertragen und darin zu binden, wie um sich ein für alle Mal davon loszumachen.

    Dieses Jahr würde es klappen! Dieses Jahr würden die Juroren ihr Talent erkennen! Janna durfte nur nicht die Einreichfrist versäumen, so wie im vergangenen Jahr, als sie sich mutlos gefühlt hatte. Die Bewerbung musste diese Woche raus.

    Lächelnd trat Janna in die Pedale.

    Unter den Fahrradreifen knirschte der abschüssige Sandweg. Es ging in eine Senke, an deren tiefsten Stelle sich rechts des Weges der Schreventeich auftun würde, links hingegen eine ausgedehnte Wiese, die sommers zu dieser Zeit noch bevölkert gewesen wäre. Da die Nächte kalt, windig und verregnet geworden waren, so wie es der Herbst an der Ostsee mit sich brachte, lag die Wiese leer und verlassen da.

    Nur wenige Laternen spendeten längs der Sandwege Licht. Spätabends war der Schrevenpark größtenteils stockduster. Normalerweise mied Janna schlecht ausgeleuchtete Orte zu später Stunde. Sie waren ihr unheimlich. Die nächste Laterne leuchtete erst am Café Castillo, das am anderen Ende des Parks lag und längst geschlossen hatte. Janna sah dort eine der zwei Rückleuchten zum Lessingplatz hinausflitzen. In der Ferne glänzten im kalten Licht der Straßenlaternen bereits die feuchten Pflastersteine und grüßten die junge Frau, die sich, wenn sie ehrlich war, im Dunkeln fürchtete. Heute Nacht spürte sie es so deutlich, wie seit langem nicht mehr.

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  • Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #1

    Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #1

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Janna klapperte auf ihrem Drahtesel über das holprige Kopfsteinpflaster der Schillerstraße. Beschwingt von dem Abend beschloss die Kunststudentin, eine Abkürzung zu nehmen und zwei Radfahrern durch den Schrevenpark zu folgen. Die beiden waren gerade noch holterdiepolter aus der Freiligrathstraße gerattert und hatten, in einigem Abstand zueinander, Jannas Weg gekreuzt. Janna riss kurzerhand den Lenker herum und sauste nach rechts auf den Sandweg, der in das von Bäumen und Sträuchern abgeschirmte Dunkel führte. Ihrem Rad fehlte eine funktionierende Beleuchtung und so schluckte sie die Nacht, als wäre die Frau nie da gewesen.

    Janna passierte ein Verbotsschild, demzufolge das Radfahren im Schrevenpark nicht erlaubt war. Doch sie pfiff drauf.

    Hält sich sowieso niemand dran, dachte sie.

    Allein vor ihr strahlten bereits zwei Rückleuchten in der Dunkelheit. Es waren die beiden Radfahrer, denen sie gefolgt war. Und hinter ihr mochten noch weitere sein. Dabei hätte man den Park leicht umfahren können. Aber viele Radfahrer, die zwischen Universität und Wohnquartier pendelten, nahmen lieber eine Abkürzung und fuhren hindurch.

    So spät sind die meisten schon zuhause, dachte Janna. Bis auf ein paar Nachzügler.

    Heute Nacht gehörte die Kunststudentin auch zu diesen Nachzüglern. Es hatte sich für sie allerdings gelohnt, erst weit nach 23 Uhr aus dem Gemeinschaftsatelier der Kunsthochschule aufzubrechen. An diesem Abend war ihr etwas Herausragendes gelungen, wie sie meinte: ein Gemälde, das sie erstmals zufriedenstellte, ja den Frieden in ihr überhaupt erst herstellte. Deshalb fühlte sie sich beschwingt, fast beschwipst von der Leichtigkeit, die sie überkam. Es schien, als wäre die Welt zum ersten Mal in Ordnung.

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  • Im Kreuzfeuer #13: Untergang

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Ehe das Shuttle des Bergungsteams aus dem Hangar starten konnte, erschütterte eine gewaltige Explosion den weiten Raum. Harry wurde durch die Luft geschleudert und prallte gegen die Außenwand eines Raumgleiters. Stöhnend versuchte er sich aufzurichten, aber etwas stimmte nicht mit seinem linken Bein. Der ganze Hangar war jetzt mit rotem Licht geflutet. Funken stürzten von der Decke. Überall um ihn herum schrien Menschen. Das Bergungsshuttle stand in Flammen.

    Plötzlich neigte sich die Lazarus VII insgesamt und sämtliche Raumfahrzeuge begannen, sich in eine Richtung in Bewegung zu setzen. Harry ahnte, was das Problem war: Dass das Raumschiff kippte, wäre an und für sich ungefährlich. Im Weltall gibt es kein Oben und Unten. Da aber offenbar das Schwerkraftsystem defekt war, korrigierte es nicht mehr die Richtung der Schwerkraft. Womöglich würde jeden Moment sogar die Schwerelosigkeit einsetzen.

    Ein ohrenbetäubendes Dröhnen kündigte an, dass die Lazarus VII im Begriff war auseinanderzubrechen. Zischend entwich der Sauerstoff durch Abermillionen von Rissen ins Vakuum des Weltraums.

    ***

    Die Funken schlugen Löcher in Dr. Garrets Hände. Doch sein Schmerzensschrei ging im Getöse unter. Im nächsten Moment explodierte eine Leitung, deren Entladung den Mann zerfetzte. Seine versengten Innereien klatschten gegen die Wände, bevor alles in Rauch und Feuer unterging.

    ***

    Der Captain der Lazarus VII wusste, dass eine unkontrollierte planetare Notlandung mit einem derart riesigen Schiff einer Naturkatastrophe gleichkäme. Doch es war nicht mehr abzuwenden. Der Gefangentransporter stürzte auf den grünen Giganten ab, der anders als die Planeten der interstellaren Erdgemeinschaft über keine Abwehrmechanismen hiergegen verfügte. Dennoch gab es intelligentes Leben auf dem Planeten. Sogar Städte. Unter anderen Umständen wäre es eine sensationelle Entdeckung gewesen. Alles, was er jetzt noch tun konnte, war so sanft wie irgend möglich zu landen, weitab dieser außerirdischen Zivilisation.

    Als der Captain an seinen Sitz inmitten der Kommandobrücke festhielt und sich auf den Eintritt in die Atmosphäre vorbereitete, wusste er, dass irgendjemand oder irgendetwas auf sein Schiff geschossen hatte. Er wusste, dass er in einen Hinterhalt geraten war – mit katastrophalen Konsequenzen.

    Langsam, aber sicher senkte sich die Lazarus VII in einer Trümmerwolke auf den Planeten hinab.

    Ende@Kapitel 1: Untergang

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