Kategorie: Geschichten

  • Die Elfe und der Krieger #13: Lysha und Meister Finn

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Schließlich, als die Stimme geendet hatte, glitten schmale Finger von den Saiten einer schlichten Harfe und strichen eine Locke hinter ein Ohr. Zwei helle Augen blickten von dem Instrument auf und richteten sich erwartungsvoll auf einen alten Mann.

    Im Schatten einer Baumgruppe, die den nahen Wald ankündigte, saß der ergraute Mann im Schneidersitz. Buschige schwarze Augenbrauen, die trotz der vielen Lebensjahre kaum an Farbe eingebüßt hatten, und eine große, spitze Nase bildeten die markanten Punkte seines Gesichtes. Ein grauweißer Krausbart verbarg den Rest seines faltigen Antlitzes, das er auf seine Hand abstützte, und ein von langer Wanderschaft dreckiger, leicht zerknautschter Hut verdeckte sein langes weißes Haar. Unter einem braunen Tuch mit Fransen, das er sich um die Schultern gewickelt hatte, trug er eine einfache weiße Robe, die um die Hüfte mit einer Kordel gerafft war. In seinem Schoß ruhte eine mittlerweile abgewetzte, aber nach wie vor hübsche Laute.

    Lysha nestelte nervös an ihren einfachen Kleidern. Ein weißes, enges Hemd, dessen Ärmel hochgekrempelt waren, musste genügen, um die junge Bardin zu schmücken, ebenso wie die einfache braune Stoffhose und abgetragene Stiefel. Das Weiß ihrer Kleidung bildete jedoch einen schönen Kontrast zu ihrer sonnengebräunten Haut.

    Während Lysha die widerspenstige Locke ihres kurzen, blonden Haarschopfes hinter ihr Ohr hakte, warf sie abermals einen Blick auf den Alten. Wenn er doch nur antworten würde, dann wüsste sie endlich, was er von ihrer Darbietung hielt. Gerade als sie sich im Stillen Mut damit machte, er ließe ihren Vortrag noch einmal Revue passieren, glaubte sie ein leises Brummen aus seiner Richtung zu hören.

    Lysha legte die Harfe zur Seite und beugte sich vor, um ihren Lehrmeister intensiv zu beäugen. Er sog die Luft ruhig und gleichmäßig ein, um sie mit einem tiefen Brummen wieder auszuatmen. Seine Augen waren tatsächlich geschlossen.

    „Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass er eingeschlafen ist“, murmelte sie verärgert und brüllte dann mit aufbrausendem Temperament. „He! Meister Finnigan, aufwachen!“

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  • Die Elfe und der Krieger #12: Hohelied

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

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    Nicht weit den Bergpfad hinab wurden die Saiten einer Harfe gezupft und eine Frauenstimme hob zu einem wehmütigen Gesang an, verband sich mit einer geheimnisvollen Melodie und erzählte von den Geschicken der Völker, die in Dhoril lebten, von den Elfen, Zwergen und Menschen, von Krieg und Frieden der sieben Fürstentümer, in die das Land zersplittert war, seit es keinen König mehr gab, von Leid und Freud der Jahrhunderte, Hass und Liebe der Fliehenden und Helfenden, dem Feuereifer der Kämpfenden, die für ihre Lehnsherren fochten und allzu oft ihr Leben verloren.

    Dies war das Hohelied von Dhoril, an dem durch die Jahrhunderte zahllose Barden geschrieben hatten und noch immer schrieben, Hunderte von Strophen im Widerstreit um Wahrheit und Dichtung, Geschichte und Mythos, manche unter die Leute gesät von Unbekannten, sodass sie wie Volkslieder nicht vergessen wurden, andere im Namen hoher Herren beauftragt.

    Eines hatten alle Strophen gemein. Helden nannten sie viele und zugleich keine. Denn Helden kannte die Geschichte nicht, nur herausragende Schicksale, die über kurz oder lang tragisch endeten, aber ohne die Dhoril nicht wäre, was es heute ist.

    Ein verborgener Zuhörer hätte der Anmut, mit der die Frauenstimme eine Handvoll Strophen vortrug, leicht verfallen können.

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  • Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #7

    Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #7

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Blut spritzte in Jannas Augen. Nahm ihr Sicht und Orientierung. Sie fiel samt Fahrrad zur Seite um. Wischte mit den Fingern das Rot aus ihren Augen. Es brannte. Klebte. Mischte sich mit dem Sand in ihrem Gesicht, auf das sie geknallt war. Zu spät hatte sie den Lenker losgelassen, an den sie sich im Fallen erst noch fester gekrallt hatte. Sie war benommen, hatte eine ihrer Kontaktlinsen verloren, zwinkerte, tastete mit der anderen Hand ziellos umher, fühlte den körnigen Sand und den nassen Rasen am Wegesrand.

    Über ihr schrie Eike kurz auf. Dann vernahm sie das Knacken und Reißen von Fleisch und Knorpel, die durchtrennt wurden, eines Kehlkopfes, der herausgebissen wurde. Röcheln, gurgelndes Ersticken. Janna sah mit zusammengekniffenen Augen, halb verschwommen, dass der Student zitternd in den Armen der Wasserfrau hing. Sah wie die Frau, nachdem sie seinen Kehlkopf schmatzend hinuntergeschluckt hatte, ihre Zunge in die klaffende Halswunde steckte. Ein schlangenförmiger Muskel war das, der sich zum Ende hin verjüngte und das Blut wie ein Schwamm aufsog, übernatürlich lang und dick wie ein Unterarm. Die Alte musste ihren Schlund weit aufreißen, um dem Muskel den Spielraum zu geben, den er brauchte. Ein Pulsieren wanderte über die dunkelrote Haut der Zunge, als stellten sich Tausende von winzigen erregten Nadeln in einer Wellenbewegung nacheinander auf.

    Abermals trafen sich Eikes und Jannas Blick.

    Die Studentin glaubte, sämtliche Regung aus dem Gesicht des Mannes, alles Fühlen und Denken aus seinen Augen entweichen zu sehen, bis sie starr und leer wurden. Leblos fiel sein Kopf in den Nacken.

    Im Sterben hatte Eike die Malerin lange angesehen, ein fast schreiender Blick, der, weil er stumm geblieben war, sich tief in Jannas Gedächtnis eingrub.

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    Nyneve, oder: Die verborgene Wildnis

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  • Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #6

    Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #6

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Janna zitterte. Bei dem Anblick des Frauenkörpers hatte sie eine dunkle Faszination ergriffen, die sie im Nachhinein für höchst unangemessen, weil lebensgefährlich gehalten hätte. Aber in diesem Augenblick wünschte sie nichts sehnlicher, als den Frauenleib vor ihr zu malen und damit eine mitten in der Stadt verborgene Realität aufzudecken. Trotz ihrer Faszination stand der Malerin der kalte Schweiß auf der Stirn. Noch immer klammerte sie sich an den Fahrradlenker. Ihre Finger verkrampften schon.

    Da fing Eike wieder an, mit seinem Rad zu klappern, ziemlich plötzlich, als hätte er die Nerven verloren und wollte Reißaus nehmen! Das Klappern ließ die Frau aus dem Wasser aufhorchen, aber noch soff sie das Blut ihres Opfers. Als der Student sein Rad lärmend gewendet hatte, richtete sie ihren Oberkörper abrupt auf und fletschte die Zähne. Auf ihrem Gesicht mischte sich das schwache Rotlicht der Rückleuchte mit der Farbe des Blutes.

    Eike setzte einen Fuß auf das rechte Pedal und wollte losfahren, aber als sein Blick auf Jannas traf, hielt er inne.

    „Worauf wartest du?“, zischte er. „Komm!“

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  • Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #5

    Nyneve, oder Die verborgene Wildnis #5

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Den Typen, der sie fast umgefahren hätte, kannte die Malerin flüchtig aus der Universität. Er war nicht viel älter als sie und hieß Eike. Umständlich versuchte er sein Rad zu wenden, ohne abzusteigen. Er zappelte wild darauf umher, kam aber in seiner Panik nicht vom Fleck. Wie Janna hatte er einen alten Drahtesel, der in der nächtlichen Stille furchtbar klapperte. Wieder und wieder wischte der Lichtschein des batteriebetriebenen Frontlichts über das Wesen hinweg, während er den Lenker hin und her riss. Janna konnte das nasstriefende Geschöpf jetzt sehr genau erkennen. Der Anblick paralysierte sie. Ihre Finger, an denen noch Farbreste klebten, umklammerten die Griffe ihres Fahrradlenkers. Auch Eike erstarrte. Der Lichtkegel seiner Frontleuchte fiel direkt auf das Ding aus dem Teich.

    Das Ungeheuer hockte auf dem hingestreckten Körper, als könnte es jederzeit lospreschen. Es hatte den Kopf angehoben und schaute in Eikes Richtung, aber für Janna sah es aus, als würde es durch den Mann hindurchschauen. Konzentriert kaute es auf dem herausgerissenen Kehlkopf. Blut lief ihm über die weiße, vom Teichwasser aufgequollene Haut, rann über Kinn und Hals, die an und für sich menschlich aussahen, wie überhaupt das gesamte Geschöpf wie die Leiche einer alten nackten Frau erschien, die lange, sehr lange im Wasser gelegen hatte, mit allerdings bizarren Proportionen und Eigenheiten, die bei Menschen so nicht vorkamen.

    Der Frauenleib, den die Malerin erblickte, war ausgemergelt und zugleich stellenweise aufgedunsen, als wäre er erst einen Hungertod gestorben und dann in den Teich geworfen worden, wodurch Wasser in das Gewebe hatte eindringen und es aufschwemmen können. Auf den Runzeln und Hautfalten des Frauenkörpers klebte das schmierige und endlos lange, mit Schlingpflanzen durchwachsene Haupthaar. Wie meterlange Algen floss es über Hals und Schultern bis hinab zwischen die Hängebrüste und über die deutlich erkennbaren Rippenbögen. Das ovale Gesicht der Frau war größtenteils verdeckt. Grau verschleierte Augen blickten zwischen den Haarsträhnen hervor – oder blickten eben nicht. Sie schienen in der Tat unbewegt, blind wie Glasaugen, während der Kopf der Frau leicht hin und her zuckte, als würde sie in die Nacht hineinlauschen.

    Ab und an stellte sie das Kauen ein, zog ihre verdorrten Lippen weit zurück und bleckte die spitzen Stiftzähne, von denen die oberen Eckzähne die längsten waren und zudem als einzige leicht gekrümmt. Sie erinnerten Janna an die Giftzähne einer Schlange. Nur schienen sie robuster, härter. Diese Zahnpalisaden, hatte sie den Eindruck, konnten Knochen zertrümmern. Am kraftvollsten aber waren die Beine, die im Vergleich zur menschlichen Physiognomie, wie sie die Malerin Tag ein, Tag aus studierte, seltsam verkürzt schienen. Hingegen die Arme waren äußerst lang gewachsen. So wie auch die Finger, die sich zu Krallen verlängerten und wie Knochenfortsätze der obersten Fingerglieder aussahen. Mit der Linken stützte sich die Frau auf dem Gesicht ihrer Beute ab, die längst nicht mehr röchelte und still dalag. Ihre Krallenhand war riesig. Sie umschloss den Kopf des Mannes fast vollständig.

    Schließlich, da Janna und Eike sich weder rührten noch einen Ton von sich gaben, beugte die Frau sich wieder hinab zur blutsprudelnden Kehle ihres Opfers und begann zu schlürfen. Im Sand hatte sich bereits ein dunkler Fleck ausgebreitet.

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