Kategorie: Fragmente

  • Die Elfe und der Krieger #6: des Herzogs Nase

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Die Männer mieden die am Boden liegende Frau wie ein Feuer, das im Begriff war, außer Kontrolle zu geraten. Nur einer schritt unbeeindruckt auf sie zu, amüsiert sogar.

    Herzog Ludewig von Benninger hatte dem Prozess ihrer Läuterung auf einer Holzbank sitzend beigewohnt und, während sie schrie und litt, darüber sinniert, wie er sich involvieren wollte. Aufgerafft hatte er sich aber erst, als die Männer von der Frau zurückgewichen waren wie eine aufgescheuchte Hasenbande. Als er vor ihr stehen blieb und auf sie herabblickte, hätte jeder Idiot erkennen können, dass der Herzog ihre Tortur genoss.

    Sie war nicht die erste hier unten und würde nicht die letzte sein. In dem, was ihr widerfuhr, war sie nichts Besonderes. Nein, besonders machte sie etwas anderes. Der Herzog hockte sich vor ihr hin und strich ihr über den kahlen verkrusteten Schädel.

    „Ich fürchte mich nicht vor deinen Flüchen“, flüsterte er ihr zu. „Und weißt du auch warum?“ Er lächelte. „Weil du gar keine Hexe bist.“ Kaum hatte er das gesagt, riss die Frau die Augen auf und ein Zucken ging durch ihren Körper. „Aber ungefährlich bist du deswegen nicht, Herzchen.“ Er lachte leise in sich hinein. „Tragisch, dass du nie erfahren wirst, was du wirklich bist… weswegen dir widerfährt, was dir widerfährt… Noch heute Abend wird es nämlich mit dir zu Ende gehen. So wie mit allen deinesgleichen.“

    Da bäumte sich die Frau auf und spie dem Herzog Blut und Speichel ins Gesicht.

    Benninger blieb ungerührt, schloss nur die Augen. Er hob die Augenbrauen und zückte er ein Stofftaschentuch, um sich das Gesicht abzuwischen. Er ließ sich Zeit. Aber schließlich packte er die vor Erschöpfung schnaufende Frau am Kiefer und richtete sie so weit auf, dass sie ihm in die Augen hätte blicken können. Das milchige Weiß ihrer Augäpfel fesselte den Mann.

    „So viel verschwendete Schönheit!“, sagte er. „Das ist ärgerlich, so ärgerlich…“

    Ihre Mimik war angesichts seiner Worte ausdruckslos, ihr Körper schlaff. In den bleichen Augen der Frau konnte der Herzog nichts lesen. Als wäre ihre Seele selbst blind.

    „Diese Frau“, dachte er, „ist überhaupt kein Mensch.“

    Und in ebendiesem Moment kehrte das Leben, so schien es, in den geschundenen Frauenkörper zurück. Doch war es lediglich noch der Hass, der darin waltete. Er zeigte sich auf den Lippen der Frau, die ein böses Grinsen formten, das bald wie ein Zähnefletschen aussah. Die Armmuskeln spannten und stemmten den Oberkörper hoch. Der Kiefer entglitt Benningers Griff. Das rotverschmierte Zähnefletschen wurde zu einem aufgerissenen Schlund, in dem sich Fäden von Speichel und Blut spannten.

    Die Frau wusste und ahnte nicht, was der Hass sie tun ließ. Nie hatte er sie so weit getrieben. Stets war er in ihren Geist gegen eine gläserne Decke gestoßen, auf dem ihre Vernunft stand und die emporschießenden Flammen betrachtete. Die Tortur jedoch, der die Frau seit einer Nacht und einem Tag ausgesetzt war, hatte das Glas zerborsten und der brennende Hass die Vernunft verschlungen.

    Mit weit aufgerissenem Mund schnellte sie nach vorn und – mit letzter Kraft – biss sie dem Herzog ins Gesicht, verbiss sich in seiner markanten Nase, die jeder kannte, der jemals eine Goldmünze besessen hatte.

    Der Mann schrie auf und packte ihr Gesicht, wollte sie instinktiv fortdrücken. Jetzt verfluchte er sie. Verfluchte seine Männer, die ihm gefälligst zur Hilfe eilen sollten. Angestachelt von seinen Beschimpfungen knüppelten sie auf die Frau ein. Doch es war zu spät. Als sie am Boden lag, beinahe besinnungslos, spuckte sie aus. Nicht weit von ihr lag auf dem Kerkerboden der größte Teil der herzoglichen Nase.

    Benninger hielt sich das Gesicht und heulte: „Packt sie! Schafft mir das Miststück aus den Augen!“

    Die Männer ergriffen die Frau und schleiften sie eine Treppe hinauf ins unstete Licht der Fackeln, die den Vasfjeller Marktplatz erhellten. Das Grölen der Massen schwappte ihnen entgegen.

    *

    Dass er heute Morgen allein im Armenhaus aufgewacht war, hatte den Jungen in den viel zu großen Stiefeln sehr beunruhigt. Und als er deshalb bei den Nachbarbetten im Schlafsaal herumgefragt hatte, ob irgendwer wüsste, wo die Blumenverkäuferin sei, meinte einer gesehen zu haben, wie sie nachts davongeschlichen sei.

    Der Junge wusste, dass die Blumenverkäuferin immer sehr früh aufstand, um erst gegen Mittag wiederzukehren. Ihr Korb war dann meist bis zum Rand mit den schönsten Blumen gefüllt, die einen wundervollen Duft verbreiteten.

    Also wartete er ungeduldig die Mittagszeit ab.

    Aber da sie dann immer noch nicht wiedergekommen war, was hätte der Junge wohl anderes tun können, als wie früher allein aufzubrechen? Die überraschende Einsamkeit weckte das Gefühl des Alleinseins, das er seit jeher kannte, und verschlimmerte es durch das bittere Gefühl des plötzlichen Verlustes. Dem Jungen wurde klar, dass die glückliche Zweisamkeit mit der Blumenverkäuferin sowieso nicht für immer hätte anhalten können. Auch sie hatte ihn letzten Endes verstoßen und jetzt musste er ohne sie zurechtkommen, musste wieder für sich allein sorgen können, indem er seinem Handwerk nachging.

    Und sein Handwerk war das eines Diebes.

    Heute allerdings war der Wurm drin. Denn just in diesem Moment zog der Junge zu kräftig an dem vermaledeiten Knoten, der den Geldbeutel sicherte, vielleicht weil er wegen all seiner Gefühle und Gedanken zu unkonzentriert war. Keine Sekunde später wurde er auch schon gepackt, erst am Handgelenk, dann im Nacken.

    Der ihn packte, war ebenjener Mann, dem er soeben fast den Geldbeutel vom Gürtel losgeknotet hätte. Und jetzt, da sich der Kerl zu ihm herumdreht hatte, stellte der Junge auch noch fest, dass er ihn kannte. Es war einer der noblen Herren, mit denen er vor ein paar Tagen auf dem Marktplatz aneinandergeraten war. Diesmal trug der Mann allerdings weniger auffällige Kleidung, vielleicht, weil er sich unters Volk mischen und unerkannt bleiben wollte.

    „Du schon wieder!“, knurrte der Mann. „Diesmal entkommst du mir nicht, du miese kleine Ratte!“

    Aber der Junge hörte gar nicht zu und fing stattdessen zu zerren und zu zappeln an. „Lass mich los!“, rief er. Wieder flammte die Wut in ihm auf wie eine grässliche fremde Macht.

    Doch der Griff in seinem Nacken war eisern. Schon holte der Mann aus, um ihn ordentlich zu verprügeln, da fing die Menge um sie herum das Rufen an. Alles geriet in noch größere Aufregung als ohnehin und drängte vorwärts. Sie wurden hin und her gestoßen und gegen die Umstehenden gepresst. Der Mann reckte sich jetzt und versuchte zu erkennen, was am Rathaus vor sich ging. Der Junge nutzte den Moment und trat dem Mann mit voller Wucht gegen das Schienbein, woraufhin der übler fluchte, als seine Noblesse erwarten ließ, und den Griff lockerte. Daraufhin tat der Junge, was er in brenzligen Situationen immer tat:

    Er zog den Kopf aus der Schlinge und verschwand in der Menschenmenge.

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  • Die Elfe und der Krieger #5: Blumenverkäuferin

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Geldbeutel waren am schwierigsten zu stehlen. Erstens trugen so einen nur wenige leichtfertig am Gürtel. Zweitens waren sie oft fest verknotet. Der Junge in den viel zu großen Stiefeln musste also Acht geben, nicht bemerkt zu werden, und zugleich mit den Fingern geschickt sein, meist mit nur einer Hand, weil alles andere zu auffällig gewesen wäre. Doch in dem Gedränge heute standen seine Chancen gut. An anderen Tagen wäre es unmöglich gewesen, Geldbeutel ohne Messer zu stehlen. Messer hatten allerdings nur einige der älteren Straßenkinder.

    Vor zwei Wochen erst war der Junge erwischt worden, als es ohne Messer versucht hatte. Auf dem Marktplatz war eine blinde Blumenverkäuferin aufgetaucht, die er für ein gutes Opfer gehalten hatte. Also versuchte er sein Glück am helllichten Tage, weil es ihm ungefährlich erschien, zumal selten jemand anhielt, um Blumen aus dem Korb an ihrer Armbeuge zu kaufen. Nur die Siebengötter wissen, wie die Blinde jeden Tag aufs Neue an diese Blumenpracht gelangte.

    Gerade als der Junge ihren Geldbeutel losmachen wollte, tasteten ihre Finger nach dem Säckchen und berührten die seinen. Die zarte Berührung erschreckte den Jungen so sehr, dass er vergaß, wegzulaufen. Aber er erstarrte nicht nur, weil er ertappt worden war, sondern auch, weil ihn lange niemand mehr berührt hatte, und wenn doch, dann war es bloß eine Trachtprügel gewesen. Die Finger der Blumenverkäuferin waren nicht grob und hart, sie waren warm, weich und behutsam.

    Die Frau drehte sich zu ihm herum und, statt eine verärgerte Grimasse zu ziehen, lächelte sie den auf frischer Tat Ertappten an. Ihre Augen waren geschlossen und sie legte den Kopf schief, sodass ihre dicken braunen Locken federten. So wie sie hatte den Jungen noch nie irgendwer angesehen.

    Ihr Strahlen war einzigartig.

    Aber damit nicht genug streichelte sie ihm auch noch über den zerzausten Blondschopf – diese sanfte Berührung elektrisierte ihn – und sagte:

    „Hier, nimm!“

    Der Junge konnte es nicht fassen, aber die Frau, die er eben noch bestehlen wollte, schenkte ihm nun fünf Kupfermünzen, nicht eine einzige wie bisweilen ein gnädiger oder gutgelaunter Passant, nein, gleich fünf auf einmal.

    An jenem Tag war er zu verblüfft gewesen, um sich zu bedanken. Er hatte sich mit den Münzen einfach aus dem Staub gemacht. Außerdem hatte er an jenem Tag zum ersten Mal eine dieser andersweltlichen Daunen gesehen. Sie war plötzlich zwischen den Kupfermünzen in seiner Hand gewesen. Das war dem Jungen so unerklärlich wie die Tatsache, dass die Blumenverkäuferin ihn, obwohl er so vorsichtig gewesen war, erwischt hatte.

    *

    War das zu fassen? Die Hexe verhöhnte ihn! Der Gardist war außer sich. Er holte schon zu einer Ohrfeige mit der nietenbeschlagenen Rückseite seines Handschuhs aus, da sprach die Frau mit einem teuflischen Grinsen auf den Lippen und ihre Stimme troff vor Verachtung: „Ich verfluche dich, du Bastard!“ Die Augen des Mannes weiteten sich, entsetzt wich er vor der Frau zurück. Die anderen Männer ließen ebenfalls von der Frau ab, als wäre sie plötzlich ein Bündel sich windender Giftschlangen. Sie stürzte auf die Handballen und versuchte sich noch hochzustemmen, brach dann aber zusammen.

    *

    Seit dem Tag, an dem der Junge in den viel zu großen Stiefeln die Blumenverkäuferin kennengelernt hatte, behielt er immer ein Auge auf sie. Nicht nur warnte er sie vor den anderen Beutelschneidern, sondern teilte auch seine hart erkämpfte Beute mit ihr, selbst wenn es meist nur essbare Kleinigkeiten wie Äpfel, Brötchen oder Küchlein waren, lose Ware, die handlich war und die er darum leicht unbemerkt von den Marktständen entwenden konnte, obwohl die Händler ihn bereits kannten und jedes Mal aufs Neue zu verscheuchen versuchten.

    Die Blumenverkäuferin lehnte seine Geschenke nie ab, sagte aber immer: „Die Siebengötter wollen bestimmt nicht, dass du stiehlst.“ Und er dachte immer nur: „Dann hätten sie mich nicht arm machen sollen!“ Aber er wollte ihr nicht widersprechen und verschwieg seinen Gedanken.

    In den wenigen Tagen und Nächten der letzten zwei Wochen waren sie dicke Freunde geworden, mehr noch: eine Überlebensgemeinschaft. Die Blumenverkäuferin – Sarah nannte sie sich – war die einzige Person, die dem Jungen je ein Lächeln geschenkt hatte. Überhaupt war das erste, was er über sie gelernt hatte, dass sie immer lächelte. Sogar wenn man sie ignorierte, beschimpfte, anrempelte oder wegen ihrer Blindheit verspottete. Nicht einmal brachte ihr stoisches Lächeln ins Wanken, dass mancher Mann sie mit den Frauen aus dem Hafenviertel verwechselte, stehen blieb und bewundernd ihre Locken befühlte, als dürfte er das ungefragt. Ihre Geduld war schier grenzenlos und ihre Kraft reichte immer noch aus, um die Wut des Jungen zu bändigen, der nicht so schnell verzeihen wollte.

    Dank ihr hatte er ein Dach über dem Kopf, denn zusammen mit ihr durfte er nachts im Armenhaus des Siebengötter-Tempels schlafen, was angesichts der Massen an Armen und Obdachlosen in den Gassen und Straßen von Vasfjell nur wenigen vergönnt war. Sie aber kannte einen der Priester, obwohl sie noch gar nicht lange in der Stadt sein konnte, und der hatte ein gutes Wort für sie eingelegt.

    Und so schlief der Junge nicht mehr auf der Straße, wo er nie sicher sein konnte, wer oder was hinter seinem Rücken lauerte, sondern in der Geborgenheit ihrer wärmenden Umarmung. Zum ersten Mal fühlte der Junge, dass er irgendwo hingehörte. Darum schämte er sich bis auf den heutigen Tag, dass er nicht den Mumm hatte, sich bei der Blumenverkäuferin für den versuchten Diebstahl zu entschuldigen.

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  • Im Kreuzfeuer #4: Wiedergeburt

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    „Biodaten“, befahl Dr. Garret, woraufhin einer der Techniker, die wie die Forscher weiße Kittel trugen, die angeforderten Informationen vortrug:

    „Physischer Zustand stabil. Künstlicher Kälteschlaf aktiv bei minimalem Stoffwechsel. Minimale Gehirnaktivität. Körperfunktionen im Normbereich. Subjekt bereit zur Wiedererweckung.“

    „Beginnen mit Phase 1 der Wiedererweckung.“

    „Phase der Ankunft eingeleitet. Kältekammer mit synthetischer Amnionflüssigkeit fluten.“

    Die Kältekammer füllte sich mit einer grünen Flüssigkeit, die stoffelwechselaktiv war, wie Dr. Cramer wusste, und welche die Ankunft von CK-T.132 herbeiführte.

    „Kälteschlaf aufgehoben. Subjekt CK-T.132 ist angekommen und wird in künstliches Koma versetzt. Phase 1 abgeschlossen. Bereit für Phase 2.“

    In dem röhrenartigen Behälter – dem Amnion, wie die Forscher es auch nannten – trieb die Frau nun in dem leuchtenden Grün auf und ab. Ihre Haut war noch immer blass. Aber sie schien nun lebendiger, tatsächlich, als schliefe sie bloß. Man sah deutlich, wie sich ihr Brustkorb hob und senkte. Sie atmete die mit Sauerstoff angereicherte Flüssigkeit.

    „So viel dazu“, kommentierte Dr. Cramer. „Die QR-212-X wurde bereits vor Schlaflegung durchgeführt. Das bedeutet, dass alle Erinnerungen des Subjektes gelöscht sind. Wir überspringen Phase 2.“

    „Phase der Läuterung wird übersprungen“, bestätigte Dr. Garrett fürs Protokoll.

    „Beginnen mit Phase 3.“

    „Phase 3 – die Wiedergeburt – wird eingeleitet!“, nickte Dr. Garret. „Neuprogrammierung der Persönlichkeit steht kurz bevor.“

    Der Hochleistungscomputer dockte an die Geräte der Kältekammern an und die Prozedur zum Neuschreiben der Persönlichkeit wurde eingeleitet.

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  • Die Elfe und der Krieger #4: Gebrochener Stolz

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Das Kleid war zerrissen, ihr Stolz gebrochen. Alles erschien der Frau dumpf. Selbst der Schmerz, der durch ihren Leib flammte. Die Männer bespuckten und beschimpften sie ein letztes Mal, bevor sie hochgerissen und fortgeschafft wurde. Ihre Beine trugen sie nicht mehr. Nur ihr brennender Hass hinderte sie daran, die Besinnung zu verlieren. Er lauerte auf seine Gelegenheit.

    *

    Der Junge in den viel zu großen Stiefeln schlüpfte zwischen den dichtgedrängten Menschen hindurch. Seine dunklen Augen blickten ungerührt durch die blonden Strähnen, die vor seinem Gesicht wippten. Rufe wurden laut, der Unwillen der Menschen trat zu Tage, Fäuste reckten sich gen Himmel. Gardisten hielten die Meute mit langen Spießen zurück. Ein Pfahl wurde zwischen die Pflastersteine gerammt. Man schaffte Holzscheite herbei und stapelte sie wie für ein Freudenfeuer. Der Junge in der Menge dachte: „Das ist meine Gelegenheit!“, und erleichterte die Umstehenden um die Habseligkeiten an ihrem Gürtel, allem voran um ihre Geldbeutel.

    *

    Die Männer lachten nicht. Wahrhaftiger Ekel erfüllte sie, als sie die Frau hinter sich her schleiften, sie zum Gehen zwangen, obwohl ihre Beine nachgaben, und sie dann vor sich hertrieben, ihr Tritte versetzten und im Nacken packten, um sie weiter voranzubringen. Eine behaarte Hand quetschte ihr Gesicht, nötigte die Frau, ihren Peiniger anzusehen. „Kannst dich glücklich schätzen, dass wir dich nicht steinigen lassen“, raunte der Kerl. „Elendes Hexenpack!“ Ein bleiches Augenpaar erwiderte den Blick des Mannes, ja erwiderte trotz Blindheit. Die Frau knurrte bloß, im Mund der riesige Knebel, der ihr fast den Kiefer ausrenkte. „Willst du etwa reden?“, höhnte der Stadtgardist. „Kann eine wie du überhaupt reden?“ Als er übermütig den Knebel entfernte, wuchs zu seiner Verblüffung ein widerwärtiges Lächeln in dem Frauengesicht, aus dem Hass und Todesgewissheit sprachen.

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  • Im Kreuzfeuer #3: Auferstehungsmodul

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Nachdem sie die Desinfektionsschleuse passiert hatten, öffneten Dr. Cramer und Dr. Garrett per Schlüsselkarte die Sicherheitstür zum Wiedererweckungslabor und betraten es eilig, um das angelieferte Subjekt zu begutachten. Es war bereits von einigen Arbeitern hergebracht worden und lag in einer Kälteschlafkammer, die gerade von Technikern in das Auferstehungsmodul geladen wurde. Das würde noch ein wenig Zeit in Anspruch nehmen. Ungeduldig wippte Dr. Cramer mit dem Fuß, derweil die aus der Datenbank geladenen Biodaten von Subjekt CK-T.132 über die Bildschirme flimmerten. Die vielen Monitore tauchten den würfelförmigen und erstaunlich beengenden Raum in blaues Licht.

    Dann endlich wurde eine Metallverkleidung hochgezogen und ein Panzerglasfenster erlaubte Einblick in einen weiteren Raum. Da war es, das Auferstehungsmodul – eines von insgesamt 77 auf der Lazarus VII. Man konnte bereits dabei zusehen, wie das Modul sein Werk verrichtete. Roboterarme positionierten sich über einer Bodenluke, welche sich selbsttätig öffnete, und rasteten in die für sie vorgesehene Halterungen ein. Dann zogen die mechanischen Arme aus einer zischenden Nebelwolke die Kälteschlafkammer herauf. Gelenke drehten sich und die Kammer wurde aus der Waagerechten in die Senkrechte bewegt. Die Schutzverkleidung der Kältekammer schnellte zu den Seiten weg und gab die Sicht auf einen menschlichen Körper frei. Drähte und Schläuche wuchsen aus seinen Armen und verbanden sich mit seiner Ruhestätte. Lediglich schimmerndes Glas, auf dem Kondenswasser in Perlen hinabrollte, überdeckte den bloßen Körper. Vor der Schlaflegung hatte man ihm sämtliche Körperbehaarung entfernt.

    CK-T.132 war eine Frau. Ihre Augen waren geschlossen. Aber sie schien nicht zu schlafen. Eher wirkte sie wie eine jüngst Verstorbene. Wie jemand, der erfroren war. Eiskristalle hatten sich auf ihrer bläulichen Haut gebildet.

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