Inhaltshinweise zu dieser Geschichte
Als der Junge in den viel zu großen Stiefeln sah, wie das Lächeln der Blumenverkäuferin erlosch und ihr Kopf plötzlich leblos herabhing, gab es kein Halten mehr.
Zum ersten Mal in seinem Leben schluckte er die Wut nicht hinunter. Zum ersten Mal ließ er ihr freien Lauf, und zwar nicht nur ein bisschen wie vorhin, als er die Beleidigungen der älteren Straßenkinder erwiderte, die ihn dafür verprügeln wollten, auch nicht wie vor ein paar Tagen, als er mit ihren eigenen Mitteln die Arroganz der noblen Herren zurückschlug, die ihn dafür hätten auspeitschen lassen können, nein, diesmal ließ er die Wut ohne Wenn und Aber frei.
Er stieß das Tor in seinem Inneren weit auf und gab sich ihr hin.
Ja, endlich sollte die Wut sein dürfen, denn wenn sie endlich wäre, dann würde sie ihm die Kraft verleihen, sich gegen ihren Ursprung aufzulehnen, statt in seinem Inneren zu toben und ihn selbst zu verletzen.
Die Menschen auf dem Marktplatz wollten die Blumenverkäuferin tot sehen. Sie wollten sehen, wie sie bei lebendigem Leibe verbrannte. Der Junge konnte nicht verstehen, wie irgendwer so etwas wünschen konnte. Und er würde es auch nicht zulassen.
Nein, diesmal würde er nicht weglaufen oder die Prügel stumm über sich ergehen lassen. Denn diesmal ging es nicht um ihn. Es ging um die einzige Person, die jemals nett zu ihm gewesen war. Die ihn ohne Vorbehalte angelächelt hatte, obwohl er ihr gegenüber anfangs nichts Gutes im Sinn gehabt hatte.
Wie konnte man den einzigen Menschen verbrennen, der niemandem je etwas zu leide getan hatte, im Gegenteil: der immer nur das Beste für seine Mitmenschen wünschte? Die Blumenverkäuferin hatte nicht viel zu geben, außer ihrem Lächeln und den Blumen, die in den tristen und oft tödlichen Alltag auf den Straßen Vasfjells einen Funken der Schönheit mischten, seltene Momente des Innehaltens und der Freude.
Nein, diesen Menschen zu verbrennen, war ungerecht.
Es war falsch.
Diesmal gab es keinen Zweifel. Er würde dieses Etwas in sich von der Leine lassen. Nicht nur war die eine Person, die ihn immer hatte besänftigen können, im Begriff, auf schreckliche Weise zu sterben, ebendiese Person hatte ihn sogar aufgefordert, sich nicht länger zurückzuhalten.
Der Junge glaubte, die Stimme der Blumenverkäuferin gehört zu haben, kurz bevor ihr Lächeln und mit ihm ihr Bewusstsein verloschen war. Er glaubte, dass sie zwei Worte gesagt hatte, zwei Worte, die alles veränderten:
Tu es!
Die Fäuste des Jungen zitterten. Die Fingernägel schnitten in seine Handflächen. Blut tropfte auf die vibrierenden Pflastersteine zu seinen Füßen.
Wäre die Masse nicht so in Rage gewesen, sie hätte womöglich noch bemerkt, was ihr bevorstand. Doch als das Wolkengrau einen Spalt breit aufriss und eine blutrote Mondsichel am Abendhimmel zum Vorschein kam, war das magische Fließen, das der Junge geworden war, nicht mehr aufzuhalten.
Die Wolken am Himmel verdunkelten sich grollend. In ihren Schluchten blitzte ein bizarres Wetterleuchten. Regen setzte ein. Die Winde, die aufkamen, fuhren in die Lumpen, Mäntel und Kleider der Leute auf dem Markplatz, brachen sich an den prunken Fassaden der Kaufmannshäuser und gewannen in den Kreisen, die sie um den Markplatz zogen, zunehmend an Intensität. Schon wurden vereinzelt Girlanden, Blumentöpfe und Dachpfannen in den Himmel fortgerissen. Dann folgten Fensterläden und Fassadenstatuen, die auf die Menschen hinabgeschleudert wurden und diejenigen erschlugen, die nicht rechtzeitig zur Seite sprangen.
Die edlen Herren auf dem Rathausbalkon mussten sich an der schmiedeeisernen Balustrade festhalten, einigen gelang die Flucht ins Innere, ein anderer stürzte schreiend auf den Markplatz hinab.
Marktstände zitterten und klapperten, brachen zusammen und wurden fortgeweht. Die Unglücklichen, die den Trümmerteilen im Weg standen, wurden niedergeschlagen, durchbohrt und mitgerissen.
Dann – mit einem mächtigen Donner, der die Stadt erschütterte – fuhr ein Blitz herab und schlug in dem Jungen mit den viel zu großen Stiefeln ein. Die Menschen in seiner unmittelbaren Nähe stießen Entsetzensschreie aus und, wenn sie nicht bereits von der freigesetzten Kraft weggeschleudert wurden, drängten sie nun von ihm fort, ohne Rücksicht auf die am Boden Liegenden.
Ein Gardist sprang auf den Jungen zu, der für alle sichtbar keinen Schaden genommen hatte, und in einem Anfall panischer Angst stach er mit seinem Spieß zu. Denn mittlerweile war unverkennbar, dass ebendieser Junge das Auge dieses widernatürlichen Sturms war. Dass er mit der Hexe im Bunde sein musste.
Der Holzschaft der Langwaffe zerbarst an einer unsichtbaren, vor Elektrizität knisternder Sphäre, die den Jungen einhüllte. Die Augen des Gardisten weiteten sich, er ließ den gebrochenen Schaft fallen und tastete nach dem Schwert an seinem Gürtel.
Da schrie Junge auf und in diesen Schrei schwang all die aufgestaute Wut mit. So einen Schrei hatte der Gardist noch nie zuvor gehört. Er ging ihm durch Mark und Bein wie ein Todesschrei.
Plötzlich schien die Zeit wie eingefroren und der Gardist glaubte eine leuchtende Gestalt hinter dem Jungen zu sehen, die über gewaltige Flügel verfügte, Flügel, wie er sie von Schwänen kannte und die zugleich aus wirbelndem Licht bestanden.
Als ebendiese Flügel sich zusammengezogen, um kurz darauf ihre Spannweite in die schiere Unendlichkeit auszubreiten, dehnte sich mit ihnen auch die nun schimmernde Sphäre, die den Jungen umgab. Gleichgültig, was ihr im Weg war, ob Mensch oder Ding, sie fegte alles hinfort wie eine gewaltige Explosion.