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Arbeitsjournal am 25. Juli: Schrevenpark

Die nächtlichen Schrecken aus der Erzählung Nyneve, oder: Die verborgene Wildnis haben sich an einem realen Ort zugetragen. Die Besucher*innen der Lesung vor etwas mehr als anderthalb Monaten dürften diesen Ort alle gekannt haben: den Schrevenpark in Kiel.

Der Park ist eine grüne Oase inmitten der Hafenstadt, liebevoll Schrevi genannt. Man kann dort tagsüber spazieren gehen und abschalten oder auf einer der vielen Bänke Platz nehmen und den Blick über den Schreventeich schweifen lassen. Viele nutzen den Pfad rings um den Park fürs Joggen. Einige spannen auch eine Slackline fürs seiltänzerische Balancieren zwischen zwei Bäumen auf. Abends kann man den Tag auf einer der Wiesen ausklingen lassen oder Boule auf einer öffentlichen Boule-Anlage spielen, direkt neben dem Café Castello, das in der Nyneve als Castillo auftaucht. Im Sommer wird nicht selten bis spätnachts gefeiert.

Studierende kommen gern in den Schrevenpark, um abzuhängen. Eltern können mit ihren Kindern auf den Spielplätzen toben oder im Grün einfach mal ausspannen. Und die Älteren finden Ruhe auf den Parkbänken oder drehen eine Runde um den Teich. Wer auch immer herkommt, der Park schirmt seine Besucher*innen gegen die umliegende Stadt ab. Die Fassaden werden zu Kulissen, die hinter dem Grün hervorlugen, werden Hintergrund für eine eigene kleine Welt, die weder städtisch noch Wildnis ist.

Nachts kann der Schrevenpark sehr dunkel werden. Laternen entlang der Hauptwege heben zwar Lichtinseln aus der Dunkelheit, doch über dem großflächigen Teich, auf den weiten Wiesen und im dichten Gebüsch sammelt sich die Schwärze. Dies ist die Tageszeit, in der sich Die verborgene Wildnis zu regen beginnt, jene ungesehene Realität, die sich unter einer hauchdünnen Folie verbirgt, die wir Alltag nennen. Von dieser Wildnis erzählt Nyneve. Die Kunststudentin Janna stolpert mittenhinein und sieht sich mit dem Unfassbaren konfrontiert.

Damit auch diejenigen sich ein Bild vom Schrevenpark machen können, die diesen Ort noch nie betreten haben und es auch nicht vorhaben, füge ich diesem Journal einige Impressionen bei – und indem ich das tue, lasse ich den Park Teil dieses Weblogs werden. Ich bette das Außerfiktionale als Referenz in die Geschichte ein, die dieser Weblog erzählt, so wie es schon Nyneve, oder: Die verborgene Wildnis getan hat.

Sommers zeigt sich der Park als besonders naturbelassen. Von dieser domestizierten Naturhaftigkeit ließe sich kein Urwald dieser Erde je beeindrucken. Doch umstellt von der klaren Funktionalität der Stadtarchitektur wirkt auch diese künstlich hergestellte Urwüchsigkeit wild und einladend, ja erleichternd für das Gehirn, das sich nach der visuellen Komplexität sehnt, für die es ursprünglich gemacht wurde (oder treffender: in der es sich evolutionär entwickelt hat). Man vergleiche nur das Wimmeln einer Baumkrone mit der Geradlinigkeit einer Hausfassade, dann wird deutlich, was ich meine.

Gänse gehören auch zum Schrevenpark, zur Freude und zum Leidwesen all seiner menschlichen Besucher*innen. Wie selbstverständlich nehmen die Zugvögel die weiten Grasflächen in Beschlag und, wenn sie nicht gerade das gewonnene Terrain mit stolzer Bissigkeit gegen Passanten und ihre zudringlichen Vierbeiner verteidigen, zupfen sie das Grün in hungriger Beharrlichkeit kurz und klein. Ziehen die Tiere dann eines Morgens weiter, zeugen die weitgestreuten Hinterlassenschaften ihrer Verdauung noch lange von ihrer ehemaligen Anwesenheit.

Für die Gänse ist der Schrevenpark genauso wie für die Menschen ein Ort, an dem sie Kraft tanken. Parkanlagen sind nachweislich wichtige Stopps auf der Flugroute von Zugvögeln. Ohne Parks gäbe es in Städten keinen Ort, wo sie Halt machen könnten. Hier brüten sie sogar und ziehen ihre Nachkommenschaft groß. Im Schrevenpark gibt es daher auch dichtbewachsene Uferbereiche, die nicht betreten werden dürfen, sodass Enten und andere Vogelarten dort unbehelligt brüten können.

Gänse im Übrigen spielen in Nyneve, oder: Die verborgene Wildnis leider keine Rolle. Nun finden die Ereignisse der Erzählung auch nachts statt. Die selbstbewussten Zugvögel hätten also ohnehin geschlafen. Dennoch finde ich die Vorstellung einer Nyneve mit Gänsen urkomisch.

Die Geschichte, die in der Nyneve erzählt wird, kann man als Horror labeln, auch wenn ich lieber von Dunkler Phantastik spreche. Es geht also unter die Haut und an die Wurzeln des Verstandes. Katharsis ist eine Wirkungsabsicht.

Mit Gänsen hingegen, die permanent den Ablauf der Handlung stören und sie in eine ganz andere Richtung lenken, könnte man eine komische Nebenvariante der Erzählung verfassen (im Sinne einer selbstironischen Kommentierung und als Gegengewicht zu den Schrecken der Hauptversion, die zwar nicht zurückgenommen werden, aber im Nachhinein abgemildert, wie durch einen ausgelagerten comic relief).

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