Inhaltshinweise zu dieser Geschichte
Sehen konnte die Frau die grölende Menge nicht, als man sie an den Pfahl inmitten der aufgebahrten Holzscheite festzurrte. Sehr wohl aber hörte sie die Flüche und Beschimpfungen. Die Menschen wünschten ihr den Tod. Sie wollten sie brennen sehen.
Offenbar klagte man sie der Verführung eines Priesters an und bezichtigte sie der Hexerei. Ihren Anklägern war sie jedoch nie begegnet, lediglich den Henkern. Erst dem Brüllen der aufgewiegelten Masse entnahm sie, wessen sie angeklagt war, nein, wofür sie hingerichtet werden sollte.
„Was für ein Irrsinn!“ Die Gedanken der Frau rasten.
Ihr Körper hing zwar in den Fesseln, wäre ohne sie vor Erschöpfung zu Boden gegangen, doch ihr Kopf arbeitete wie wahnsinnig. Sie war wie in einem grässlichen Rausch gefangen. Ein giftiges Gemisch aus Todesangst und Verzweiflung, das sie verrückt machte.
Sie kam nicht umhin, sich die Gesichter der Menschen vorzustellen – das machte sie so, seit die Augen, mit denen sie das Licht der Welt erblickte, im Alter von sieben Jahren erblindet waren. Damals waren ihre Pupillen innerhalb weniger Monate zugewachsen. Seither war es, so sagten ihr die anderen, als hätte sie nie welche gehabt.
Ihre Vorstellungskraft war seitdem aber umso größer geworden. Also imaginierte sie, was sie nicht sehen, aber spüren konnte: die vor Hass feurig leuchtenden Augen und von Schimpf weit aufgerissenen Mäuler der grölenden Masse, ihre gen Himmel gereckten Fäusten und das Gedränge ihrer Körper.
Waren das dieselben Leute, denen sie vor einem Tag noch Blumen hatte verkaufen wollen? Für die sie jeden Morgen in den Wald jenseits der Stadtmauern gegangen war, wo die Blumen mit den bezauberndsten Düften wuchsen, auf die Lichtungen, wo die Blumen mit schönsten Blüten und prächtigsten Farben gediehen, und auf die Hügel nahe dem Wasser, wo die seltensten und robustesten Sorten zu finden waren? Es mussten dieselben sein!
Und dennoch hörte, spürte, roch sie jetzt das Feuer, das die Fackeln in den Fäusten der Gardisten zu ihren nackten Füßen entfacht hatten. Der Scheiterhaufen brannte. Bald würde auch sie brennen! Die Hitze stieg rasch zu ihr hinauf und wollte sie durchdringen. Der Rauch hüllte sie ein und wollte sie ersticken.
Nie hätte sie gedacht, dass sie der Hass so sehr in den Griff nehmen würde wie in diesen letzten Momenten ihres Lebens. Jetzt – mit dem Schmerz im Körper und dem Blutgeschmack im Mund – wünschte sie all den Gesichtern in ihrer Vorstellung ein nicht minder grässliches Ende, als es ihr bevorstand. Ginge es nach ihr, dann sollte die ganze Stadt brennen und in dem kochenden Blut ihrer Bürger ersticken.
*
Der Junge in den viel zu großen Stiefeln kannte und fürchtete die Spektakel, die auf dem Vasfjeller Marktpatz abgehalten wurden. Darum vermied er es für gewöhnlich zu weit nach vorn zu geraten, wo er unabsichtlich einen Blick auf die brennenden Frauenleiber erhaschen konnte. Doch heute Abend drängte ihn ein ungutes Gefühl vorwärts und so zwängte er sich durch die skandierende Menge, die sich den Tod der Hexe herbeisehnte, wie um darin all das am eigenen Leibe erfahrene Leid und Unrecht in Rauch aufgehen zu sehen.
Der Junge hatte keine Ahnung, ob es Hexen wirklich gab. In den Gassen wurde viel gemunkelt. Gesehen oder erlebt hatte er Hexenwerk noch nie, auch wenn die anderen bei jeder Gelegenheit behaupteten, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugehe, meist dann, wenn es ihnen nicht in den Kram passte.
Zwischen den sich umherschiebenden Leibern taten sich Lücken auf, die dem Jungen kurze Blicke auf das lodernde Orange-Gelb des Feuers erlaubten. Ja, da war eine zusammengesunkene Frauengestalt. Und je näher er kam, desto eindringlicher wurde das Gefühl, dass er diese Frau kannte. Aber unmöglich, dass sie es war! Denn wäre sie es, warum war sie dann so verändert? Was hatte man ihr angetan, dass sie so elend aussah?
Im Grunde kannte der Junge die Antwort. Die Straße hatte ihm genügend Abscheulichkeiten gezeigt, um es zu wissen.
Dennoch sträubte sich alles in ihm vor der Erkenntnis. Schließlich aber, als er aus der vordersten Reihe hervorbrach und von dem Spieß eines Gardisten zurückgetrieben wurde, war die Wahrheit nicht mehr zu leugnen.
An dem Pfahl auf dem brennenden Scheiterhaufen hing die immer lächelnde Blumenverkäuferin, nur dass sie nicht mehr lächelte.
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