Inhaltshinweise zu dieser Geschichte
Die Männer mieden die am Boden liegende Frau wie ein Feuer, das im Begriff war, außer Kontrolle zu geraten. Nur einer schritt unbeeindruckt auf sie zu, amüsiert sogar.
Herzog Ludewig von Benninger hatte dem Prozess ihrer Läuterung auf einer Holzbank sitzend beigewohnt und, während sie schrie und litt, darüber sinniert, wie er sich involvieren wollte. Aufgerafft hatte er sich aber erst, als die Männer von der Frau zurückgewichen waren wie eine aufgescheuchte Hasenbande. Als er vor ihr stehen blieb und auf sie herabblickte, hätte jeder Idiot erkennen können, dass der Herzog ihre Tortur genoss.
Sie war nicht die erste hier unten und würde nicht die letzte sein. In dem, was ihr widerfuhr, war sie nichts Besonderes. Nein, besonders machte sie etwas anderes. Der Herzog hockte sich vor ihr hin und strich ihr über den kahlen verkrusteten Schädel.
„Ich fürchte mich nicht vor deinen Flüchen“, flüsterte er ihr zu. „Und weißt du auch warum?“ Er lächelte. „Weil du gar keine Hexe bist.“ Kaum hatte er das gesagt, riss die Frau die Augen auf und ein Zucken ging durch ihren Körper. „Aber ungefährlich bist du deswegen nicht, Herzchen.“ Er lachte leise in sich hinein. „Tragisch, dass du nie erfahren wirst, was du wirklich bist… weswegen dir widerfährt, was dir widerfährt… Noch heute Abend wird es nämlich mit dir zu Ende gehen. So wie mit allen deinesgleichen.“
Da bäumte sich die Frau auf und spie dem Herzog Blut und Speichel ins Gesicht.
Benninger blieb ungerührt, schloss nur die Augen. Er hob die Augenbrauen und zückte er ein Stofftaschentuch, um sich das Gesicht abzuwischen. Er ließ sich Zeit. Aber schließlich packte er die vor Erschöpfung schnaufende Frau am Kiefer und richtete sie so weit auf, dass sie ihm in die Augen hätte blicken können. Das milchige Weiß ihrer Augäpfel fesselte den Mann.
„So viel verschwendete Schönheit!“, sagte er. „Das ist ärgerlich, so ärgerlich…“
Ihre Mimik war angesichts seiner Worte ausdruckslos, ihr Körper schlaff. In den bleichen Augen der Frau konnte der Herzog nichts lesen. Als wäre ihre Seele selbst blind.
„Diese Frau“, dachte er, „ist überhaupt kein Mensch.“
Und in ebendiesem Moment kehrte das Leben, so schien es, in den geschundenen Frauenkörper zurück. Doch war es lediglich noch der Hass, der darin waltete. Er zeigte sich auf den Lippen der Frau, die ein böses Grinsen formten, das bald wie ein Zähnefletschen aussah. Die Armmuskeln spannten und stemmten den Oberkörper hoch. Der Kiefer entglitt Benningers Griff. Das rotverschmierte Zähnefletschen wurde zu einem aufgerissenen Schlund, in dem sich Fäden von Speichel und Blut spannten.
Die Frau wusste und ahnte nicht, was der Hass sie tun ließ. Nie hatte er sie so weit getrieben. Stets war er in ihren Geist gegen eine gläserne Decke gestoßen, auf dem ihre Vernunft stand und die emporschießenden Flammen betrachtete. Die Tortur jedoch, der die Frau seit einer Nacht und einem Tag ausgesetzt war, hatte das Glas zerborsten und der brennende Hass die Vernunft verschlungen.
Mit weit aufgerissenem Mund schnellte sie nach vorn und – mit letzter Kraft – biss sie dem Herzog ins Gesicht, verbiss sich in seiner markanten Nase, die jeder kannte, der jemals eine Goldmünze besessen hatte.
Der Mann schrie auf und packte ihr Gesicht, wollte sie instinktiv fortdrücken. Jetzt verfluchte er sie. Verfluchte seine Männer, die ihm gefälligst zur Hilfe eilen sollten. Angestachelt von seinen Beschimpfungen knüppelten sie auf die Frau ein. Doch es war zu spät. Als sie am Boden lag, beinahe besinnungslos, spuckte sie aus. Nicht weit von ihr lag auf dem Kerkerboden der größte Teil der herzoglichen Nase.
Benninger hielt sich das Gesicht und heulte: „Packt sie! Schafft mir das Miststück aus den Augen!“
Die Männer ergriffen die Frau und schleiften sie eine Treppe hinauf ins unstete Licht der Fackeln, die den Vasfjeller Marktplatz erhellten. Das Grölen der Massen schwappte ihnen entgegen.
*
Dass er heute Morgen allein im Armenhaus aufgewacht war, hatte den Jungen in den viel zu großen Stiefeln sehr beunruhigt. Und als er deshalb bei den Nachbarbetten im Schlafsaal herumgefragt hatte, ob irgendwer wüsste, wo die Blumenverkäuferin sei, meinte einer gesehen zu haben, wie sie nachts davongeschlichen sei.
Der Junge wusste, dass die Blumenverkäuferin immer sehr früh aufstand, um erst gegen Mittag wiederzukehren. Ihr Korb war dann meist bis zum Rand mit den schönsten Blumen gefüllt, die einen wundervollen Duft verbreiteten.
Also wartete er ungeduldig die Mittagszeit ab.
Aber da sie dann immer noch nicht wiedergekommen war, was hätte der Junge wohl anderes tun können, als wie früher allein aufzubrechen? Die überraschende Einsamkeit weckte das Gefühl des Alleinseins, das er seit jeher kannte, und verschlimmerte es durch das bittere Gefühl des plötzlichen Verlustes. Dem Jungen wurde klar, dass die glückliche Zweisamkeit mit der Blumenverkäuferin sowieso nicht für immer hätte anhalten können. Auch sie hatte ihn letzten Endes verstoßen und jetzt musste er ohne sie zurechtkommen, musste wieder für sich allein sorgen können, indem er seinem Handwerk nachging.
Und sein Handwerk war das eines Diebes.
Heute allerdings war der Wurm drin. Denn just in diesem Moment zog der Junge zu kräftig an dem vermaledeiten Knoten, der den Geldbeutel sicherte, vielleicht weil er wegen all seiner Gefühle und Gedanken zu unkonzentriert war. Keine Sekunde später wurde er auch schon gepackt, erst am Handgelenk, dann im Nacken.
Der ihn packte, war ebenjener Mann, dem er soeben fast den Geldbeutel vom Gürtel losgeknotet hätte. Und jetzt, da sich der Kerl zu ihm herumdreht hatte, stellte der Junge auch noch fest, dass er ihn kannte. Es war einer der noblen Herren, mit denen er vor ein paar Tagen auf dem Marktplatz aneinandergeraten war. Diesmal trug der Mann allerdings weniger auffällige Kleidung, vielleicht, weil er sich unters Volk mischen und unerkannt bleiben wollte.
„Du schon wieder!“, knurrte der Mann. „Diesmal entkommst du mir nicht, du miese kleine Ratte!“
Aber der Junge hörte gar nicht zu und fing stattdessen zu zerren und zu zappeln an. „Lass mich los!“, rief er. Wieder flammte die Wut in ihm auf wie eine grässliche fremde Macht.
Doch der Griff in seinem Nacken war eisern. Schon holte der Mann aus, um ihn ordentlich zu verprügeln, da fing die Menge um sie herum das Rufen an. Alles geriet in noch größere Aufregung als ohnehin und drängte vorwärts. Sie wurden hin und her gestoßen und gegen die Umstehenden gepresst. Der Mann reckte sich jetzt und versuchte zu erkennen, was am Rathaus vor sich ging. Der Junge nutzte den Moment und trat dem Mann mit voller Wucht gegen das Schienbein, woraufhin der übler fluchte, als seine Noblesse erwarten ließ, und den Griff lockerte. Daraufhin tat der Junge, was er in brenzligen Situationen immer tat:
Er zog den Kopf aus der Schlinge und verschwand in der Menschenmenge.