Seit ich aus Kiel zurück bin, veröffentliche ich kontinuierlich Romanfragmente auf Anderwärts | Literarischer Weblog. Jeden Tag erscheint eine neue Passage, die von der Länge her in etwa einer Buchseite entspricht. Häufig ist es ein wenig mehr, manchmal sogar fast zwei Seiten, denn gewisse Sinnzusammenhänge möchte ich nicht durchbrechen. Mittlerweile ist jeweils das erste Kapitel der beiden aktuellen Fragmente-Serien erschienen:
Unvorhergesehene ästhetische Effekte
Als ich mit dem Veröffentlichen der Romanfragmente anfing, habe ich den Drang verspürt, die Satzunterbrechungen, die im Manuskript durch den Seitenwechsel entstehen, mit in den Weblog zu übernehmen. Die Episoden der Fragmente-Serien hätten dann regelmäßig mitten im Satz begonnen und geendet. Ihr fragmentarischer Charakter wäre so bereits durch die syntaktischen Brüche sichtbar geworden. Dagegen hat sich allerdings das Ideal leichter Lesbarkeit behauptet. Gegen die schelmische Lust an der Störung des Leseflusses (woher kommt diese Lust?) hat sich eine Ästhetik des Pragmatisch-Vernünftigen durchgesetzt.
Ohnehin ist die Einteilung der Fragmente-Serien in Seiten willkürlich. Die Seiteneinteilung stammt aus dem Manuskript, das eine Vorstufe zum Buch darstellt. Die Romanfragmente erscheinen jedoch nicht als Buch, sondern als Einträge in einem Weblog. Dem Medium ihrer Veröffentlichung sind sie formal also nicht angepasst und sie darum Episoden zu nennen, wie oben getan, ist ein wenig übertrieben. Ich bleibe dennoch dabei.
Die formale Unangepasstheit der Episoden wäre kaum erwähnenswert, wenn ebendiese keine unvorhergesehenen ästhetischen Effekte zeitigen würde, von denen zwei am auffälligsten sind.
Erstens: Durch die Präsentation der Romanfragmente als Serie von Einträgen in einem Weblog (Episoden) wird die Kontinuität des Manuskripttextes unterbrochen und es entstehen neue Sinneinheiten. Jede Episode ist ihre eigene Sinneinheit, die zunächst für sich allein steht. Sie ist separiert. Wenn nun ein Leser auf diesen Weblog stößt, dann gerät er in eine dieser separierten Sinneinheiten. Ob und wie sehr diese Einheit für ihn Sinn ergibt, entscheidet darüber, ob er sich weiteren, dazugehörigen Sinneinheiten zuwendet. Vorher muss er zunächst erkennen, dass diese separierte Sinneinheit zu einer Serie gehört, und er muss sich dann auch noch für diese Serie interessieren. In einem Manuskript (und in dem Buch, das daraus entstehen soll) stellt sich dagegen die Frage der Zugehörigkeit gar nicht. Die Seiten sind nicht in Einheiten separiert, sie gehören alle zusammen und stellen ein Textkontinuum dar, denn sie befinden sich allesamt zwischen zwei Buchdeckeln, die ihre Zusammengehörigkeit physisch herstellen und markieren.
Zweitens: Die ursprünglichen Sinneinheiten des Manuskripts werden durch die willkürliche Stückelung des Romanfragments in Weblog-Einträge gestört. Sie werden nicht aufgelöst, aber durch die Separierung unterbrochen. Dort, wo dieser Bruch erkennbar wird, am Ende eines Eintrags, bildet sich ein Cliffhanger. Das geschieht zwangsläufig. Und zufällig.
Beide Effekte treten auf, wohlgemerkt, ohne dass der Text der Romanfragmente verändert wird. Es ist allein die mediale Präsentation, der diese Effekte geschuldet sind.
Nyneve, oder: Die verborgene Wildnis
Dem Wunsch, die Sinnzusammenhänge des Manuskripts stärker in den Fokus zu rücken, ist zu verdanken, dass ich den Veröffentlichungsrhythmus der Fragmente-Serien angepasst habe. Die Fragmente erscheinen daher nicht im täglichen Wechsel, wie ursprünglich angedacht. Stattdessen habe ich mir vorgenommen, alle drei Tage zu wechseln. Nach drei Passagen aus Der Krieger und die Elfe folgen drei Passagen aus Im Kreuzfeuer und so weiter. Das gibt den Geschichten den Raum, sich zu entfalten. Und zugleich werden sie einander weiterhin kontrastieren.
Mit diesem Veröffentlichungschema habe ich vor ziemlich genau einem Monat begonnen und es dann kurzfristig wieder angepasst. Der Grund: Es hat im Veröffentlichungsrhythmus der Fragmente-Serien eine kurze Unterbrechung für eine 7-teilige Sonderserie zu der Horror-Erzählung gegeben, aus der ich auf dem Mondo Grindhouse Festival gelesen habe:
Vorher jedoch hatte jeweils das erste Kapitel beider Fragmente-Serien vollständig erscheinen sollen (wieder der Sinnzusammenhänge wegen). Daher wurde eine längere Aneinanderreihung von „Im Kreuzfeuer„-Einträgen notwendig.
Die Pseudonyme sind zurück
Ansonsten fällt auf, dass die Pseudonyme zurückgekehrt sind. Bereits in früheren Arbeiten, sowohl off- als auch online, habe ich mit Pseudonymen gearbeitet.
Die Fragmente-Serie Der Krieger und die Elfe veröffentliche ich unter dem Namen Jonas Balder, die andere – Im Kreuzfeuer – unter dem Namen Edvard Solstad. Ich bin geneigt zu schreiben, dass Jonas und Edvard sie unter ihrem eigenen Namen veröffentlichen, doch damit greife ich vor. Feststeht, dass sogar die Arbeitsjournale mittlerweile unter dem Kürzel AN.V erscheinen.
Die Pseudonyme haben ihre Bewandtnis.
Doch davon schreibe ich zur rechten Zeit mehr, das heißt: falls die Pseudonyme wieder beginnen, sich zu verselbstständigen. (Und sobald das geschieht, wären mittendrin in dem Roman, der dieser Weblog auch ist.)
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