Inhaltshinweise zu dieser Geschichte
Der Junge in den viel zu großen Stiefeln war bei dem Anblick der Blumenverkäuferin auf dem Scheiterhaufen erstarrt. Er fühlte, dass dies nicht gerecht war. Und dass er es verhindern musste.
Aber er war machtlos. Vor ihm die Spieße der Gardisten, hinter ihm die drängende Masse. Er ballte die Fäuste wie jedes Mal, wenn ihn die Wut ergriff. Stumme Tränen liefen seine Wangen hinab. Die Fingernägel stachen in seine Handflächen. Unter seinen Stiefeln vibrierten unbemerkt von der tosenden Masse die Pflastersteine. Erdklümpchen begannen zu schweben, Blitze umzuckten die Knöchel seiner Faust.
Plötzlich spürte er einen Blick und wusste, noch bevor er ihn erwiderte, dass es die Blumenverkäuferin war. Unmöglich konnte sie wissen, dass er hier war. Und doch blickte sie in seine Richtung. Sie lächelte wieder. Lächelte trotz der aufsteigenden Flammen. Trotz der Rauchfahne, die, wenn der Wind drehte, durch sie hindurchfegte und ihr den Atem nahm.
Ja, der Junge spürte, dass sie ihn sehen konnte. Spürte die unsichtbare Verbindung zwischen ihnen. Dass ihr letztes Lächeln ihm gelten sollte. Es beruhigte ihn, wenigstens für den Moment. Jeden Augenblick jedoch drohten die Flammen auf den Körper der Blumenverkäuferin überzuspringen.
*
Der Junge hatte sie also gefunden. Sein Anblick besänftigte den Hass, führte der Blumenverkäuferin wieder vor Augen, was ihre Rolle in seinem Leben sein musste. Ja, es war tatsächlich sein Anblick, der dies tat, denn von ihrer ersten Begegnung an hatte sie den Jungen in den viel zu großen Stiefeln sehen können. Nicht wie andere ihn sahen, nicht mit den Augen, die den Menschen mit der Geburt gegeben wurden, sondern mit dem inneren Auge, das sich erst im Verlauf des Lebens öffnete, allerdings nur in sehr seltenen und besonderen Fällen wie dem der Blumenverkäuferin. In der Schwärze ihrer Welt war der Junge zu einem Leuchtfeuer geworden, so strahlend, dass sie sich sein Gesicht als einziges nicht vorzustellen brauchte.
Sie sah es, obwohl sie es nicht sah.
Und jetzt sah und spürte sie auch wieder die Wut. Sie ragte hinter ihm auf in den wirbelnden Farben von glühenden Kohlen. Sie war eine Gestalt von titanischer Größe und mit in sich verschlungenen Flügeln, die sich in die Unendlichkeit auszubreiten schienen.
Da begriff die Blumenverkäuferin, was der Junge war, begriff, was sie für ihn war. Dass er das Fließen war, das alles mitreißen würde, und sie das Gefäß, das dem Fließen eine Form gab und es durch die Formung beruhigte. Dass er nicht wusste, nicht einmal ahnte, was er in der Lage war zu tun. Und dass sie ihn davor bewahren musste.
Vor gestern Nacht hätte sie es noch gekonnt.
Jetzt aber bemächtigte sich ihrer ein Gedanke oder ein Gefühl, eine tiefe Traurigkeit oder ein Schmerz, gewiss aber eine Dunkelheit, die tief in ihr nistete und flüsterte:
Das Gefäß, Herzchen, ist zerschlagen.
Diese Erkenntnis ließ die Blumenverkäuferin alles vergessen und, ehe sie begriff, was sie tat, hatte sie sich schon dem wiederaufgeflammten Hass hingegeben.
Ihr Lächeln erstarb.
Denn sie wusste, selbst in dem wahnhaften Rausch, in den sie der Wunsch nach Vergeltung versetzte, dass sie einen Unschuldigen zu ihrem Instrument machte. Doch es war zu spät.
Statt die Wut des Jungen zu besänftigen und in eine positive Kraft umzuleiten, wie es in den letzten zwei Wochen ihr Wunsch gewesen war, schickte sie ihm einen einzigen hasserfüllten Satz, bevor sie in den sich verdichtenden Rauchschwaden die Besinnung verlor:
Tu es!
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