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    Im Kreuzfeuer #18: Amnesie

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Tanya setzte wieder die Füße auf die Leiter, hakte ihren Arm an der Ellbogenbeuge unter eine Sprosse und versuchte zu verschnaufen. Dann setzte sie den Abstieg mit schmerzendem Rücken fort.

    Erst nach einer halben Ewigkeit erreichte sie eine Automatiktür, die nicht verriegelt war, sondern wenigstens einen Spalt breit offenstand. Sie zwängte sich hindurch und fiel entkräftet auf die Knie. Sie atmete tief durch und blickte auf. Offenbar befand sie sich auf dem Deck mit der Sicherheitsabteilung. Hier war trotz des Absturzes noch vieles in Takt und Tanya konnte sich fast frei bewegen. Träge vom Schmerz, der seltsamerweise schon wieder nachließ, wankte sich die erschöpfte Frau zu einem Kontrollpult in einem der Sicherheitsräume und lehnte sich dagegen.

    Auf dem Stuhl neben ihr saß reglos ein toter Wachmann. Sie ignorierte seine Blicke und tastete vorsichtig ihren Rücken ab. Der Overall war aufgeschlitzt. Ihrem Rücken erging es aber besser. Soweit sie es erkennen konnte, verliefen lediglich zwei lange, rote Striemen darüber, die nur leicht bluteten. Sie war erleichtert, hatte aber auch das Gefühl, dass der Schmerz sich nach einer sehr viel schlimmeren Verletzung angefühlt hatte. Vielleicht war das nur der Schock gewesen.

    Rasch öffnete Tanya den Reißverschluss, der aus demselben Material war wie der restliche Overall, nur fester, denn wäre er es nicht, hätte ihr das Kleidungstück nicht auf den Körper gegossen werden können, bevor sie aufgewacht war. Aber davon, wie gesagt, wusste sie nichts. Sie zog den Reißverschluss bis zur Taille herab und verknotete dort die Ärmel, damit der Anzug nicht unversehens herabrutschte. In einem Metallschrank in einer Umkleidekabine fand sie ein graues Unterhemd, das sie direkt überwarf und dessen fremder Schweißgeruch ein Gefühl von Verlorenheit in ihr weckte.

    Unter dem Overall hatte sie offenbar nichts weiter angehabt. Tanya hatte keinen blassen Schimmer, wann sie dieses Ding überhaupt angezogen und was sie dazu bewegt hatte. War sie eine Technikerin? Das fragte sie sich im Stillen, während sie den Saum des viel zu großen Unterhemds in den Overall stopfte. Dann fragte sie sich, warum sie sich so etwas fragte. Und ihr fiel auf, dass sie im Grunde keine Ahnung hatte, wer sie war und was sie hier machte.

    Wenn sie eine Technikerin war, wieso hatte der Overall dann so seltsame verschlussartige Öffnungen entlang ihrer Wirbelsäule? War das etwa ein medizinisches Kleidungsstück und sie eine Patientin? Das würde wenigstens ihre Amnesie erklären. Irgendwoher kannte sie diese Öffnungen. Waren sie Öffnungen für eine Maschine? Sie kam einfach nicht darauf. Also verwarf sie den Gedanken und setzte sich eine Schirmmütze auf, die sie gefunden hatte.

    Nachdem Tanya das Sicherheitsdeck abgesucht hatte und dabei einen Rucksack, Energiezellen für ihre Laserpistole und Notfallrationen aufgetan hatte, wusste sie, dass sie hier nichts mehr finden würde, was sie gebrauchen konnte. Schon gar nicht Informationen über den Planeten, auf dem sie abgestürzt war, oder Hinweise auf ihre Vergangenheit. Sämtliche Konsolen auf diesem Deck waren durchgebrannt. Es war ihr nicht einmal möglich zu einem anderen Fahrstuhl zu gelangen.

    Kurzerhand begab sie sich wieder in den ihr schon bekannten Schacht und stieg weiter hinab.

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    Im Kreuzfeuer #17: Todesfalle

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Tanya erzitterte unter dem ohrenbetäubenden Lärm, der losbrach. Unaufhaltsam kam der Fahrstuhl auf sie zugerast und riss alles mit sich, was ihm im Weg war. Die Frau blickte sich hastig um. Aber kein Fluchtweg schien aus dieser misslichen Lage herauszuführen. Schon prasselten weitere Metallteile auf sie herab. Ein schweres Rohr traf sie am Bein und stieß es von der Sprosse. Sie verlor den Halt und stürzte den Schacht hinunter. Nach ein paar Metern konnte sie sich wieder an der Leiter festklammern, sodass sie mit ihrem Körper hart dagegen schlug. Sofort rutschte sie wieder mit einer Hand ab und baumelte einhändig über dem Abgrund.

    Der Fahrstuhl schmetterte heran und war nur noch wenige Meter entfernt. Tanya sah sich schon tot unter Trümmern liegen. Da griff sie mit der freien Hand nach einer Sprosse. Blitzschnell fand sie wieder Halt und presste sich so dicht an die Wartungsleiter wie möglich. Es war ihre einzige Chance. Denn die Leiter verlief in einer flachen Rinne, damit der Fahrstuhl ungehindert den Schacht hinabgleiten konnte. Tanya hoffte inständig, dass auch für sie noch genug Platz in dieser Ausbuchtung war, wenn sie sich nur fest genug in sie hineindrückte.

    Als der Fahrstuhl tosend an ihr vorüberrauschte, erzitterte der Schacht wie von einem Erdbeben. Etwas traf sie hart am Rücken, so hart, dass es sie von den Füßen stieß und sie nur noch an den Händen an der Leiter hing. Ein brennender Schmerz durchzuckte ihren Rücken. Kraftlos hing sie an der Leiter und drohte abzurutschen, derweil der Fahrstuhl in der bodenlosen Tiefe verschwunden war. Erst nach einer ganzen Weile drang ein fürchterlicher Lärm zu ihr herauf, samt einer Hitzewelle, die von einer Explosion herrühren musste.

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    Die Elfe und der Krieger #17: Der Reiter

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    Obwohl der Pfad hier unten am Fuß des Nordsteingebirges bereits wesentlich breiter war als in den höheren Gefilden des Gebirgshanges, so erschien Lysha ein Ritt in diesem Tempo und bei dieser Bodenbeschaffenheit immer noch als äußerst waghalsig. Ihr war nicht klar, weshalb, aber sie spürte, dass dies nicht irgendein Reiter war.

    Ohne auf Finnigan zu achten, der seelenruhig im Gras saß und beobachtete, was geschah, schoss Lysha hoch und rannte auf den Pfad, um dem Reiter hinterher zu blicken. Noch konnte sie ihn sehen.

    „Hey, warte doch!“, rief sie aus Leibeskräften und schwang wild die Arme. „Bleib stehen! Ich bin es, Lysha! Hast du mich denn nicht gesehen?“

    Vage erkannte sie, wie der Mann die Zügel anzog und sein Pferd wendete, um zu schauen, wer ihn von fern rief. Lysha verschluckte ihre Freude darüber, dass der Reiter auf sie reagierte, als sie sah, wie seine Hand zu den Satteltaschen fuhr, genauer: zu dem Griff eines Schwertes, das am Sattel befestigt war.

    Lysha ließ ihre Arme sinken und fragte sich, was als nächstes geschehen würde. Weder der Reiter noch sie rührten sich auch nur einen Millimeter. Sie kam sich plötzlich töricht vor, aus einem unbegründeten Gefühl heraus so unbedacht gehandelt zu haben. Hatte sie sich getäuscht und den Mann auf dem Pferd verwechselt?

    Doch dann hob sich auch die Hand des Reiters und winkte. Lysha lachte vor Erleichterung auf und blickte zu Finnigan, der ihr wissend zulächelte.

    „Ist er es?“ Der Alte ließ ein paar Saiten seiner Laute erklingen. „Oder verhältst du dich mittlerweile bei jedem Mann so, der dir begegnet?“

    „Ich…!?“, setzte sie verärgert an, doch das dumpfe Geräusch von Reiterstiefeln, die auf Erde schlugen, und das Klimpern von Zügeln ließen sie innehalten. Ihr stockte der Atem, als sie sich umdrehte und der Reiter direkt vor ihr stand.

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    Arbeitsjournal am 25. Juli: Schrevenpark

    Die nächtlichen Schrecken aus der Erzählung Nyneve, oder: Die verborgene Wildnis haben sich an einem realen Ort zugetragen. Die Besucher*innen der Lesung vor etwas mehr als anderthalb Monaten dürften diesen Ort alle gekannt haben: den Schrevenpark in Kiel.

    Der Park ist eine grüne Oase inmitten der Hafenstadt, liebevoll Schrevi genannt. Man kann dort tagsüber spazieren gehen und abschalten oder auf einer der vielen Bänke Platz nehmen und den Blick über den Schreventeich schweifen lassen. Viele nutzen den Pfad rings um den Park fürs Joggen. Einige spannen auch eine Slackline fürs seiltänzerische Balancieren zwischen zwei Bäumen auf. Abends kann man den Tag auf einer der Wiesen ausklingen lassen oder Boule auf einer öffentlichen Boule-Anlage spielen, direkt neben dem Café Castello, das in der Nyneve als Castillo auftaucht. Im Sommer wird nicht selten bis spätnachts gefeiert.

    Studierende kommen gern in den Schrevenpark, um abzuhängen. Eltern können mit ihren Kindern auf den Spielplätzen toben oder im Grün einfach mal ausspannen. Und die Älteren finden Ruhe auf den Parkbänken oder drehen eine Runde um den Teich. Wer auch immer herkommt, der Park schirmt seine Besucher*innen gegen die umliegende Stadt ab. Die Fassaden werden zu Kulissen, die hinter dem Grün hervorlugen, werden Hintergrund für eine eigene kleine Welt, die weder städtisch noch Wildnis ist.

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    Die Elfe und der Krieger #16: Mittsommerfest

    Inhaltshinweise zu dieser Geschichte

    „Ob du es schaffen wirst?“, wiederholte Finnigan die Frage seiner Schülerin und versuchte, während er sich den Rauschbart rieb, möglichst bedächtig zu klingen. „Nun, zumindest besteht die Möglichkeit, dass ich dich auf eine meiner Reisen mitnehme, damit du die Gelegenheit bekommst, dein Talent einem Publikum vorzuführen.“ Er zwinkerte Lysha zu. „Dann werden wir wissen, ob du es schaffst!“

    „Einem Publikum?“, fragte Lysha unsicher. Sie war sich darüber im Klaren, dass sie, um eine echte Bardin zu werden, eines Tages vor Publikum spielen musste. Doch der Gedanke, sie müsse es schon sehr bald tun, jagte ihr Angst ein. Zugleich fühlte sie auch eine wilde Aufregung dabei!

    „Ich befürchte jedoch, dass mein Alter keine längeren Unternehmungen mehr zulässt“, offenbarte ihr Finnigan sodann. Bevor die Enttäuschung in den Augen seiner Schülerin zu groß werden konnte, schob er nach: „Warum singst du nicht einfach heute Abend auf dem Mittsommerfest?“

    Lyshas Augen wurden groß. „Was? Wie? Heute Abend schon? Aber, Meister Finnigan, ich weiß nicht, ob ich schon so weit bin!“

    Hufgetrappel wurde laut und ohne weitere Vorwarnung preschte ein Pferd den holprigen Bergpfad hinab. Kieselsteine sprengten unter den kräftigen Hufen in die Luft davon. Lyshas Herz schlug höher, als sie einen Blick auf den Reiter erhaschte. Sein Gesicht kam ihr sonderbar vertraut vor.

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